Wie sie starben


Das dicke kleine Buch, um das es sich hier handelt, ist bei Gottlieb Friderich Jenisch in Stuttgart, Franckfurt und Leipzig 1753 erschienen und hat einen Titel, der sich, wie es in jener Zeit üblich war, über die ganze Seite erstreckt. Man erfährt aus ihm, dass in den folgenden 900 Seiten die »Seeligen letzten Stunden von 31 Personen« geschildert sind, »so unter des Scharfrichters Hand gestorben: Vor der Welt, als Kindes- und andere Mörder, Duellanten, Jauner, Diebe, Mordbrener, Viehisch-Unzüchtige, und Militar-Verbrechere; vor GOtt aber, als in dem Blute JEsu gerechtfertigt und abgewaschene, oder doch gnadenhungrige Seelen.«

Geschrieben haben es die jeweiligen Seelsorger, die um die Verurteilten zuletzt bemüht waren. Wenn Ludwig Thoma einmal gefragt hat, wie solch ein Mann es fertigbringe, die Mordtat des Staates mit den Lehren seiner Religion in Einklang zu bringen – hier würde er, wenn auch keine Antwort, so doch eine grauenerregende Demonstration finden.

Das Schema, nach dem verfahren wird, ist folgendes: Der Geistliche kommt zu der verurteilten Person und befragt sie zunächst um ihre Sünden (in irdischer Beziehung), dann setzt er ihr auseinander, dass sie mit diesen ihren Taten auch gegen die göttlichen Verbote verstoßen habe, und beginnt zu beten. Zwanzig Druckseiten, dreißig Druckseiten werden in den Berichten mit Sätzen gefüllt, die man nicht lesen mag, weil sie in langweiliger Wiederholung göttliche Namen, Bibelfloskeln und Psalmenbruchstücke enthalten. Manchmal sind die herzigkindlichen Antworten und Fragen des Opfers mit angegeben.

Aber das ist ja alles nicht wahr: denn die armen Dienstmädchen, die ihre Kinder in die Mülleimer steckten, und die Mörder, die nach unseren Rechtsbegriffen wohl meist Totschläger waren, werden in den letzten zehn Tagen kaum noch gewußt haben, was sie vor Angst brabbelten. Oder sie mögen zynisch und kalt geblieben sein bis zuletzt. Aber das ist in dem Buch nicht vermerkt. Alle sind als arme, aber von Jesu begnadigte Sünder in die selige Ewigkeit übergegangen. Amen.

Was uns fesselt, ist also nicht der endlose Monolog des Geistlichen mit einem, der schon nicht mehr zuhörte, weil er längst etwas Schlimmeres war als nur tot. Uns interessiert: Was haben sie getan? Wie sind sie gestorben?

Folgen wir den Berichten, so müssen die Verbrechen sehr uninteressant gewesen sein. Mörder, Kindermörderinnen, Deserteure. Die Darstellung beschränkt sich darauf, kurz und aktenmäßig anzugeben, was die Leute verbrochen hatten.

Aber wie starben sie? Je nachdem man sie hinrichtete. Einer, »welcher sich in Potsdam vor dem berlinischen Thore wider GOtt auf eine mehr als Sodomitische Art versündiget hatte, und deßwegen gefänglich eingezogen war, auch nach Urteil und Recht lebendig verbrannt werden sollte«, bewies bis zuletzt eine Ruhe, die man nur begreift, wenn man die Verlogenheit derartiger Berichte kennt. Dieser »herzlich und rechtschaffen bekehrte Andreas Lepsch, so um viehischer Unzucht willen das Leben lassen« mußte, hat angeblich überhaupt kein Zeichen der Furcht von sich gegeben. »Als wir nun zuletzt mit ihm an der Gerichts-Stätte gebetet hatten, und der Scharffrichter ihn mit gebundenen Händen zum Scheiterhauffen führen wollte, fragte ich ihn: Wie ist Euch? Antw. Recht wohl! Fr. Wo werdet Ihr nun hingehen? zum Leben oder zum Tode? Antw. Ich gehe zum Leben, denn Jesus Christus ist in mir. Als er nun an den Pfahl angebunden war, fragte ich ihn zu allerletzt: Andreas, wie ist Euch? Antw. Recht sehr wohl! Fr. Wer hat Euer Herz? Antw. Mein Herz ist bey dem HErrn JEsu. Darauf war der Scheiterhauffen angezündet, und dise begnadigte Seele ging zu Christo ihrem Erlöser.« Das war der Pastor Schubert und der Sodomit Lepsch, und man soll sie niemals auf eine Stufe stellen.

