Eine Akademie


Der preußische Kultusminister Becker, ein feingebildeter Mann, hat den Plan zur Errichtung einer Akademie für Literatur ersonnen. Eine Akademie der Künste ist schon da – ihr soll eine Sektion für die Dichter angegliedert werden.

Der Plan ist überflüssig.

Es ist auch ganz und gar gleichgültig, ob neben die Dichter als erwachsene Aufsichtspersonen noch einige Universitätsprofessoren gesetzt werden, damit kein Unglück geschehe – es ist ebenso einerlei, ob man wirklich, wie es verlautet, zwei so bedeutungsvolle Dichter wie Gerhart Hauptmann und Thomas Mann berufen wird oder nicht: der Staat möge um Gottes willen nicht ›Kunst und Wissenschaft‹ pflegen, sondern die Hände davon lassen. Er hat ganz andre Aufgaben.

Zunächst ist die Form einer Akademie etwas Altertümelndes. Sie setzt voraus, dass es keine andern Mäzene gäbe als die Landesherren; sie setzt die unbestrittene Macht des Staates voraus – und alles das ist nicht mehr richtig. Das geistige Leben in seinen wichtigsten Teilen spielt sich heute nicht mehr an den Universitäten oder an andern vom Staat ausgehaltenen Stellen ab, der Staat ist dem Handel schwer verschuldet und in seiner Hand – und wir würden uns freuen, wenn die Straßen gut wären und die Beleuchtung funktionierte. Mehr wollen wir gar nicht.

Wollen wir aber mehr, so gibt es für den Kultusminister dringlichere Aufgaben als eine Akademie der Eitelkeiten. Wird in seinen Schulen zum Kriege gehetzt – ja oder nein? Wird dort eine verfälschte und verlogene Geschichte gelehrt – ja oder nein? Erfährt der preußische Gymnasiast vom letzten Kriege, wie er wirklich gewesen ist – ja oder nein? Befindet sich diese Pseudobildung auch nur im entferntesten Einklang mit den Regierungsgrundsätzen von Locarno? Nein.

Die preußische Schule ist ein Hort der Reaktion.

Die preußische Schule tut heute noch das, was sie immer getan hat: sie verdummt und verplattet die Gehirne. Und macht aus jungen Leuten, die zu gebildeten Männern erzogen werden sollten, drillfertige Unteroffiziere und aufgeblasene Assessoren, Untertanen und Obertanen.

Von den Universitäten zu schweigen.

Die liefern das beste Freikorpsmaterial und diese Richter, diese Oberpräsidenten, diese Landräte.

Hier und nur hier liegt das Arbeitsgebiet des Kultusministers. Er beseitige die schreienden Ungerechtigkeiten, die auf den Universitäten gegen Republikaner, Sozialisten und gar Kommunisten begangen werden; er kümmere sich um seinen Geschichtsunterricht; er reinige sein Lehrpersonal. Für die Förderung der Dichtung braucht er sich nicht einzusetzen.

Demgegenüber will mir bedeutungslos erscheinen, wer in die Akademie hineingeht und wer nicht. Viel mehr als sanftes und repräsentatives Geschmuse wird man von den amtlichen Dichtern nicht erwarten können; denn nicht sie werden das amtliche Milieu beeinflussen, sondern sie werden sich von ihm beeinflussen lassen. Und die Frage, ob denn auch die junge Generation von dieser Akademie etwas haben könnte, ist vielleicht nicht ganz richtig gestellt. Es liegt im Wesen einer Akademie, auf Seiten der Tradition, des Reifen, des Fertigen zu stehen – nicht immer gegen die Jungen, aber zum mindesten doch ohne sie zu sein. Eine revolutionäre Akademie ist keine.

Es ist eine alte optische Täuschung, den Preußenaßstab als gültig anzunehmen und sich nachher zu wundern, wenn etwa Liebermann oder der zukünftige Akademiker Mann ›gar nicht so schlimm‹ sind. Die Akademiker werden sich sicherlich nicht törichter und nicht eben klüger betragen, als sie es immer getan haben, wenn man von der mattgoldenen Aureole der Journal-Nummer und der Registratur absieht. Der Versuch aber, mit Hilfe eines auf Grün und Braun gestimmten Raumes und einiger hochlehniger Armstühle deutsches Geistesleben zu erzeugen, sollte lieber unterbleiben.

Wenngleich das Manifest der Akademie zum nächsten polnischen Kriege als nicht unbedeutsam veranschlagt zu werden verdient.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 11.05.1926, Nr. 19, S. 734.





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