Das Synonymenlexikon


Den dicken Söderström hat es schon immer geärgert, dass er für alle Leute nur immer der Kunstmaler sein soll. Er war doch ein denkender Mensch, Teufel nicht noch einmal! Und er hatte Ideen, und er hatte einen Füllfederhalter, und es war eigentlich nicht einzusehen, warum er nicht auch schreiben sollte.

Ich tat alles, um ihm das auszureden. Ich sagte ihm: »Sieh mal, malen kannst du ja auch nicht, aber du hast eine gewisse Fähigkeit im Durchpausen, und das ist auch etwas wert. Aber das mit dem Schreiben, das laß nur lieber sein. Dazu bist du viel zu klug«, sagte ich zu ihm. Aber selbst das zog nicht, er antwortete gar nicht, sondern ging schweren Schrittes an seine Malkiste, wo die Farben lagen und die Pinsel und die Fotografien aus den illustrierten Blättern zum Abzeichnen, und fischte ein Stück Papier heraus. »Ich werde es dir mal vorlesen«, sagte er. Gott behüte! Über die ersten drei Zeilen ließ ich ihn nicht weg. Er hatte eine Art, die Präposition »mit« anzuwenden, dass es einen jammern konnte. Dieses Zauberwort verknüpfte alle Dinge, er backte sie aufeinander, das war seine Paradenummer. »Das Haus mit seinen kleinen Fensterläden, mit seinen Türen, mit seinen Einwohnern, mit seinen Blumenstöcken auf den Balkons ... « Ich schlich mich auf den Zehen aus dem Zimmer, und als er anfing, das zu merken und mit Malgerät zu werfen, war ich längst draußen.

Aber nun muß ich sagen, dass unser gemeinsamer Freund Eduard eines Tages eine entsetzliche Entdeckung machte. Er bekam nämlich heraus, dass es ein Synonymenlexikon gebe, ein dickes Buch, in dem alle gleichgearteten Wörter nebeneinander aufgereiht waren, und wenn man um einen Ausdruck verlegen war, so sah man eben nach. Ich benutze nun dergleichen gar nicht, mein Wortschatz ist klein, aber rein, und ich beabsichtige nicht, bei meinem hohen Alter noch etwas dazuzulernen. Dagegen bat ich Eduard dringend, dieses höllische Buch dem dicken Söderström auf keinen Fall zu zeigen. Es würde ein Unglück geben.

Aber man kann nicht immer so, wie man will. Der erwähnte Kunstmaler hat nämlich die Angewohnheit, ins Zimmer zu treten und alles, bis auf den Papierkorb, abzutasten. »Was ist das für ein Buch? Warum steht das hier und nicht auf dem Regal? Da ist ja ein neuer Fettfleck im Atlas! Warum hast du mir den noch gar nicht gezeigt? Und sieh mal hier, ein Stecknadelkissen! Wozu brauchst du ein Stecknadelkissen? Wenn es noch eine Schachtel wäre, nein ... «

»Aber, Söderström, das gehört mir nicht, es gehört meiner Schwester.«

Er hörte schon gar nicht mehr zu. »Das Blau hier ist kein hübsches Blau. Wer wird denn eine blaue Decke haben, Ultraviolett, mein Lieber!«

Also auf einem dieser Pirschgänge entdeckte Söderström, der mit einem fabelhaften Instinkt alles Neue witterte, auch das Synonymenlexikon, das bei Eduard leider frei herumstand. Aber nun ging es los. »Was ist das? Warum ist das? Wo hast du das her? Was hat es gekostet? Brauchst du das oft?« Einen Regenschirm gegen dieses Fragengewitter gab es nicht, und nachdem die ersten Niederschläge vorüber waren und Eduard wieder jappen konnte, stürzte der Maler ans Telefon. Das mußte er auch haben! Und bestellte es.

Was dann geschah, ist nicht ganz klar geworden. Söderström sprach auch nie davon. Als Eduard einmal das Synonymenlexikon erwähnte, wurde der Dicke auffallend rot und lenkte gewaltsam ab. Er habe sich maniküren lassen! Er sagte das, weil er wußte, welche Sensation das war, offenbar wollte er uns mit seinen sauberen Fingern auf andere Gedanken bringen.

Und jahrelang hinterher sollte ich dem verreisten Söderström eine Tube Karmoisinrot nachschicken, und dabei mußte ich an die Malkiste. Zuunterst auf dem Boden lag ein Stoß Papiere. Ich zog sie ans Licht ...

Als ich ausgelacht hatte, verließ ich mit wehem Kreuz das Gemach. Zwei Manuskripte nahm ich mit: sie waren zerknittert, als ob sie viele, viele Postsendungen mitgemacht hätten. Das eine kannte ich. Es war der Anfang einer kleinen Novelle, an der sich der Kunstmaler versucht hatte, und hieß so: »Der Vater und die Mutter saßen in munterem Gespräch beim Nachmittagskaffee. ›Weißt du vielleicht, wo die Kinder sind?‹ Der Angeredete mit seinem stattlichen Vollbart, seinen blitzenden Augengläsern und seiner kühnen Adlernase erwiderte sogleich: ›Ich glaubte, sie seien zu Hause.‹ Dann stand er auf, drückte seiner Frau die Hand und hob warnend den Zeigefinger.

›Viel Vergnügen, aber bitte keine Übertreibungen heute abend beim Ball.‹ Dann zog er sich den Mantel an, setzte sich den Zylinder auf und verließ die Wohnung.«

Gott weiß, was in der Novelle noch alles passierte. Wie aber aus dem zweiten Manuskript hervorging, muß sie Söderström an Hand des Synonymenlexikons gänzlich umgearbeitet haben, und nun sah sie so aus:

»Der Erzeuger und die Brutstätte kauerten in himmelhoch jauchzendem Wortstreit beim Fraß. ›Ist dir vielleicht ein Licht aufgegangen, Gespons, wo die Guckindiewelts vorhanden sind?‹ Der Angebrüllte, mit seiner stattlichen gebauten Behaarung, mit seinem brillanten Fernstecher und seinem tollkühnen Geruchsorgan entgegnete lauf enden Jahres: ›Ich wähnte sie in der Mutter Schoß.‹ Dann reckte er sich in die Höhe, preßte seinem Eheweib den Arm und stellte seinen Daumen auf die Hinterfüße. ›Reichliche Wonnen, aber, ich flehe dich an, keine Hyperbeln heutigen Tags in der Nacht beim Hopser.‹ Dann schlüpfte er in das Leibchen, stülpte den Dreispitz aufs Haupt und stürzte aus dem häuslichen Herd.«

Ich hatte es gleich gesagt, ich hatte es gleich gesagt. Und jetzt weiß ich auch, warum den Söderström seine liebe Braut verlassen hat. Er hat ihr bestimmt seine Liebesbriefe nach dem Lexikon geschrieben. Und da er es liebt, ihre Gliedmaßen einzeln zu besingen, so kann ich mir ungefähr vorstellen, was da herausgekommen ist.

 

 

Ignaz Wrobel

Jugend (Volksstimme), 1914, Nr. 19, 1916-1918.





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