14. Dover


Den 28sten Jun. Abends 9 Uhr

 

Diesen Spaziergang am Strand gäb' ich nicht um vieles! Es war etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang; der Himmel blau und heiter und wolkenleer über uns. Das Meer rauschte auf den Kieseln des abschüssigen Strands fast ohne Wellen; denn ein sanfter Morgenwind hauchte nur längs seiner Oberfläche hin, und die Ebbe milderte die Gewalt der majestätisch anprellenden großen Kreise, die der Krümmung des Ufers parallel in schäumenden Linien verrauschten. – Hinter uns hing Shakespeare's Felsen hoch und schauervoll in der Luft: eine turmähnliche senkrecht abgestürzte Masse, fünfhundert Fuß über der Meeresfläche erhaben, weiß, und nur mit etwas daran hängendem Grün verziert. Links auf einer ähnlichen doch etwas mindern Höhe, über dem Kieselstrande, straubten sich im magischen Lichte der Dämmerung die malerischen Türme des Schlosses von Dover, gleichsam vor dem Sturz, an dessen Rande sie standen. Und jenseits des blauen Meeres, das links und rechts im unabsehlichen Horizont sich verlor, lag Frankreichs weiße und blaue Küste in manchen hervorspringenden Hügeln vor uns hingestreckt. So wie wir dieses Schauspiel betrachteten, und von einem Gegenstande zum andern unsre Blicke wandern ließen, wachten neue Empfindungen in uns auf. – Plötzlich, indem ich die felsenähnlichen Spitzen des Schlosses betrachtete, tat mein Reisegefährte einen Schrei – des Erstaunens und Entzückens. Ich wandte mich um, und sah über dem Ufer von Calais ein aufloderndes Feuer. Es war der Vollmond, welcher göttlich aus dem Meere stieg, und allmählich sich über die Region der dichtern Dünste erhob. Welch ein Anblick von unbeschreiblicher Einfalt und Pracht! Bald höher und höher emporschwebend, schickte er von Frankreichs Ufer bis nach Albion herüber einen hellen Lichtstreif, der, wie ein gewässertes Band, zwischen beiden Ländern eine täuschende Vereinigung zu knüpfen schien. Im Dunkel das längs der Felsenwand unter dem Schlosse herrschte, flimmerte ein Licht romantisch hervor; über Shakespeare's Cliff hing ein schöner Stern im weißesten Glanze nieder. O Natur! die Größe womit du die Seele erfüllst, ist heilig und erhaben über allen Ausdruck. Shakespeare's Cliff nannten uns die Knaben, wie sie am Strande spielten, bei diesem geliebten Namen.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 16.11.2007 
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