Parodien?


Richard M Punkt Meyer hat (im Verlag von Müller & Rentsch) ein Büchelchen herausgegeben: ›Deutsche Parodien‹. O wären es doch welche! Aber man ist enttäuscht, weil er nach der Deutschen Art und Sitte unterscheidet: »Entweder können wir die Parodie als eine eigene Gattung betrachten und prüfen, wie sich die Fähigkeit entwickelt hat, die Schwächen bekannter Schriftsteller zu erfassen und übertreibend, aber doch kenntlich darzustellen. Oder wir können sie als Helferin bei der literarhistorischen Würdigung benützen. Denn sie zeigt, was jede Periode als auffallend empfand ... « Gewiß. Aber die zweite Gattung wird in den meisten Fällen eine Travestie sein oder ein literarisches Spottlied auf einen Künstler – und das ist keine Parodie. Die ist nur in der ersten Gattung, doch nicht grade in diesem Buch enthalten, das mehr literarische Polemiken bietet als Parodien – bereits muß man sagen: im »eigentlichen« Sinne. Isti professores!

Schon die Anti-Xenien gehören kaum in ein Parodienbuch, wenn es auch an sich interessant ist, zu erfahren, dass es Gleim war, dem der schöne Reim gelang: »Ha, welch ein weiter Weg von Iphigenien – Zu diesen Xenien!« Aber gewiß haben »zeitlose Invektiven« Goethes, wie Meyer das nennt, mit Parodien nichts zu tun. Politische Tendenzpoesie, Herwegh, Morgenstern – es geht ein bißchen bunt zu in dem fesselnden Bändchen. Allerdings muß sich ein Parodienbuch immer wieder mit Mauthnern und dem einzigen Gumppenberg befassen – aber wo nichts ist, hat auch der Professor sein Recht verloren, statt Parodien Heine auszuschlachten. Wirklich hübsch ist am Schluß ein immer wieder reizvolles Spiel ›Variationen über das Thema: Laura am Klavier‹. Die Kostüme hat ein Ungenannter 1883 gefertigt, und stellenweis sitzen sie wie angegossen. Freiligrath: »Das ist mein Wildling, horch, so stampft nur sein Gewüte! Ist Laura, sie, das Weib, mit eines Leus Geblüte – Und seiner Mähnenzier!« Und Scheffel: »Das war im Hai zu Heidelberg – Da saß ein stiller Mann: Er fragte nichts, sie sagte nichts – Und seine Träne rann. Das war im Hai zu Heidelberg – Da schenkt die Laura Bier: Da trink davon! Sie ging davon – Und setzt sich ans Klavier.«

Davon ein Buch voll – und es hätte ›Parodien‹ heißen dürfen. Dies aber ist höchst fesselnde Literaturhistorie und bis auf den Titel wohl zu billigen.

Bei dieser Gelegenheit, Herr Professor: Macht doch einmal ein Buch ›Goethe im Urteil von ...‹ Baumgarten, der Jesuit, müßte drinstehen, Otto Ernst und alles, was unser Herz erhebt. Machts, Herr Professor, machts!

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 29.01.1914, Nr. 5, S. 140.





 © textlog.de 2004-2019 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright