Einteilung der Führer


Innerhalb der Klasse der Führer läßt sich eine ziemlich scharfe Einteilung vornehmen. Zu der einen Art gehören die energischen, willensstarken, aber nicht ausdauernden Menschen; zur andern, viel selteneren, die Menschen mit einem starken, ausdauernden Willen. Die ersteren sind heftig, tapfer, kühn. Sie taugen besonders dazu, einen Handstreich durchzuführen, die Massen trotz der Gefahr mitzureißen und die jungen Rekruten in Helden zu verwandeln. So waren z. B. im ersten Kaiserreich Ney und Murat. So war auch noch zu unserer Zeit Garibaldi, ein talentloser, aber energischer Abenteurer, dem es gelang, mit einer Handvoll Menschen sich des ehemaligen Königreichs Neapel zu bemächtigen, obwohl es von einem regelrechten Heer verteidigt wurde.

Aber wenn die Energie solcher Führer auch gewaltig ist, so ist sie doch nur vorübergehend und überdauert kaum den Aufschwung, den sie erzeugten. Sind die Helden in den Strom des gewöhnlichen Lebens zurückgetaucht, so geben sie, die früher so feurig waren, Beweise von erstaunlicher Schwäche. Sie scheinen unfähig zum Nachdenken und können sich in den einfachsten Verhältnissen nicht zurechtfinden, nachdem sie doch vorher die andern so gut zu leiten verstanden. Diese Führer können ihre Aufgabe nur dann erfüllen, wenn sie selbst unausgesetzt geführt und angetrieben werden, stets einen Menschen oder eine Idee über sich fühlen und genauen Verhaltungsregeln folgen müssen.

Die zweite Führerklasse, die der Menschen mit ausdauerndem Willen, übt trotz ihres weniger glänzenden Auftretens einen viel bedeutenderen Einfluß aus. Zu ihnen gehören die wahren Begründer von Religionen oder großen Werken: Paulus, Mohammed, Kolumbus, Lesseps. Mögen sie intelligent, beschränkt oder unbedeutend sein, stets wird die Welt für sie eintreten. Der beharrliche Wille, den sie besitzen, ist eine unendlich seltene und unendlich mächtige Eigenschaft, die sich alles unterwirft. Man ist sich nicht immer klar genug darüber, was ein starker und stetiger Wille vermag. Nichts widersteht ihm, weder die Natur noch die Götter noch die Menschen.

Das jüngste Beispiel hat uns der berühmte Ingenieur gegeben, der zwei Erdteile voneinander trennte und den Versuch durchführte, den dreitausend Jahre hindurch die größten Herrscher vergeblich unternommen hatten. Er scheiterte später an einem gleichartigen Unternehmen, aber dann war er alt, und im Alter erlischt alles, auch der Wille.

Um die Macht des Willens zu beweisen, braucht man nur die Geschichte der Schwierigkeiten, die bei dem Durchstich des Suezkanals zu überwinden waren, mit allen Einzelheiten zu erzählen. Ein Augenzeuge, Doktor Cazalis, hat die Ausführung dieses Riesenwerkes in einige ergreifende Zeilen zusammengefaßt, wie sie dessen unsterblicher Urheber schilderte. "Er erzählte Tag für Tag, in einzelnen Abschnitten das Gedicht vom Kanal. Er erzählte von allem, was er zu überwinden hatte, von allem Unmöglichen, das er möglich gemacht hatte, von allen Widerständen, den Bündnissen gegen ihn, den Bitterkeiten, Unfällen, Schlappen, die ihn aber nie entmutigen und lähmen konnten; er dachte an England, das ihn bekämpfte, ihn unablässig angriff, erinnerte an Ägypten und Frankreich, die zögerten, an den französischen Konsul, der sich mehr als die andern den ersten Arbeiten widersetzte, und wie man sich ihm entgegenstellte, indem man die Arbeiter durch den Durst zu beeinflussen suchte und ihnen das Trinkwasser verweigerte; dann sprach er vom Marineministerium und von den Ingenieuren, von all den ernsten, erfahrenen Kennern ihrer Wissenschaft, die naturgemäß alle feindlich gesinnt und theoretisch von dem Fehlschlag überzeugt waren, den sie berechneten und in Aussicht stellten, wie man eine Sonnenfinsternis für einen bestimmten Tag oder eine bestimmte Stunde voraussagt." Das Buch, in dem das Leben all dieser großen Führer zu schildern wäre, würde nicht viele Namen enthalten, aber diese Namen standen an der Spitze der wichtigsten Ereignisse der Kultur und Geschichte.


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