Böhmische Dörfer

Böhmische Dörfer. Dass dieser Ausdruck zuerst angewandt wurde, um etwas als ebenso fremdartig wie die slawischen Dorfbezeichnungen und das ganze slawische Idiom überhaupt zu charakterisieren, wird kaum zu bezweifeln sein. In diesem Sinne ist er schon seit dem 16. Jahrhundert nachzuweisen. Interessant sind aber dann die seit Mitte des 18. Jahrhunderts in immer neuerer Abwechslung auftauchenden Parallelbildungen. So werden in einem Brief des österreichischen Dichters v. Scheyb an Gottsched vom 6. Juni 1750 bereits arabische Dörfer entsprechend erwähnt.

Goethe modelt darauf in Werthers Leiden (2. Bch. 24. Dez. 1771) die Wendung von spanischen Dörfern. Dazu sucht Wilh. v. Schlegel (1828) in einer Anmerkung zu einem neu abgedruckten Athenäumsaufsatz gewissermaßen die Erklärung zu geben, indem er im Anschluß an eine Strophe aus der Voßischen ›Schläferin‹:

 

"Fremd, wie Böhmen und Spanien,

Sah das Mädchen mich an"

 

des näheren ausführt: "In der ersten Zeile sind zwei sprichwörtliche Redensarten zusammengeknetet; die eine ›Das sind ihm böhmische Dörfer‹; die andre ›Dies oder jenes kommt einem spanisch vor‹. Die erste ist wohl daher abzuleiten, dass in den böhmischen Städten beide Sprachen geredet wurden, in den Dörfern aber nur die böhmische, so dass der Deutsche sich da nicht mehr verständigen konnte. Zu der zweiten Redensart mochte die strenge Kriegszucht Anlaß geben, die Herzog Alba auch unter den deutschen Truppen einführen wollte."

Sogar ägyptische Dörfer gebraucht Goltz, Ein Kleinstädter in Ägypten (1853, 114) im selben Sinne. Dazu vergl. noch die jüdisch-deutsche Parallele polnische Dörfer bei Wander, Deutsches Sprichw.-Lexikon 1, 677.

Alle diese Neubildungen haben jedoch die alte Wendung nicht verdrängen können, die nebenher bei Tentzel, Hancke und Lessing, bei Thümmel, Seume, Langbein, bei Brentano, Tieck u. a. weiter geführt wird. Vgl. nur noch die hübsche humoristische Charakteristik bei Gutzkow 1, 181: "Bei dem Einen sieht ein böhmisches Dorf so aus wie das, wovon gerade die Rede ist, beim Andern wie ein Satz aus der Naturgeschichte, beim Dritten wie der Pythagoräische Lehrsatz, beim Vierten wie die Theorie der Gleichungen vom vierten Grade, beim Fünften, einem Minister, wie sein Portefeuille, beim Sechsten wie etwas, was man schon wieder vergessen hat oder, bei musikalischen Referenten, wie Etwas, wovon man nichts versteht", usw.


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