Strindbergs »Totentanz«


Strindbergs »Totentanz« wurde im Deutschen Theater zu Berlin aufgeführt. Über die Aufführung wird uns geschrieben. Der Fall ist der: denke dir das legitime Zusammenleben eines Mannes und einer Frau, entkleidet von allen gesellschaftlichen, sozialen Einflüssen, so dass nichts übrig bleibt als die nackte Ehe – was geschieht? Was geschieht, wenn Mann und Frau nur auf sich angewiesen sind, in, sagen wir, in einem runden Festungsturm auf einer Insel lebend? Was geschieht? »Es ist vielleicht unsere Mission, uns zu quälen«, sagt einmal der Mann, und dies ist schlimmer als eine Feindschaft von Kerl zu Kerl, hier haßt man aneinander vorbei. Und sie werden sich 25 Jahre lang küssen und anspucken, in derselben Stunde kreischen und ringen, weinen und lachen, hassen und ihre Kinder zu Parteikämpfern machen, Karten spielen und sinnlose Schreie ausstoßen zwischen Niederlagen und Siegen ... Das ist der Totentanz.

Es gibt ein paar Momente in diesem Stück, in denen die Menschen, der Ehemann und die Ehefrau, und der Freund und Feind beider, zu genau über sich Bescheid wissen und das auch aussprechen. Das Furchtbare steckt ja nicht darin, dass eine Frau sich an der Krankheit ihres Mannes rachsüchtig weidet, sondern dass in ihren ruhigsten, glücklichsten Stunden die Seelen glimmen wie glühende Asche, ein Hauch, und sie brennen lichterloh. Einmal wird gefragt: »Wenn du Richter wärest, wem würdest du recht geben, ihm oder mir?« Antwort: »Keinem.« Strindberg zeigt zähneknirschend die Niederlage eines, der recht hat. Zeigt, wie er von der Frau nicht los kann. Wie kein Mann los kann. Wie der alte General recht hatte, der sagte: »Wenn wir nur nicht mit ihnen schlafen müßten!« Strindberg stöhnt nicht: »die Frauen!« – sondern: »das ist das Komplement zum Manne.«

Die Regie begriff das. Vor allem: Wegener begriff das. Wenn er am Schluß nach allem Toben und Kreischen, nach allen wüsten Szenen, nach 25 Jahren Aufruhr und Hölle resigniert, an die Erde, an die Frau gefesselt, fragt: »Silberne Hochzeit?« Und wenn sie, die Frau, zu bleiben verspricht: »Also gut: silberne Hochzeit« – das war etwas Großes. Oder wenn der Herbstwind ein Fenster klirrend aufschlägt, ein Frösteln geht durch den runden Raum, der Kopf Wegeners reißt sich erschreckt offenen Mundes empor: dann fühlt man, dass es letzten Endes unwägbare Dinge sind, die die Beziehungen zwischen Mann und Frau regeln. – Die Szenerie war am Anfang die gleiche wie am Schluß: der Mann und die Frau saßen, den Rücken zum Publikum, jeder in seinem Lehnstuhl, er rechts, sie links, und es gab so viel dazwischen ...

 

 

tu.

Dresdner Volkszeitung (Andruck, 1913).





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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