§ 2. Die veränderlichen Meinungen (opinions mobiles)
der Massen


Über den festen Glaubensanschauungen, deren Macht wir darlegten, liegt eine Schicht von Meinungen, Ideen, Gedanken, die fortwährend entstehen und vergehen. Manche sind sehr vergänglich und die bedeutendsten überdauern kaum das Leben einer Generation. Wir haben bereits festgestellt, dass die Veränderungen dieser Meinungen zuweilen mehr an ihrer Oberfläche als in ihrem Wesen vorgehen und immer den Stempel der Rasseneigenschaften tragen. Wenn wir beispielsweise die politischen Einrichtungen unseres Landes betrachten, sehen wir, dass die scheinbar entgegengesetzten Parteien: Monarchisten, Radikale, Imperialisten, Sozialisten usw. völlig übereinstimmende Ideale haben, und dass diese Ideale sich einzig und allein auf die geistige Verfassung unserer Rasse beziehen, denn unter den gleichen Namen finden sich bei andren Rassen ganz entgegengesetzte Ideale. Weder durch die Namen der Anschauungen noch durch ihre täuschenden Anpassungen wird der Kern der Dinge verändert. Die Bürger der Revolutionszeit, die, ganz erfüllt von der lateinischen Literatur, gebannt von der römischen Republik, ihre Gesetze, Liktorenbündel, Togen übernahmen, wurden dadurch noch keine Römer, weil sie unter der Herrschaft einer mächtigen historischen Täuschung standen.

Es ist die Aufgabe des Philosophen, zu erforschen, was sich unter den scheinbaren Veränderungen von den alten Überzeugungen erhält, und in der Flut der Meinungen diejenigen Bewegungen herauszufinden, die durch die Grundanschauungen und die Rassenseele bestimmt werden. Ohne diesen philosophischen Maßstab könnte man glauben, die Massen änderten ihre politischen und religiösen Überzeugungen häufig und wirklich. Die ganze Geschichte der Politik, der Religion, der Kunst und der Literatur scheint das in der Tat zu bezeugen.

Nehmen wir z. B. einen kurzen Zeitabschnitt unserer eignen Geschichte, etwa von 1790 bis 1820, also dreißig Jahre, die Dauer eines Menschenalters. Wir sehen innerhalb dieser Zeit, wie die Massen, die erst monarchistisch sind, revolutionär, dann imperialistisch und schließlich wieder monarchistisch werden. In der Religion wenden sie sich in der gleichen Zeit vom Katholizismus zum Atheismus, dann zum Deismus und kehren zu den strengsten Formen des Katholizismus zurück. Und nicht allein die Massen, auch die Führer sind denselben Veränderungen unterworfen. Man sieht die großen Konventsmitglieder, die geschworenen Feinde der Könige, die von Gott und Teufel nichts wissen wollen, ergebene Diener Napoleons werden und unter Ludwig XVIII. bei den Prozessionen fromm ihre Kerzen tragen.

Und welche Wandlungen dann in den Massenanschauungen der folgenden siebzig Jahre! Das "perfide Albion" vom Beginn dieses Jahrhunderts wird unter den Erben Napoleons Frankreichs Verbündeter; Rußland, das zweimal mit uns im Kriege lag und sich über unsere letzten Schicksalsschläge so sehr gefreut hatte, wird plötzlich als Freund betrachtet.

In der Literatur, der Kunst, der Philosophie geht der Wechsel noch schneller vor sich. Romantik, Naturalismus, Mystizismus usw. tauchen auf und verschwinden im raschen Wechsel. Die gestern gefeierten Künstler und Schriftsteller werden morgen aufs tiefste verachtet.

Was sehen wir aber, wenn wir diese scheinbar so tiefen Wandlungen untersuchen? Alle Ansichten, die im Gegensatz stehen zu den Grundanschauungen und -gefühlen der Rasse sind nur von sehr kurzer Dauer, und der abgelenkte Strom nimmt rasch seinen gewohnten Lauf wieder auf. Die Anschauungen, die sich an keine Grundüberzeugung, an kein Gefühl der Rasse knüpfen, und die also keinen Bestand haben können, sind allen Zufällen oder, wenn man will, den geringsten Veränderungen der Verhältnisse preisgegeben. Sie sind mit Hilfe von Suggestion und Ansteckung entstanden, sind stets flüchtiger Art und erscheinen und verschwinden auch oft ebenso schnell wie die Sanddünen, die der Wind am Meeresstrande bildet.

Die Anzahl der unbeständigen Meinungen der Massen ist heutzutage größer als je, und zwar aus drei verschiedenen Gründen.

Erstens büßen die alten Glaubenslehren nach und nach ihre Herrschaft ein und wirken nicht mehr wie früher richtunggebend auf die Meinungen. Das Erlöschen der Gesamtüberzeugungen gibt Raum für eine Menge Sonderanschauungen ohne Vergangenheit und Zukunft.

Zweitens wächst die Macht der Massen immer mehr und findet immer weniger Gegengewicht, so dass sich die außerordentliche Beweglichkeit der Ideen, die wir bei ihnen fanden, frei entfalten kann.

Drittens führt die neuerdings so verbreitete Presse unaufhörlich die entgegengesetzten Meinungen vor den Augen der Masse vorüber. Die Wirkungen, die jede von ihnen eben hervorzurufen suchte, werden bald von widersprechenden Einflüssen aufgehoben. Keine Meinung kann sich richtig verbreiten, und alle führen nur ein vergängliches Dasein. Sie sind tot, bevor sie bekannt genug sind, um allgemein zu werden.


 © textlog.de 2004 • 27.02.2017 10:08:45 •
Seite zuletzt aktualisiert: 09.12.2006 
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