Rhetorik der Führer


Die Überredungsmittel der Führer sind, abgesehen von ihrem Nimbus, die Faktoren, die wir schon wiederholt aufgezählt haben. Um sie geschickt zu handhaben, muß der Führer, wenigstens unbewußt, die Psychologie der Massen erfaßt haben und wissen, wie man zu ihnen zu sprechen hat. Vor allem muß er den bezaubernden Einfluß der Worte, Redewendungen und Bilder kennen. Er muß eine besondere Beredsamkeit besitzen, die aus energischen Behauptungen, die nicht zu beweisen sind, und eindrucksvollen, von ganz allgemeinen Urteilen umrahmten Bildern zusammengesetzt ist. Diese Art Beredsamkeit findet man in allen Versammlungen, das englische Parlament, das ausgeglichenste von allen, inbegriffen.

"Wir können beständig die Verhandlungen im Unterhause verfolgen", bemerkt der englische Philosoph Maine, "wo alle Verhandlungen im Austausch recht schwacher Gemeinplätze und grober Anzüglichkeiten bestehn. Auf die Einbildungskraft einer reinen Demokratie übt diese Art allgemeiner Redensarten eine erstaunliche Wirkung aus. Es wird immer leicht zu erreichen sein, dass eine Masse allgemeinen Versicherungen zustimmt, die mit packenden Worten vorgebracht werden, obwohl sie sich nie bewahrheitet haben, und ihre Verwirklichung vielleicht gar nicht möglich ist."

Wie die angeführte Stelle zeigt, kann die Bedeutung der "Schlagworte" gar nicht überschätzt werden. Schon öfter haben wir die besondere Macht der Worte und Redewendungen betont, die so gewählt wurden, dass sie nur recht lebhafte Bilder hervorrufen. Folgender Satz aus der Rede eines Führers in Versammlungen gibt uns eine ausreichende Probe davon:

"An dem Tage, da einmal dasselbe Schiff den unlauteren Politiker und den mörderischen Anarchisten nach den Fiebergebieten der Verbannung bringt, werden sie sich miteinander unterhalten können und werden sich gegenseitig als die beiden komplementären Seiten derselben Gesellschaftsordnung erscheinen."

Das so hervorgerufene Bild ist klar und treffend, und alle Gegner des Redners fühlen sich dadurch getroffen. Sie sehen mit einemmal die Fiebergebiete, das Fahrzeug, das sie hinführen könnte, denn gehören sie nicht vielleicht zu der recht unbestimmt abgegrenzten Klasse der bedrohten Politiker? Es befällt sie also die gleiche dumpfe Furcht, wie sie die Konventsmitglieder empfunden haben müssen, die durch die unbestimmten Reden Robespierres mehr oder weniger mit der Guillotine bedroht wurden und ihm unter dem Druck dieser Furcht stets nachgaben.

Die Führer neigen alle dazu, in die unwahrscheinlichsten Übertreibungen zu verfallen. Der Redner, von dem ich soeben einen Satz anführte, konnte, ohne großen Protest hervorzurufen, behaupten, dass die Bankiers und Priester Bombenwerfer bezahlten, und die Verwaltungsräte der großen Finanzgesellschaften die gleiche Strafe verdienten wie die Anarchisten. Auf die Massen wirken solche Mittel immer. Die Behauptung ist nie zu stark, der Ton nie zu drohend. Nichts schüchtert die Zuhörer mehr ein. Durch Widerspruch fürchten sie für Verräter oder Mitschuldige zu gelten.

Diese besondere Beredsamkeit hat, wie gesagt, stets alle Versammlungen beherrscht, in kritischen Zeiten ist sie nur ausgeprägter. In dieser Hinsicht ist es interessant, die Reden der großen Revolutionsredner zu lesen. Sie fühlten sich verpflichtet, sich alle Augenblicke zu unterbrechen, um das Verbrechen zu verdammen und die Tugend zu preisen; dann brachen sie in Verwünschungen gegen die Tyrannen aus und schwuren, frei leben oder sterben zu wollen. Die Anwesenden erhoben sich, klatschten stürmisch Beifall und ließen sich dann beruhigt wieder nieder.

