§ 3. Die Erfahrung


Die Erfahrung ist so ziemlich das einzige wirksame Mittel, um der Massenseele eine Wahrheit fest einzupflanzen und zu gefährlich gewordene Täuschungen zu zerstören. Dazu muß die Erfahrung auf einer breiten Grundlage ruhen und oft wiederholt werden. Die von einer Generation gesammelten Erfahrungen sind im allgemeinen für die folgende nutzlos, darum hat es keinen Zweck, geschichtliche Ereignisse als Beweise anzuführen. Ihr einziger Nutzen ist, dass sie zeigt, in welchem Maße die Erfahrungen in jedem Zeitalter wiederholt werden müssen, um irgendwelchen Einfluß zu gewinnen und den Erfolg zu haben, auch nur einen Irrtum, der mit der Massenseele verwachsen ist, auszurotten.

Unser Jahrhundert und das vorhergehende werden von den Historikern der Zukunft zweifellos als eine Zeit merkwürdiger Erfahrungen bezeichnet werden. Kein anderes Zeitalter hat so viele aufzuweisen.

Die gewaltigste Erfahrung war die Französische Revolution. Um zu entdecken, dass man eine Gesellschaft nicht mit den Mitteln der reinen Vernunft von Grund auf erneuern kann, mußten einige Millionen Menschen hingeschlachtet und ganz Europa zwanzig Jahre lang erschüttert werden. Um uns durch die Erfahrung zu beweisen, dass Cäsaren den Völkern, die ihnen zujauchzen, teuer zu stehen kommen, waren innerhalb fünfzig Jahren zwei vernichtende Erfahrungen nötig, die trotz ihrer Verständlichkeit nicht überzeugend genug gewesen zu sein scheinen. Gleichwohl kostete die erste drei Millionen Menschen und einen feindlichen Einmarsch, die zweite eine Zerreißung des Landes und die Notwendigkeit stehender Heere. Eine dritte wäre beinahe vor kurzem gemacht worden und wird eines Tages sicherlich gemacht werden. Um uns zu beweisen, dass das riesige deutsche Heer nicht, wie man uns vor 1870 lehrte, eine Art harmloser Nationalgarde *) ist, war der schreckliche Krieg nötig, der uns so viel gekostet hat. Um zu der Erkenntnis zu kommen, dass das Schutzzollsystem die Völker, die es anwenden, endgültig zugrunde richtet, werden noch unheilvolle Erfahrungen nötig sein. Diese Beispiele ließen sich ins Unendliche vermehren.

 

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*) Die Anschauung der Massen bildete sich in diesem Fall durch die groben Verbindungen unähnlicher Dinge, deren Mechanik ich früher erklärt habe. Weil damals unsere Nationalgarde aus friedlichen Kleinbürgern ohne jede straffe Zucht bestand und nicht ernst zu nehmen war, erweckte alles, was einen ähnlichen Namen trug, dieselben Bilder und wurde folglich für ebenso harmlos gehalten. Der Irrtum der Massen wurde damals, wie es bei allgemeinen Anschauungen so oft der Fall ist, von den Führern geteilt. In einer Rede, die Herr Thiers am 31. Dezember 1867 in der Deputiertenkammer hielt, wiederholte er, ein Staatsmann, der der Massenanschauung oft gefolgt ist, Preußen besitze außer einem aktiven Heere, an Zahl dem unsrigen fast gleich, nur eine Nationalgarde, die von derselben Art, wie wir sie einmal besessen und demnach ohne Bedeutung sei — eine ebenso richtige Behauptung wie die berühmte Prophezeiung desselben Staatsmannes über die Zukunftslosigkeit der Eisenbahnen.


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