8) Scheintod durch Frost

8) Scheintod durch Frost. Die Wirkungen starker Kälte auf den Körper sind: zuerst Schmerzen in den Teilen, worauf die Kälte wirket, anfangs ein Gefühl von Kälte, darauf brennende Hitze. Diese Schmerzen vergehen aber bald, es tritt große Gleichgültigkeit ein, der Mensch bekommt einen unwiderstehlichen, an Wollust grenzenden Reiz zum Schlafen, er setzt sich mit hohem Wonnegefühle nieder, um einzuschlafen und nicht wieder zu erwachen. Dieses Gefühl ist nach dem einstimmigen Zeugnis erfroren gewesener Personen so unwiderstehlich reizend, dass sie sich selbst bei dem Bewusstsein, dadurch in die größte Lebensgefahr stürzen zu müssen, dennoch niedersetzten. — Weiterhin entsteht wirkliche Erstarrung und Steifheit des Körpers. Der Tod erfolgt hier a) durch Reizentziehung; b) durch den Blutandrang nach innen, wodurch leicht Schlagfluss erregt wird. c) Zuletzt erfolgt der Tod auch durch die Starrheit und aufhörende Verschiebbarkeit der Teile, wodurch das Atemholen früh gehemmt wird. — Übrigens tötet die Kälte nicht schnell; man hat Beispiele, dass Erfrorne noch am vierten, fünften Tage des Scheintodes zum Leben gebracht worden sind. Daher setze man die Behandlung Erfrorener ja recht lange fort und gebe nicht zu früh die Hoffnung der Belebung auf.

Vorsichtsmassregeln bei Reisenden in der Kälte. a) Man überlade den Magen nicht mit vielen Speisen. b) Man meide alle geistigen Getränke. c) Man bewege sich gehörig und wage es nicht, sich hinzusetzen. Fährt man im Wagen oder Schlitten, so gehe man abwechselnd zu Fuß, so wie man Müdigkeit spürt. d) Man trinke des Tages einigemal starken Kaffee und sei munter und aufgeweckt im Geiste. e) Spürt man jene angenehme Müdigkeit und kann ihr nicht widerstehen, so nehme man ein kleines Stück Kampfer in den Mund. Der Kampfer ist ein herrliches Bewahrungsmittel vor dem Erfrieren; jeder Reisende sollte ihn billig in einer kleinen Büchse bei sich führen. Er vertreibt sogleich die Müdigkeit und erwärmt den Körper.

Behandlung des Erfrorenen. a) Man transportiere und entkleide ihn vorsichtig, damit seine Glieder nicht verrenkt oder zerbrochen werden. b) Man bringe ihn in eine Temperatur, die nicht bedeutend höher ist, als die des gefrornen Körpers, sonst entstehen über den ganzen Körper Brandblasen, oder das Leben selbst kehrt nicht wieder zurück. Man lege den Körper in Schnee oder in eiskaltes Wasser, worin man von Zeit zu Zeit noch Eisstücke wirft. Doch achte man darauf, dass Mund und Nase frei bleiben. Zeigen sich in dem Schnee oder dem Wasserbade, worin man den Körper im Notfalle Tage lang liegen lassen muss, Spuren des Lebens, so bringe man ihn in ein kaltes Zimmer und lege ihn in ein kaltes Bette. Man gebe dem Kranken nichts Reizendes, kein warmes Getränk, sonst bekommt er Frostbeulen an der Zunge; — man lasse die Wärme allmählich und mäßig heran. Dennoch entstehen auch ohne angewandte Reizmittel oft heftiges Herzklopfen und Engbrüstigkeit, welche nach zurückgekehrtem Leben eintreten und ein Aderlass erfordern. — Der Schnee bleibt bei allen Erfrornen das beste Belebungsmittel. Sind nur einzelne Teile des Körpers erfroren, z. B. Hände, Füße, Nase, Ohren, so müssen diese mit Schnee tüchtig gerieben und späterhin mit Kampferspiritus gewaschen werden. Stubenwärme und Ofenhitze befördern dagegen den Brand der Teile und den frühen Tod. —


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