Die unterbrochene Rheinfahrt


Wilhelm Schäfer hat es in Norddeutschland nicht leicht. Der hysterische Haß, womit ihn Literaten verfolgen, reicht nicht bis zum Rhein, wo ein ruhiger Mann eine schöne Zeitschrift herausgibt – ›Deutsche Monatshefte‹ – und uns ein gutes Buch nach dem andern beschert. In den dreiunddreißig Anekdoten waren schon Meisterstücke (wie ›Das fremde Fräulein‹), und ›Die Mißgeschickten‹ erreichten eine hohe Stufe sprachlicher Kunst. Man packt Schäfer nämlich immer an der Sprache, die ja manchmal ein bißchen altertümelnd sein mag, wo wir den modernen, ebenso guten Ausdruck vorziehen. Man vergißt, dass er doch viel mehr ist als ein sauberer Schreiber. Dieses starke Lebensgefühl, das durchaus nicht einem philiströsen Optimismus entsprungen ist, bejaht die Welt – und das ist hier an der Spree allerdings ein Vorwurf. Gott, man kann nicht immer alle Vorbehalte machen, wenn man sich am Sonnenschein freut. Aber manchmal macht auch Schäfer sie, und dann entstehen so wundervolle Sachen wie eben ›Das fremde Fräulein‹: dunkel, schwer, golden.

Diesmal – in dem neuen Buch ›Die unterbrochene Rheinfahrt‹, das bei Georg Müller erschien – ist es nun etwas geworden, das Hofmannsthal für mein Gefühl im ›Märchen der Sechshundertzweiundsiebzigsten Nacht‹ versucht und nicht erreicht hat. Dort ist die Romantik ein bißchen gekünstelt, und man vermag nicht ohne weiteres von diesen ein wenig arrangierten Wunderlichkeiten auf unsre Zeit, unser Haustor, unsre Frauen zu schließen. Hier, bei Schäfer, sind wir, ist unser Blut, unsre Wärme.

Es ist nichts weiter, als dass ein junger Mensch seine Rheinfahrt – ein Durchbrennerstückchen – unterbricht, einer wildfremden Frau zuliebe, und in ein fremdes Nest kommt und diese Frau wirklich in Besitz nimmt. Eine Nacht. Dann entschwindet sie ihm. Und das ist gemischt mit Abenteuern, mit wilden Zufällen, mit Geschehnissen, die keiner früher übersieht, als bis sie ihm über den Kopf gewachsen sind.

Dieser junge Mann, der eine Frau erobert, ist schon so oft dagewesen, dass man auf den ersten Seiten des Buches ängstlich ist, ob es dem Autor gelingen wird, dies alte Thema auf eine neue Weise durchzuspielen.

Er hat ein völlig neues Thema daraus gemacht. Er hat soviel eingefangen: den Wind über einem verlassenen Vorplatz der Gasthäuser und ein Haustor, das fremd und unheimlich sich neben uns öffnet, die Sterne und den Himmel einer andern Stadt – und alles so natürlich, so einfach, dass die Seltsamkeiten der Romantik doppelt scharf ins Auge springen. Man hat Schäfer gescholten, er sei bürgerlich – hier hat es seinen Nutzen; weil alles Bunte, alles ›andre‹ herausfällt aus dem gewohnten Trott des Bürgers.

Da ist ein Vergleich einer impotenten Gewohnheit mit den alten dicken Winterfliegen (auf Seite 56), den man lesen muß; und immer hat er eine sorgfältige Ausmalung aller Einzelheiten und menschlichen Beziehungen angewandt, die schon seit Hebel am Rhein zu Hause sein mag. Mehr als das. Da steht etwas von den Frauen – das hört an: »Gerade, dass sie ihm so fremd war, dass sie, durch alle Dinge der sogenannten Bildung von ihm getrennt, seine Fragen kaum verstand und also mehr ein gezähmtes Tier als einen Menschen für ihn vorstellte, das löste ihm die Sprache: wie das überhaupt von allen Geheimnissen der Frau das tiefste und für den Mann erlösende ist, ihn auf den Sinnengrund des Lebens zurückzuführen, oder – wie Johannes es später in Worte brachte – aus einem denkenden Menschen für Minuten seliger Vergessenheit ein fühlendes Tier zu machen ... «

Ein fühlendes Tier – kann man das besser sagen? Und was ersehnen wir denn weiter als dieses? Nur noch diesen Schuß Abenteuerlichkeit, der in dem Buch enthalten ist. Erotik und Reisen weisen Zusammenhänge auf, die wir nur noch nicht kennen.

Da hatte ich einen Freund, einen dicken Jungen, der fuhr eines Tages nach Brünn. Und als er da so durch die Gassen ging, begegnete er einem Mädchen, das zog ihn, als sie sich zugenickt hatten, ins Haus.

Er weiß heute noch nicht ihren Namen, weiß nichts von ihr, als dass sie einen süßen Leib hatte, und hat sie nie wieder gesehen. Wenn ich den Dicken um nichts beneide – hierum beneide ich ihn.

Und dies Abenteuer, das wir alle gern erleben möchten, als Jünglinge, als Männer und wenn wir alt geworden, ist: dass eine kommt und uns küßt und nicht spricht, sondern nur lächelt – das steht in der ›Unterbrochenen Rheinfahrt‹.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 22.01.1914, Nr. 4, S. 113.





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