Zuweilen gibt es einen intelligenten und gebildeten Führer, doch das schadet ihm in der Regel mehr als es ihm nützt. Die Intelligenz, die die Verbundenheit aller Dinge erkennt, die Verstehen und Erklären ermöglicht, macht nachgiebig und vermindert die Kraft und Gewalt der Überzeugungen erheblich, die die Apostel nötig haben. Die großen Führer aller Zeiten, die der Revolution hauptsächlich, waren sehr beschränkt und haben deshalb den größten Einfluß ausgeübt.

Die Reden des berühmtesten unter ihnen, Robespierre, verblüffen oft durch ihre Zusammenhanglosigkeit. Wenn man sie liest, findet man keine annehmbare Erklärung für die ungeheure Rolle des mächtigen Diktators:

"Gemeinplätze und Weitschweifigkeiten pädagogischer Beredsamkeit und lateinischer Bildung im Dienste einer eher kindlichen als platten Seele, die sich beim Angriff wie bei der Verteidigung auf das 'komm doch ran' von Schülern zu beschränken scheint. Nicht ein Gedanke, keine Wendung, kein Einfall — es ist die Langeweile in höchster Steigerung. Man hört verdrießlich auf zu lesen und hat Lust, mit dem liebenswürdigen Camille Desmoulins 'ach!' zu seufzen."

Man erschrickt, wenn man bedenkt, welche Macht ein Mann, der sich mit einem Nimbus zu umgeben weiß, durch die Verbindung von starker Überzeugung mit außergewöhnlicher Beschränktheit des Geistes erlangt. Das sind jedoch die notwendigen Vorbedingungen, um die Hindernisse zu übersehen und um wollen zu können. Instinktiv erkennen die Massen in diesen kraftvoll Überzeugten die Gebieter, die sie brauchen.

Der Erfolg einer Rede in einer Parlamentsversammlung hängt fast ausschließlich vom Nimbus des Redners ab, keineswegs von den Gründen, die er vorbringt.

Der unbekannte Redner, dessen Rede gute Beweisgründe, aber nur Beweisgründe enthält, hat keine Aussicht, auch nur angehört zu werden. Ein ehemaliger Abgeordneter, Herr Descubes, hat das Bild des einflußlosen Abgeordneten in folgenden Zeilen entworfen:

"Sobald er die Rednerbühne bestiegen hat, nimmt er aus seiner Mappe einen Aktenstoß, den er planmäßig vor sich ausbreitet, und beginnt voll Zuversicht.

Er schmeichelt sich, die Überzeugung, die ihn beseelt, auf die Gemüter der Hörer übertragen zu können. Er hat seine Beweisgründe erwogen, steckt übervoll von Zahlen und Beweisen und ist überzeugt, recht zu haben. Jeder Widerstand wird vor der Klarheit seiner Darlegungen schwinden. Er beginnt im Vertrauen auf sein gutes Recht und die Aufmerksamkeit seiner Kollegen, die gewiß nichts mehr wünschen, als sich vor der Wahrheit beugen zu dürfen.

Er spricht — und sofort wundert er sich über die Bewegung im Saale und den Lärm, der so entsteht, er ist überrascht und etwas aufgeregt.

Warum wird es nicht ruhig? Weshalb diese allgemeine Unaufmerksamkeit? Was denken denn die, die sich miteinander unterhalten? Welch dringender Grund veranlaßt einen andern, seinen Platz zu verlassen?

Auf seinem Gesicht zeigt sich Unruhe; er runzelt die Stirn, hält inne. Durch den Vorsitzenden ermutigt, fährt er mit erhobener Stimme fort. Dieselbe Unaufmerksamkeit. Er überanstrengt seine Stimme, wird unruhig; der Lärm um ihn herum steigert sich. Er hört sich selbst nicht mehr, hält wieder inne, dann spricht er so gut es geht weiter, aus Furcht, sein Stillschweigen könne den peinlichen Ruf 'Schluß!' heraufbeschwören. Der Lärm wird unerträglich."

 

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