Rolle und Macht der Führer


Führer sind offenbar notwendig, denn man findet sie als Parteihäupter in allen Ländern. Sie sind die wahren Herren der Versammlungen. Die Menschen, die in den Massen vereinigt sind, würden ohne Führer nicht fertig werden, und so zeigen die Abstimmungen im allgemeinen nur die Anschauungen einer kleinen Minderheit.

Ich wiederhole: die Führer wirken nur sehr wenig durch ihre Beweisgründe, sehr stark aber durch ihren Nimbus. Wenn irgendein Umstand ihn aufhebt, verlieren sie jeden Einfluß.

Dieser Führernimbus ist persönlich und hat nichts mit Namen und Berühmtheit zu tun. Jules Simon gibt uns recht eigenartige Beispiele dafür, wenn er über die großen Männer der Versammlung von 1848, der er beiwohnte, sagt:

"Noch zwei Monate vor seiner Allgewalt war Louis Napoleon nichts.

Victor Hugo bestieg die Rednertribüne. Aber er hatte keinen Erfolg. Man hörte ihn an, wie man Felix Pyat anhörte, aber er hatte nicht den gleichen Beifall. 'Ich liebe seine Ideen nicht', sagte mir Vaulabelle über Felix Pyat, 'aber er ist einer der größten Schriftsteller und der größte Redner Frankreichs.' Der seltene und mächtige Geist eines Edgar Quinet galt nichts. Er hatte seinen volkstümlichen Augenblick vor Eröffnung der Versammlung gehabt, in der Versammlung kam er nicht auf.

Die politischen Versammlungen sind die Stätten der Welt, wo der Glanz des Genies am wenigsten zur Geltung kommt. Man rechnet hier nur mit einer Beredsamkeit, die der Zeit und dem Ort angepaßt ist, und mit Diensten, die man den Parteien erwiesen hat, nicht dem Vaterland. Damit Lamartine 1848 und Thiers 1871 zur Anerkennung gelangten, bedurfte es der dringenden, unabweisbaren Wichtigkeit als treibender Kraft. Als die Gefahr vorüber war, verschwand mit der Furcht auch die Dankbarkeit."

Ich habe die Stelle nur der Tatsachen wegen wiedergegeben, die sie enthält, nicht wegen der versuchten Erklärungen, sie zeigen nur eine mittelmäßige Psychologie. Eine Masse würde ihren Charakter als Masse ja sogleich verlieren, wenn sie den Führern ihre Dienste, mögen sie nun dem Vaterland oder der Partei geleistet worden sein, in Anrechnung brächte. Die Masse unterliegt dem Nimbus des Führers, ohne dass ein Gefühl des Vorteils oder der Dankbarkeit dabei mitspielt.

Der Führer, der über genügend Nimbus verfügt, besitzt denn auch eine fast unumschränkte Macht. Man kennt die ungeheure Wirkung, die ein berühmter Abgeordneter dank seines Nimbus, den er dann infolge gewisser finanzieller Vorkommnisse augenblicklich einbüßte, jahrelang ausgeübt hat. Auf ein bloßes Zeichen von ihm wurden Minister gestürzt. Ein Schriftsteller hat in folgenden Zeilen die Tragweite seines Wirkens klar gezeichnet:

"Herrn C ... besonders verdanken wir es, dass wir Tonking dreimal so teuer erkaufen mußten, als es hätte sein dürfen, dass wir auf Madagaskar nur eine unsichere Stellung gewonnen haben, dass wir uns ein ganzes Reich am unteren Niger rauben ließen, dass wir in Ägypten unsere Vorherrschaft eingebüßt haben. — Die Theorien von Herrn C ... haben uns mehr Gebiet gekostet als die Niederlagen Napoleons I."

Wir dürfen dem Führer deswegen nicht zu sehr zürnen. Gewiß ist es uns teuer zu stehen gekommen, aber ein großer Teil seines Einflusses hing mit seiner Anschmiegung an die öffentliche Meinung zusammen, die in kolonialen Fragen keineswegs die von heute war. Selten schreitet ein Führer der öffentlichen Meinung voran, fast immer begnügt er sich damit, ihre Irrtümer anzunehmen.


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