Als Vagabund um die Erde


(Harry Franck: »Als Vagabund um die Erde«. Rütten und Loening, Frankfurt a. M. 1912)

 

Der Tatbestand ist ganz einfach: ein junger amerikanischer Student unternimmt eine Reise um die Erde, beginnt mit dem Atlantischen Ozean, dann London, Frankreich, die Schweiz, Italien, die Ufer des Mittelländischen Meeres, Arabien, Palästina, Kairo, das Nilland, Indien, Siam, Japan, der Stille Ozean. Derartige Reisen sind oft unternommen worden, seine Reise noch niemals. Er hat einen großen Teil dieses Weges zu Fuß zurückgelegt, auch das ist nicht neu, er ist fast ohne Geldmittel ausgefahren, andere haben sich durchgebettelt, aber Franck hat seine 110 Dollars für Fotografieren ausgegeben und sich seinen Lebensunterhalt erarbeitet.

Das Buch trägt als Motto den Ausspruch Rousseaus: »Um die wirklichen Sitten eines Landes kennenzulernen, muß man in andere Schichten heruntersteigen. Denn die Lebensweise der Reichen ist fast überall dieselbe.« Woraus folgt, dass der Weltreisende, der mit Cook oder Stangen fährt, nur Kulissen sieht und außer den üblichen charakteristischen Bettlern nur Leute, die sich ein wenig in der Uniform von denen in der Heimat unterscheiden. Franck ist arbeitend durch die Welt gezogen. Was das heißen will, kann nicht einmal ein seßhafter Arbeiter ermessen. Von einer Stadt in die andere, ohne Kenntnis der Arbeitsbedingungen, ohne genaue Kenntnis der meisten Sprachen (er sprach allerdings englisch, französisch und deutsch, ein wenig spanisch und italienisch, aber was bedeutet das gegenüber den zahllosen indischen Stämmen und Arabern, mit denen er zu tun hatte?). – Der rein literarische Wert des Buches ist nicht eben groß. Es ist mit einer geschäftsmäßigen Sachlichkeit geschrieben und bietet dem Ethnologen nur insofern Neues, als hier einmal die uns geographisch bekannte Welt aus der Froschperspektive gesehen ist. Das ist speziell bei den europäischen Staaten von Interesse, die niemals beschriebene Unterwelt der großen Hafenstädte hat einer durchzogen, der sonst über ihr stand. So konnte er mit viel schärferem Auge ihre Gesetze und ihre Lebensform erkennen, als dies ein wahrer Vagabund je vermag.

In dem ganzen Buch ist keine der üblichen Heldentaten zu finden. Aber die Reise ist eine.

»Alles in allem trieb mich zu ihr eine angeborene Wanderlust, die ich als Amerikaner nicht als einzig für mich charakteristisch in Anspruch nehmen kann.« Aber wie verschieden ist diese amerikanische Wanderlust von der vielbesungenen deutschen. Bei uns ist es träumender Idealismus, der die Herzen weit macht und eine rechte Gunst erweisen will und ziellos hinaustreibt. Bei Franck ist es ein Überschuß an Kraft. Wieviel Energie muß dieser Mann, der durchaus als Durchschnittstypus seiner Rasse anzusehen ist, besitzen, wenn er sie so vergeuden kann. Es ist ein ungeheurer Überschuß an Kraft, in der Welt herumzufahren, es immer wieder mit neuen Hindernissen aufzunehmen, ohne es zu müssen! Er hätte in jeder Stadt zum Konsul gehn können und heimreisen! Aber er plagte sich immer wieder, durch Empfehlungen, Sichvordrängen, mit Gewalt, auf alle Arten sich Arbeit zu verschaffen. Er hat alles gemacht. Er hat Viehtransporte geleitet, Feste bei dem englischen Konsul in Kairo vorbereitet, er war Clown, Matrose, Fischer, Gelegenheitsarbeiter. Es ist typisch für den Amerikaner, wie er die meisten Schwierigkeiten überwindet, ohne sie überhaupt zu kennen. Dieser Einzug jedesmal in eine fremde Stadt, ohne zu wissen, was kommt, wie es sein wird, immer mit der festen Zuversicht, nein, mit der absoluten Gewißheit: es wird sich schon irgend etwas finden, das ist typisch. Die Vorbildung durch den Sport: In Verona ist Bäckerstreik, und von der Stadtverwaltung wird Brot umsonst verteilt. Die Menge kämpft um jeden Laib. »Bei all ihrem Lärmen und Gestikulieren weiß eine italienische Menge nichts von den Grundregeln des Fußballspiels, so dass ich bald die vorderste Reihe erreicht hatte.« Oder ein andermal: Ein Glück, daß diese Siamesen nicht boxen können. Er ist gar kein Held, dieser Amerikaner. Kein Held in dem Sinne, dass er wie ein Deutscher alles nach dem heimatlichen Schema sieht und die Abweichungen anrempelt. Große Strecken ist Franck ohne Waffe gereist, und in Siam ist er und ein Australier, einer seiner Reisekameraden, von sechs Soldaten mit geladenen Gewehren verfolgt worden. Sie gingen ruhig weiter, in der Erwartung, dass die »wilden Männer« es nicht wagen würden, auf einen Weißen zu schießen. »Mein Fleisch zog sich zusammen, als ob es schon vorher den Stich der Kugel fühlte, und ich fragte mich, in welchen Körperteil sie mich wohl treffen würde. Aber der Kerl machte seiner Wut in Schreien und Zielen Luft; den Hahn abzudrücken, wagte er nicht.« Sie entrissen schließlich einem der Soldaten das Gewehr und schlugen die ganze Gesellschaft in die Flucht.

Harry Franck stellt den Menschen der kräftigsten Rasse dar. Er spricht einmal selbst von der »Energie des Westens« und er überschätzt sich keineswegs; er weiß genau, wann er zu schweigen hat, er ist wie ein Gummiball, elastisch, aber unzerstörbar. Wie verschieden von dem Germanen, der spröde zur Unzeit ist und sich lieber zerschlagen läßt, oder weich wie Wachs wird. Hätten wir ein Zehntel dieses ungeheuren Willens! Ein Zehntel dieser Natur, die mit allem fertig wird, kühl die Situation übersieht, nur das Nötigste tut und spricht und vor allem, vor allem: die es als so etwas Selbstverständliches wie die Luft und das Wasser empfindet, dass Pläne nichts taugen, die man nicht durchsetzt, Köpfe nichts wert sind, die nicht eine Mauer einrennen, und die einen Erfolg nicht bejubelt, sondern als natürlich erwartet hat. Hätten wir ein Zehntel dieser Energie! Die Moral, das Kunstleben, Familienspektakel mit klatschbedürftigen Frauen und Pantoffelhelden, die deutsche Politik, die Politik gegen Junker, die nur die Kraft tolpatschiger Bären besitzen – ein Zehntel der amerikanischen Energie, und es stände besser um uns!

 

Kurt Tucholsky

Prager Tageblatt, 09.06.1912, Nr. 157, S. 27.

 

 





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