Und es war am 18. September 1738, da der Soldat Christian Friedrich Ritter nach seiner Bekehrung ein herrliches Ende nahm, maßen man ihn von unten auf räderte. »Seine Arme und Füße streckte er selbst aus. Die Augen aber tat er zu, ohne Zweiffel darum, damit er sein nach der Seligkeit recht brennendes Herz desto besser für allen Zerstreuungen bewahren möchte. Der Scharffrichter meynete er thäte solches aus Furcht, und sagte daher zu ihm, er solle sich nicht fürchten, und seine Augen nur aufthun, der sel. Ritter schlug dann seine Augen ganz frölich auf, und sprach zum Scharffrichter: O ja! Ich darf meine Augen wohl aufthun: Denn ich sterbe in JEsus Nahmen. Dises waren seine letzten Worte. Darauf gieng sofort die Exekution an, mit welcher man zugleich zu singen anfieng. Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht usw. Er empfieng etwan 17. biß 18. Stöße mit dem Rade und gab hiermit seinen Geist auf.« Man denkt an Goya und alle Schrecken der Welt. Es ist sicher nicht Hohn, das mit den geschlossenen Augen. Der Pfaffe mag immerhin geglaubt haben, dass der Mensch nicht ohnmächtig war, sondern der Bekehrung bedurfte. Aber dass sie ein schönes Lied sangen, das war Berechnung: denn das gräßliche Brüllen mochte wohl im Gegensatz zu den öligen Worten der Priester gestanden haben.

Rührend ist der Soldat Blühdorn gewesen. Dem zerstießen sie auf dem Rad erst Arme und Beine, was er »gedultig« über sich ergehen ließ und »ohne ungedultiges Schreyen«. Dann wurde er, noch lebend, aufs Rad gelegt. Dann ein unglaubliches Bild: »Die Herren Prediger traten wechselweise zu ihm hinauf auf eine Leiter mit ihm zu beten usw. und das Rad mußte ihnen da gleichsam zur Canzel dienen, indem sie auch das Volck zu einer gründlichen Buße und rechtschaffenen Bekehrung ernstlich ermahneten. Der arme Sünder betete noch immer mit lauter Stimme und sang darzwischen, da ihm bißweilen von dem Prediger das Gesangbuch vorgehalten wurde, und man sahe, wie er sich dazu bequemte, indem er den Kopf in der Höhe zu halten mit dem zerbrochenen Arm bemühet war.« Dann marschierten seine Kameraden ab, und am Abend gab noch einmal der Garnisonprediger eine Freivorstellung am Rad. Er betete ständig. Einmal brüllte Blühdorn um Wasser. Der Pfaffe verwies ihn auf den dürstenden Heiland. Schließlich setzte man durch – ein Läufer wurde an den König geschickt –, dass er erwürgt wurde. Er hat siebzehn Stunden auf dem Rad gelegen. Der Prediger Grothausen, »so bey des Malificanten Ende gewesen«, hat es uns selbst berichtet.

