Die Familie


Die Herrnfelds haben ein neues Stück herausgebracht. Eine Posse, aber eine aus Fleisch und Blut. Kein Wort mehr über die Darstellung. Wir haben sie hier schon so oft abgeschildert – die gekrauste Nase des einen Bruders, die kugligen Augen des andern –, daß uns zu tun nichts mehr übrig bleibt.

Aber diesmal ist es das Stück, das uns aufhorchen macht, und damit ist es ein ander Ding. Ein erschreckender Naturalismus kriecht auf der Bühne umher, lümmelt sich in Fohtöchs, grunzt, bewegt aufgeregt die Gliedmaßen der Acteurs und läßt uns schmerzlich lächeln. Was ist das? Wir erinnern uns. Woran? Warum? Hört:

Leibusch, der alte Erbonkel, will heiraten. Er darf aber und soll und müßte es nicht; denn dann fällt das schöne Geld an die Frau (und an das Kind und – »ein Kind wird kummen ... !« schreit immer einer, und das ist Anton Herrnfeld). Und die Familie brütet nun, grübelt, tobt und ächzt, wie sie den Onkel von seiner Heirat abbringen könnte. Es gelingt nicht. Aber – Schlußpointe: der alte Leibusch hat ein riesiges Vermögen, noch größer, als man es sich gedacht, ist großherzig, und reich beschenkt verlassen die heiratsfähigen Töchter das Lokal.

Das Stück gibt es schon so ähnlich einmal auf christlich, und da heißt es »Kettenglieder« und ist von Heijermans. Aber dieser Dichter nahm Stellung. Er deckte die Widerlichkeiten der Personen auf, wies mit dem Zeigefinger auf sie hin und sagte: »Da!« Die hier weisen gar nicht. Es ist eben so. Und nur, weil es sich um eine Posse – so scheint es – handelt, läßt sich das Berliner Publikum eine Darstellung seines Gottes, seines Tabus gefallen: eine Darstellung der Familie.

Bei Gelegenheit dieses Spiels vom alten Mann, der heiraten will, es aber nicht soll, wird aufgedeckt, was hier vorgeht. Was?

Wir sehen ein Knäuel Krebse. Eine Masse, die nie in Ruhe ist, die sich beißt, prügelt, zerfleischen möchte, aber nicht einmal dazu die Kraft hat. Eine zähe Masse, die alles, was in ihrem Bereich liegt, herunterzieht und tobt, wenn ihr einer entwischt. Ist es so? Es ist so.

Wie sie da am Schluß zusammensitzen – alle, der Onkel Baldrian und die Tante Speranza und alle, alle – an der Hochzeitstafel: da haben wir ein Symbol. Sie möchten sich am liebsten auffressen, gegenseitig, und alle zusammen den alten Leibusch. Aber sie sitzen doch zusammen, und statt einer reinlichen Trennung haben wir den trüben Mischmasch, den Skandal, den Spektakel. So geht es zu. Muß es das?

Vielleicht. Jedenfalls behaupten sie es. Es sei gut, dass der Mensch allein sei. Aber es ist auch nicht gut, dass er immer zu vielen ist. Denn als einmal Donat Herrnfeld brüllt: »Ist es denn gar nicht möglich, daß me einmal allein ist ... !!« – da möchte man antworten: Nein! Bei dir nicht. Schaff dir erst die ganze Wirtschaft vom Hals, dann vielleicht. Aber sie hocken weiterhin zusammen. Die Geschichte von den feindlichen Schwägern ist einfach von der Straße geholt –: sie sind so verfeindet, dass sie nicht zusammen angemeldet zu werden wünschen. Aber ihr kennt das.

»Wenn ich das haben will, geh ich zu mir nach Hause«, lautet das berühmte Wort des »Friedensfest«Besuchers. Aber ist es denn nötig, dass er das bei sich zu Hause vorfindet? Nein.

Denn was dieser Wust schon an Energien verschlungen, was diese Hölle schon an Frauen und vor allem an Mädchen, die nicht herauskönnen, verdorben und zerfleischt hat: das ist nicht zu sagen. In der Brutwärme der Familie ersticken nicht nur die Genies. Auch der Mensch geht drauf. Ehemänner, die jede einsame Insel dem trauten Heim vorziehen, Mädchen, deren Entwicklung nicht gehindert wird, weil sie erst gar nicht dazu kommen, sich zu entwickeln, sondern gleich verheiratet werden: sie alle sind das Opfer der Familie. Wirklich wehrlose Opfer?

Aber sie müssen ja nicht. Kein Mensch kann sie zwingen. Denn deutlich zeigt es sich in dieser kleinen dummen Posse, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl viel tiefer sitzt als im Portemonnaie, dass sie auch zusammenhocken würden, wenn sie alle Geld hätten. Sie solltens aber nicht. Die paar Guten, die immer darunter sind, sollten sichs gesagt sein lassen: man muß nicht. Lauft fort, seid rücksichtslos, pufft, wenn man euch pufft, und begebt euch in frische saubere Luft.

Und spart eure Gefühle für die Frauen auf, die euch einmal begegnen, und wenn ihr Glück habt, für einen Freund, und wenn ihr einen Haupttreffer macht: überhaupt nicht für einen Menschen, sondern für eine große und schöne Sache.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Schaubühne, 09.10.1913, Nr. 41, S. 978.





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