§ 1. Die Führer der Massen


Sobald eine gewisse Anzahl lebender Wesen vereinigt ist, einerlei, ob eine Herde Tiere oder eine Menschenmenge, unterstellen sie sich unwillkürlich einem Oberhaupt, d. h. einem Führer.

In den menschlichen Massen spielt der Führer eine hervorragende Rolle. Sein Wille ist der Kern, um den sich die Anschauungen bilden und ausgleichen. Die Masse ist eine Herde, die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß.

Sehr oft war der Führer zuerst ein Geführter, der selbst von der Idee hypnotisiert war, deren Apostel er später wurde. Sie hat ihn so sehr erfüllt, dass neben ihr alles verschwand und dass ihm nun jede gegenteilige Anschauung als Irrtum und Aberglaube erscheint. So z. B. Robespierre, der von seinen wunderlichen Ideen so hypnotisiert war, dass er sich zu ihrer Verbreitung der Mittel der Inquisition bediente.

Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und könnten auch nicht anders sein, da der Scharfblick im allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit führt. Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reizbaren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns befinden. So abgeschmackt auch die verfochtene Idee oder das verfolgte Ziel sein mag, gegen ihre Überzeugung wird alle Logik zunichte. Verachtung und Verfolgung stört sie nicht oder erregt sie nur noch mehr. Persönliches Interesse, Familie, alles wird geopfert. Sogar der Selbsterhaltungstrieb ist bei ihnen ausgeschaltet, und zwar in solchem Maße, dass die einzige Belohnung, die sie oft anstreben, das Martyrium ist. Die Stärke ihres Glaubens verleiht ihren Worten eine große suggestive Macht. Die Menge hört immer auf den Menschen, der über einen starken Willen verfügt. Die in der Masse vereinigten Einzelnen verlieren allen Willen und wenden sich instinktiv dem zu, der ihn besitzt.

An Führern hat es den Völkern nie gefehlt, aber sie besitzen nicht alle die starken Überzeugungen, die den Apostel machen. Oft sind es geschickte Redner, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen und durch Schmeicheln niedriger Instinkte zu überreden suchen. Der Einfluß, den sie ausüben, bleibt stets nur äußerlich. Die großen Überzeugten, die die Massenseele erhoben haben, wie Peter von Amiens, Luther, Savonarola, die Revolutionsmänner, begeisterten erst, nachdem sie selbst durch einen Glauben begeistert waren. Dann freilich konnten sie in den Seelen jene furchtbare Macht erzeugen, die Glaube heißt und den Menschen zum völligen Sklaven seines Traumes macht.

Glauben erwecken, sei es religiöser, politischer oder sozialer Glaube, Glaube an eine Person oder an eine Idee, das ist die besondere Rolle des großen Führers. Von allen Kräften, die der Menschheit zur Verfügung stehen, war der Glaube stets eine der bedeutendsten, und mit Recht schreibt ihm das Evangelium die Macht zu, Berge zu versetzen. Dem Menschen einen Glauben schenken, heißt seine Kraft verzehnfachen. Die großen geschichtlichen Ereignisse wurden oft von unbekannten Gläubigen verwirklicht, die nichts als ihren Glauben besaßen. Nicht die Gelehrten und Philosophen, vor allem nicht die Skeptiker, haben die großen Religionen geschaffen, die die Welt und die riesigen Reiche, die sich von der einen Erdhälfte bis zur andern erstreckten, beherrscht haben.

Doch solche Beispiele passen nur für die großen Führer, und die sind so selten, dass die Geschichte ihre Zahl leicht feststellen könnte. Sie bilden den Gipfel einer absteigenden Reihe, von den Führernaturen angefangen bis hinunter zum Arbeiter, der in einer rauchigen Kneipe seine Genossen nach und nach begeistert, indem er fortwährend ein paar kaum verstandene Redensarten wiederholt, die nach seiner Meinung alle Träume und Hoffnungen verwirklichen würden.

In allen sozialen Schichten, von der höchsten bis zur niedrigsten, gerät der Mensch, sobald er nicht mehr alleinsteht, leicht unter die Herrschaft eines Führers. Die meisten Menschen, besonders in den Massen des Volkes, haben von nichts außerhalb ihres Berufsfaches eine klare und richtige Vorstellung. Sie sind nicht imstande, sich selbst zu leiten; so dient ihnen der Führer als Wegweiser. Er kann zur Not, aber nur sehr unzureichend, durch Zeitungen ersetzt werden, die ihren Lesern Meinungen anfertigen und Redensarten bieten, welche alles Denken ersparen.

Die Herrschaft der Führer ist äußerst gewaltsam und verdankt nur dieser Gewalt ihre Geltung. Man kann oft erleben, wie leicht sie sich in unruhigsten Arbeiterschichten Gehorsam verschaffen, ohne ein anderes Mittel als ihr Ansehen anzuwenden. Sie bestimmen die Zahl der Arbeitsstunden, die Lohntarife, beschließen die Streiks, lassen sie zu einer bestimmten Stunde beginnen und enden.

Heute haben es die Führer darauf abgesehen, nach und nach die öffentlichen Gewalten zu ersetzen, soweit man sie erörtern und schwächen kann. Durch ihre Gewaltherrschaft erreichen diese neuen Herren, dass die Massen ihnen viel leichter folgen als irgendeiner Regierung. Verschwindet durch einen Zufall der Führer und ist nicht sofort Ersatz da, so wird die Masse wieder eine Menge ohne Zusammenhang und Widerstandskraft. Während eines Streiks der Pariser Omnibusangestellten genügte die Verhaftung der beiden Anführer, die ihn leiteten, um ihm sofort ein Ende zu bereiten. Nicht das Freiheitsbedürfnis, sondern der Diensteifer herrscht stets in der Massenseele. Ihr Drang, zu gehorchen, ist so groß, dass sie sich jedem, der sich zu ihrem Herrn erklärt, instinktiv unterordnen.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 00:08:20 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.12.2006 
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