Der Rührendste von allen aber ist der Obrist Wartmann gewesen, der im Schwäbischen anno 1721 hingerichtet wurde, weil er seinen Wirt, den Herrn Zillhaardt von Beylstein, mit der Pistole erschossen hatte. Der Mörder ging nach der Tat, so schnell als es seine Gichtbeine erlaubten, in das nächste Dorf; er wollte über die Grenze, nach Württemberg – aber schon waren sie ihm auf dem Hals, fingen ihn und steckten ihn in Arrest. Er wurde zum Tode verurteilt. Der Ortspfarrer beschreibt auf den 76 Seiten genau die Wirkungen des langwierigen Verfahrens auf den Delinquenten, das Todesurteil, die responsa der Juristenfakultät und all das. Sie führten fromme Gespräche – tagelang, wochenlang.

Und dann kam der letzte Nachmittag. » ... fiengen wir wieder an zu discourieren; der Obriste nahm mich endlich auf eine Seite und fragte mich: Ob der Scharffrichter schon hier wäre ? Ich sagte: Nein! Aber er wird bald kommen. Der Obriste sprach: Ich möchte gern selber mit ihm reden, wann ich anderst Erlaubnuß hätte.« Dem Pfarrer schien dies mißlich – was er denn von ihm wolle? Er wolle sitzend hingerichtet werden, und auf ein Zeichen, »dieß solle geschehen durch Ausruffung des Nahmen JEsu«. Aber sie brachten ihn davon ab, und schließlich konzedierte er: »Nun dann, so mag er zuhauen, wann ich den Hals über sich recke.« Und dann kam die Nacht und viele Gebete, und es steht nicht in dem Bericht, dass der Obrist Wartmann weich geworden sei. Und der Himmel wurde grau und hell und »endlich so wurde es sowohl vor unserer Stuben, als auf der Gassen, ziemlich laut und die Leute fiengen an, sich zu versammlen, man ließe mir auch andeuten, wir sollten uns zu dem Ausgang parat machen«. Und was nun begann, ist das Merkwürdigste und Ergreifendste des ganzen Buches.

Der Mörder fing an, auf eine naive und täppische Art sich noch ein paar Lebensminuten zu verschaffen. Er trödelte herum, er suchte nach allerhand Vorwänden, um noch sechzig Sekunden weiterleben zu können. »Mein GOtt! es ist noch finster und nichts zu tun, wie leicht könnte von dem Scharffrichter ein Miß-Streich geschehen! es hat geheißen, um vier Uhr soll es erst angehen, man wird mich ja nicht übereilen!« Er wußte schon, dass die »Gutsche« vor dem Tor stand, und wollte noch nicht einsteigen. Da war noch sit venia verbo etwas zu erledigen, und bei dieser Gelegenheit gelang es ihm, mit dem Scharfrichter zu sprechen. Sitzend und auf das verabredete Zeichen wollte er hingerichtet werden. Dann kam er zurück und fiel zum erstenmal um. Sie trösteten ihn. Darauf suchte er seine Schlafmütze zusammen, schob sie in seine Tasche und brach auf. »Behüte Euch GOtt alle miteinander!« sagte er zu den Zuschauern, die an der gegenüberliegenden Kirchhofsmauer standen. Er wollte zu Fuß gehen, aber sie schlugen ihm diesen Wunsch ab, bei dem er sicherlich seine zwölf Minuten profitiert hätte. Und als er im Wagen saß, »ruffte er dem Knecht selber zu, er solle ganz gemach fahren«. Seine Hand war eiskalt, aber er fragte doch noch, wem der Wagen, die Pferde und die Knechte gehörten und wo man ihn beerdigen würde.

Und Menschen setzten einen Menschen auf das Stühlchen, und der Name JEsu wurde öfters als in einer Kirche ausgesprochen, und bevor sie ihn töteten, versprachen sie ihm die ewige Seligkeit. Den letzten Juni 1721, früh zwischen drei und vier Uhr.

 

 

Kurt Tucholsky

Vorwärts, 07.03.1914, Nr. 47.





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