Ferdinand Bonns gesammelte Werke


Et hoc meminisse iuvabit

 

Darf ich voranschicken, dass dies um Himmelswillen keine Polemik ist (die Leichenschändung wäre), und dass hier kein Feldzug gegen einen völlig ungefährlichen Mann geführt werden soll? Ich bitte, mich als Naturforscher ansehen zu wollen, als einen Ausgraber merkwürdiger Dinge, der streng objektiv seine Schmetterlinge, Käfer und Schlangen einregistriert. Und wenn er einmal ein Tier mit sieben Beinen erwischt, so sei es ferne von ihm, Gott zu lästern. Er lächelt nur freundlich und spricht leise das kurze, aber innige Gebet, welches so weise ist und einem über so viele Dinge hinweghilft: »Das gibts!«

Also dass ich zufällig erst in diesen Tagen hinter die Existenz der vier entzückenden roten Leinenbände – Ferdinand Bonn: ›Gesammelte Werke‹ (im Xenien-Verlag zu Leipzig) – gekommen bin, ist kein Grund, nicht auch andre an meiner Freude teilnehmen zu lassen. Ich habe die schönen Tage der Regentschaft Ferdinands des Ersten (1905-1907 post Christum natum) nicht miterlebt. Wie immer es war: diese vier Bände sind zum humoristischen Hausschatz des deutschen Volkes zu rechnen. Ein so inniges und restloses Vergnügen kann nur noch Wilhelm Busch gewähren.

Das Ganze ist gewissermaßen die Lebensgeschichte des großen Mannes in Werken und autobiographischen Notizen. Es fängt an mit einem Band Soldatengeschichten, der, sagen wir, illustriert ist, und den man besser unaufgeschnitten liest. Band zwei: ein Clou. Vorn die Reproduktion eines Ölgemäldes, das wunderschön bunt gemalt ist, und in dem Buch zahllose Fotografien von Zivilbildern, Theaterporträts, Ferdinand Bonn als ... und jedesmal sieht er ganz anders aus, aber immer gleich süßlich, und hier und da eine Mama oder eine Geliebte. Die Mamas sehen aus, wie man eben 1860 ausgesehen hat, die Geliebten – die eine, zum Beispiel, wie ein Riesenbaby aus dem Panoptikum, und es ist schon begreiflich, wie schöne Dramen man auf sie schreiben mußte. Und ein Drama jagt das andre. Band drei ist weitaus der stärkste von allen, weil darin die berliner Theaterzeit erzählt wird. »Zwei Jahre Theaterdirektor in Berlin. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Tagebuchblätter.« Junge, Junge! Es sind richtige Tagebuch-Notizen, von denen man nur nicht weiß, ob sie alle hinterher geschrieben worden sind, und wer ein bißchen Sinn für Kuriositäten und kleine Menschlichkeiten hat, der muß diese Blätter lieben. Bekanntlich ist einem zu Hause am wohlsten, wenn der Regen rauscht, und der Reiz dieses großen Humoristen wird wohl auch darin bestehen, dass man vorsichtig den Fuß auf seinen Boden setzt, im Morast versinkt, sich herausarbeitet und sich schleunigst davon machte – wenn das alles Wirklichkeit wäre. Aber, Gott sei Dank, ist es keine, und so schmunzelt man bei der Lektüre immer mehr und kommt schließlich aus dem freudigen Lächeln überhaupt nicht mehr heraus. Wie alle über einander herfallen! Wie einer nach dem andern zum Verräter wird! Wie ohne jedes Bedenken Anhängerinnen, Freunde, Bundesgenossen über Bord geworfen werden, wenns nötig ist, und manchmal auch, wenns nicht nötig ist! Wie in diesem brodelnden Hexenkessel von Eitelkeit, Mimenwahnsinn, Presselärm, Theaterkrachs sich todestraurig gleich einem amerikanischen Clown Ferdinand erhebt, in die Ebene ragt und überhaupt da ist! Man heult. Ein paar Proben: »Reinhold Begas im Zoologischen begegnet. Ich sage ihm, dass ich die ›Europa‹ für sein schönstes Werk halte, homerisch. Er freut sich und revanchiert sich, indem er Maria für die schönste Frau in Berlin erklärt. – Ich habe ihr einen dreijährigen Vertrag gegeben. Diese Dankbarkeit! Ich muß sie herrichten, sie scheint Temperament zu besitzen, dieses Fräulein Sobieska. – Heute hat man den dritten Akt im Rohen aufgestellt, ich habe Herzklopfen gekriegt. Für mein Werk das alles – für mein Werk diese Pracht!« Und dann fängt das Theater an, sich langsam zu drehen. Die Gesetze der Schwerkraft machen nicht mehr mit: »fast täglich fallende Eisenstücke, durchschnittene Kabel, fremde Leute mit Notizbüchern auf dem Schnürboden, Panik der Komparserie, Streik der Elektrizitätsarbeiter. Das Gemeinste ist, die Bande von Logenschließern hat den sämtlichen Wein ausgesoffen, im ganzen Haus stolpert man über Betrunkene. Scheußlich!« Und von der Eröffnungsvorstellung an fehlt dann nicht das übliche Stückchen Verfolgungswahnsinn: er ist drauf und dran ... »Maria hält mich fest mit beiden Armen, denn ich setze an zum Sprung ins Parkett, das blanke Schwert in der Hand. Ich hätte ihn niedergestochen, bei Gott, ich hätte es getan, und nie würde es mich gereut haben!« Bei Gott: wen? Bei Gott: womit? Die zweite Aufführung von ›Andalosia‹ bringt zweihundertvierzig Mark.

