Mehr Fotografien!


Im berliner Gewerkschaftshaus hängen an den Wänden Fotografien verstümmelter Hände. Betriebsunfälle der Holzarbeiter. Sie wirken: das rüttelt die Gleichgültigsten auf, bis weit nach rechts setzt es schmierige Feuilletons.

So etwas verdient Nachahmung. So ein Blatt mit den halbierten Fingern redet (agitatorisch) mehr als Statistik, Berichte, als die aufreizendsten Reden. Mehr Fotografien! –

Es gibt schon welche. In der Wohnungsenquete der Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute sind einige Wohnungsaufnahmen, die den Unkundigen erblassen machen – sie sind noch zu mild, zu abgetönt, in Wirklichkeit ist es schlimmer. Aber sie wirken. Da ist eins – 1911 –: ich überlege mir immer, wenn ich es sehe, warum man es nicht längst verwertet hat; In einer Küche – 4, 00 m, 2, 75 m, 2, 60 m – arbeiten vier Personen, darunter zwei schulpflichtige Kinder – an der Herstellung von Knallbonbons ... Dreck, Unordnung, schlechte Luft ... Warum nimmt man dies Bild nicht, fotografiert eine bürgerliche Hochzeitsgesellschaft, einen Tanz – und netzt beide nebeneinander? – Ganz ohne Text, oder vielleicht nur: Hier muß jeder nach seiner Façon selig werden! –

Wir brauchen viel mehr Fotografien. Eine Agitation kann gar nicht schlagfertiger geführt werden. Da gibt es keine Ausreden – so war es, und damit basta.

Wie wäre es mit einer Aufnahme von Sistierungen in Berlin? – Oder: Streikposten und Polizei. Oder: Der Feldwebel Kornischke bei der Rekrutenausbildung, Oder eine Hinrichtung ... ?

Nichts beweist mehr, nichts peitscht mehr auf als diese Bilder. Es gibt so wenige, zerstreut, durch Zufall entstanden. Das ist nichts. Systematisch muß gezeigt werden: so wird geprügelt, und so wird erzogen, so werdet ihr behandelt, und so werdet ihr bestraft. Mit Gegensätzen und Gegenüberstellungen. Und mit wenig Text. Etwa eine Serie: Illustrierte Kaiserworte ...

Ungeahnte Möglichkeiten eröffnen sich: Bethmann, das Deutsche Reich regierend. Oder; Wilhelm II., ein Todesurteil unterschreibend. Oder noch höher: Jagow, einen vernünftigen Erlaß diktierend. Aber freilich: Das Unmögliche kann man nicht fotografieren ...

 

tu.

Vorwärts, 28.06.1912.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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