Die schöne Schutzmannsfrau


Gott weiß, wer sich den Spaß erlaubt hatte: sie träufelten dem Schuhuh Hennessy ein, während er grade schlief, und als das verehrungswürdige und weise Tier erwachte, klapperte es mit den rostigen Augendeckeln, flog in Zickzackflügen über die Erde und bildete sich ein, ein Aeroplan zu sein. Zum Schluß stürzte er ab, besah die Unglücksstätte und sprach sich krächzend das tiefste Beileid aus.

Der Dichter Mynona hat seine entzückenden kleinen Prosa-Arbeiten, die bisher in obskuren Blättern verstreut waren, gesammelt und im Verlag der Weißen Bücher zu Leipzig unter dem Titel: ›Rosa, die schöne Schutzmannsfrau‹ herausgegeben. Aaah! kann man da mir sagen. Zuerst sieht man, wofern man Mynona bereits kennt, gierig das ganze Buch durch, ob noch alles da ist. Ja, da ist: ›Von der Wolke, welche so gern geregnet hätte‹, und ›Der zarte Riese‹, und ›Zur Tödlichkeit des Sächselns‹ und vor allem: ›Verstellung‹. Es ist im großen und ganzen eine anmutige Mischung der schärfsten Logik mit der ansprechendsten Art von Verrücktheit. Entweder die Dinge sind bis zum definitiven Ende gedacht – und das vertragen sie nicht alle; oder sie sind aus der Froschperspektive betrachtet – und das ist manchmal auch ganz schön. Warum soll man nicht Weihnachten einmal in den Hundstagen feiern? Nesselgrün, der Schauspieler, steckte mit dieser Idee den ganzen kleinen Ort an: »Bald flammten Lichterbäume an allen Fenstern, man sang heilige Lieder ... « Wer wird daran Anstoß nehmen? Höchstens die möblierte Zimmerwirtin des Herrn Nesselgrün. Es ist so eine Art listiger Ironie, die heftig grinsend aber auch gar nichts Heiliges mehr anerkennt. Nicht nur Rosegger – nein, auch die immerhin sich gut bewährt habende Einrichtung des Todes beulkt Mynona. Die menschlichen Gesetze gelten nicht mehr, die Adjektiva sind keine, sondern kugelige Igel, die Stacheln haben und das Substantiv stechen, und noch ein bürgerliches Komma kann sich in einen spitzigen Haken verwandeln, Wenn ihr den Papagei überlebt auf Seite 105 – »Im Bett zur rechten Hand regte sich etwas mit einer Schlafhaube. Das war Papchen, der Frau Ohnemanns (selig) Schlafhaube um den Kopf gewickelt trug und ihr Hemd anhatte. Als Blaffke ihn von diesen ihm nicht anstehenden Wäschestücken befreit hatte, rief der Papagei mit einer Energie, die gar nicht schlecht war: ›Willi! Wach auf! 's ist Zeit!‹« – Silentium für den Anakoluth! Wenn ihr also, sagt ich, hierüber hinwegkommt, dann wünsch ich euch ein fröhliches Lesen unter der grünenden Weihnachtstanne. Das walte Gott!

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 25.12.1913, Nr. 52, S. 1296.





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