Deutsche und französische Naivität


Neulich abends gab es in einem französischen Blatt folgendes zu sehen:

Große Fotografie: zwei Jungen und ein Mädchen stehen, mit Schneebällen in den Händen, hinter einer Straßenecke und belauern zwei herankommende Kindermädchen. Text, etwa so: »Die kleinen Rangen haben sich hier versteckt, um auf ihre Kindermädchen einen Überfall zu machen. Die tun so, als ahnten sie nichts, und kommen ruhig näher. Das kleine Mädchen muß wohl gelacht haben, denn nun kommt es heraus, alle springen hervor und schreien, und die Überfallenen eilen auf die kleinen Räuber, um sie – zu küssen.«

Man muß schon tief in die Provinz reisen, um in Deutschland so etwas gedruckt ausfindig zu machen – und in einer deutschen Zeitung scheint es mir in diesem Ausmaß überhaupt nicht möglich. Also sind die Franzosen naiv –?

Deutsche Theaterbesucher in Paris sind versucht, die Frage zu bejahen. Das französische Parkett lacht in der Tat über Dinge, die in Deutschland nur noch auf Liebhaberbühnen wild vorkommen oder in kleinen Filmen; es lacht zweimal, dreimal am Abend über denselben dünnen Spaß – und es ist ergriffen, wenn wir vor Langeweile nicht einmal mehr lachen können. Also naiv –?

Nein, anders.

Der Franzose ist harmloser. Er ist harmlos in seinem Liebesleben – im Bad vielleicht ein wenig prüde – aber, wie alle Kenner versichern, durchaus unverderbt, reinlich, mitunter fast fade. Der Export auf diesem Gebiet darf nicht täuschen.

Die scheinbare Naivität des Franzosen erklärt sich daraus, dass ihm seit Jahrhunderten tausend Dinge selbstverständlich, einfach, unkompliziert erscheinen, aus denen wir ein großes Wesen machen. Und so nimmt er die Zeitung, das Theater, ja ganze Teile des öffentlichen Lebens nicht so schwer, nicht so ernst – er wirft einen Blick auf sie und wendet sich anderm zu. Daher es mir denn immer ganz falsch erschienen ist, aus solchen Äußerungen des Franzosen, und nun gar noch des Parisers, irgendwelche Rückschlüsse auf das Wesen der Stadt und der Nation zu ziehen. Schlagsahne – der Kuchen schmeckt ganz, ganz anders. Aber da, wo wir mit Pauken und Trompeten in die Schlacht ziehen, bleibt der Franzose oft kühl. Ich kann mir recht gut denken, daß, wenn ein deutscher Autor vor einem pariser Auditorium mit Emphase herausschmetterte: »Auch die Prostituierten sind Menschen –!« das anwesende Publikum sagte: »Ja, gewiß. Aber warum schreit der Herr so –?« Und hier scheinen wiederum wir ihnen naiv.

Das ganze Alter des französischen Volkes zeigt sich so. Es ist eine Nation von »déjà vu«. Sie haben alles schon einmal gehabt. Und wie einmal ein chinesischer Boy seinem Herrn etwas verachtend gesagt hat: »Chinmann auch Kino gehabt – längst gewußt – will aber nicht«, worüber der heftig amüsiert lachte, so haben diese Nationen mit solchen Ansprüchen durchaus recht. Gewiß hat China das Kino nicht erfunden, aber die geistigen Voraussetzungen zu solcher Einrichtung sind doch bei ihm viel länger vorhanden als im Westen oder gar in Amerika. So etwas muß ohne Werturteil angesehen werden; man soll nicht immer erziehen und Noten austeilen; man muß sehen und beschreiben und den Mund halten.

Das, was an der französischen Literatur mitunter blutleer wirkt, ist eben der Tanz im vierten Stock. Um die Grundmauern kümmert sich kein Mensch – wenigstens der Durchschnitt nicht, dem sie selbstverständlich geworden sind. Daher noch um die Jahrhundertwende in Frankreich eine Klassizität in der Erziehung des Bürgertums, deren heute noch vorhandene Reste uns kleinprovinziell und fast biedermeierisch anmuten, es aber keineswegs sind. Daher die seltsame Gelassenheit solchen Naivitäten wie der beschriebenen gegenüber eine Harmlosigkeit überall da, wo Mehreinsatz Kräfteverschwendung wäre. Es scheint mir eine deutsche Eigenschaft, immer mit Volldampf voraus zu fahren – auch da, wo es gar nicht lohnt. Hier fahren in der Unterhaltung gewissermaßen viel mehr Kleinautos, und der Rennwagen wird nur angekurbelt, wenn die Zeit da ist.

Ein ausgekochter berliner Junge wird den Pariser in vielen Bezirken der Seele naiv finden; der französische Literat den eifernden deutschen Reformer gleichfalls. Wir sind so weit voneinander entfernt, viel weiter als zweiundzwanzig Bahnstunden.

Aber das ist noch kein Grund, sich den Schädel einzuschlagen.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 17.02.1926.





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