»Die Ärmel aufkrempeln und arbeiten wie ein Riese!« Dazwischen Gedichte, Fotografien Ferdinands, von vorn, von hinten, von der Seite, beim Sport, mit Hund, ohne Hund, mit Frau, ohne Frau in infinitum. Und alle tun ihm was.

Und wieder Verse und auf einmal: »Hausgesetz für mein Berliner Theater.« Und da kann man sich immer nur die Augen wischen und so lange lachen, bis man keine Luft mehr im Leibe hat und lesen und lachen und lachen und lesen. § 14 regelt das Hervortreten beim Applaus, subtil, ängstlich; denn »der Stand Shakespeares ist ein Stand der Ehre«. § 2: »Im Theater ist der Darsteller die Hauptsache.« § 4 (Busch, lieber Wilhelm Busch!): »Es liegt nahe, dass in einem Berufe, der sich aus temperamentvollen Menschen beider Geschlechter rekrutiert, sich freiere Sitten einbürgern; grade darum haben wir Künstler strengere Charaktereigenschaften notwendig, wenn wir die soziale Position, die uns als Träger der Kultur wirklich zukommt, endlich erreichen wollen. Wer im Geheimen lüderlich ist, schadet sich nur selbst und verwirkt ein ruhmloses, frühes Sterben; wer öffentlich unsittlich ist, schädigt den ganzen Beruf. Verhältnisse, die nicht auf eine Ehe abzielen, werden nicht geduldet. Herumkriechen und Poussieren hinter den Kulissen wird unnachsichtlich bestraft; von zehn Mark aufwärts bis ... « Und wer weiß, wie bei Reinhardt gearbeitet wird, der wird seine Freude an § 6 haben:

»Lange Proben sind zwecklos und gesundheitsschädlich. Die Probe beginnt Punkt zehn Uhr und endet mit dem Schlag zwei Uhr.« Und weil es ja überhaupt Spaß macht, in Schriftstücken für den täglichen Gebrauch, die also das äußerste an Sachlichkeit darzustellen haben, ein Temperament und dann noch ein solches durch alle Löcher gucken zu sehen, so hört – nein, ihr müßt wirklich alle vier Bände lesen, unbedingt aber mindestens den dritten.

So ist es denn kein Wunder: »Wenn nur der Kaiser käme!« Und in der Tat: zwischen Kämpfen mit ehemaligen Vertrauten, die ihn in guten Zeiten mit nassen Augen ›Meister‹ anzureden pflegten, zwischen Entlassungen der Nachtwächter und der Witwen der Nachtwächter und Kämpfen mit Staatsanwälten und Vollstreckungsinstanzen und Gerichtsvollziehern und Revierpolizisten – zwischen all dem kommen Kaisers. Erscheinen wie die Kometen, mit einem Schweif respektvoller Nachbesucher. »Der Kaiser war bei Bonn!« Das zieht. Und wie dann schließlich alles in immer engerer Spirale umherwirbelt; wie auch noch unter all der Schminke etwas klopft – aber es ist kein Herz, sondern die neue Direktion Meinhard und Bernauer, und Bonn sagt: »Herein!« – wenn man das alles bis zum Abmarsch mit fliegenden Fahnen bewältigt hat: dann ist man schwach und krank und halbtot vor Lachen. Umsomehr, wenn man nachher wirklich die Detektiv-Komödien liest– das geht zwar nur bruchstückweise – und dann auf einmal entdeckt, wie so ein richtiges Mimenstück aussehen tut: mit Schlußeffekten und Knalleffekten und Bombeneffekten und überhaupt wie ein Großgeschäft mit Effekten.

Er ist der ulkigste Michael Kohlhaas, der je dagewesen. Er exekutiert den exzentrischen Ringkampf des Einzelnen gegen die unschuldige Welt auf eine so lustige Weise, dass auch seine Niederlage rein scherzhaft bleibt. Er steht im Mittelpunkt aller Welten und boxt sich mit der Sonne, der Mond scheint nur für ihn, ihm rauscht das Laub im Wald, ihm zwinkern die Sterne zu, ihm quillt der Rhein und alle Flüsse. Wenn man atemlos, von Lachen geschüttelt, mit der Lektüre der ›Gesammelten Werke‹ Ferdinands des Ersten fertig ist, dann mag man sich vielleicht fragen: Was will er eigentlich? Was wollen alle diese, die so tobend um Anerkennung ringen und nie allein, nie unbeobachtet schaffen? Der Ehrgeiz dieser Leute ist doch nie zu befriedigen, denn solange die Fidschi-Insulaner auf ihren Kanus nicht erstaunt mit dem Fischen innehalten, um jenen zu lauschen – solange geben sie keine Ruhe. Aber das ist schon die ernste Seite der Sache, und wir wolltens doch beim Lachen bewenden lassen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Schaubühne, 28.05.1914, Nr. 21, S. 586.





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