Anglikanische Pastöre


Also das geht nun gar nicht. Ich habe sie im Zug nach Lourdes gesehen und auf vielen Bildern: die glatten Ledergesichter der Hagern, wie Fußball-Champions, und die guten, onkelhaften der Dicken – ja, sie hatten diese schwarzen Röcke an, es waren wohl Geistliche, alles, was recht ist ... aber es waren keine.

Ob es nun unsre kontinentale Bilderbucherziehung ist oder was immer: noch am letzten, fettsten, suppenbauchigen katholischen Landpfaffen ist einmal das Geheimnis vorübergegangen. Er hats wohl nicht verstanden, seinerzeit, und jetzt tut er seinen Dienst, so wie andre Menschen Eisenbahnschranken schließen – aber es ist einmal vorübergegangen. Die hohen Kirchenfürsten in Lourdes sahen aus wie die Komiker – aber sie gehörten vermöge Vorbildung, geistigen Trainings, Abstammung, Jugenderziehung einer Kollektivität an, die es verstanden hat.

Mit den Protestanten ist es schon nicht ganz einfach: es ist alles so gutbürgerlich, so verständig, so sanftmütig, so klar – so ganz und gar nicht dumpf-religiös. Es ist keine Musik darin. Aber nun die Engländer! Und die Amerikaner!

Nehmt mir das auch nicht übel: sie sind ohne jede Restriktion komisch. Die Prätention, die da glaubt, mich glauben zu machen, ein bis ins letzte Fäserchen rationaler Herr Smith sei nun auf einmal mit Prokura für ein höheres Wesen ausgestattet – das will mir nicht eingehen. Im Film die Schlußpaare mit langsamer Geste einsegnen – gewiß, warum nicht. Aber ernsthaft mitwirken, wenn von Metaphysik die Rede ist, und nun gar, wenn von keiner die Rede ist – das ist herzerquickend schön. Man fühlt sich so schön draußen, wenn man sie dahingehen sieht – im Pariser Empire stand einer da, das kantige Kinn hölzern in die Luft gestreckt, so sah er auf das Treiben der sündigen Welt. Man sollte diese Pastöre nicht ausgehen lassen. Sie kompromittieren die ganze Firma.

Nach Deutschland dürfen sie. Da gibt es nichts, was die Religion kompromittieren könnte. Denn wenn der Deutsche sieht, wie einer – und nun gar noch mit Unterstützung der Staatsgewalt – eine saure Gurke feierlich umtanzt, so genügt der feste Wille und der starre Glaube des andern, um ihn wankend zu machen. Er spürt da zutiefst etwas von einer neuen Autorität, und das ist immer gut. Dem Volke müssen die sauern Gurken erhalten bleiben.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 10.08.1926, Nr. 32, S. 234.





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