Der selige Alexander


Richard Alexander lebt. Aber ein Schauspieler, der nicht spielt, der so selten spielt, ist wie ein schweigender Erzberger, wie ein Stück, das gut ist und gut geht, wie ein Fischessen ohne Familienskandal – so etwas gibt es eben nicht.

Er lebt. Vor allem: er lebte. Er spielte. Er war der einzige, der in Berlin so etwas wie eine Tradition begründet hat. Er hatte in hundertundeiner Ehebruchsposse gespielt: in der hundertzweiten, in der hundertdritten wurde er immer besser – er hatte die Sache raus. Aber wie machte er so etwas auch!

Folgerichtig spielte er diese unmöglichen Figuren unmöglich. Menschen waren das nicht, sondern Puppen der Schwankfabrikanten. Aber er brachte ihnen tausend Züge bei, die, einzeln betrachtet, erschütterten.

Er war immer in Verlegenheit, aber immer auf schleichende Auswege bedacht, immer in Furcht vor den Frauen, denen er alles Schöne und Schlimme in seinem Leben verdankte. Und so spielte er diese Fuge der Verlegenheit bis zu den gloriosen Höhepunkten im zweiten Akt, da er, mit merkwürdigen Kehllauten, jenes Wort von sich gab, das neben seiner Unterwäsche und dem nie fehlenden Bett den Erfolg jener Possen machte: »Himmel, meine Frau ... ! ch ... ch ... ch!«

Das Publikum brüllte. Rot- und weißköpfige Junggesellen, meckernde Ehemänner, Kokotten und verheiratete Frauen, die scheu – und häufig jeder Erklärung bar – ebenso mitlachten.

Abgesehen vom ›Stoff‹, der ja immer allgemein interessierte: es war eine Freude. Wie fein, wie unendlich geschmackvoll er diese mitunter reichlich schweißigen Späße herausbrachte, wie er so einem Ding, sagen wir: einem Schlafzimmer, immer etwas Neues abgewann – das war eine Freude. Er durfte alles sagen: er hatte dann schon das einzig mögliche Piano, in dem das noch zu ertragen war.

Ich habe ihn in seinen alten Glanzrollen nie gesehen. Ich weiß nur, dass er ein paar Wochen bei Gerson studiert hat, wie man einer Dame bei der Anprobe den Stoff zurechtzupft – und er hat es gelernt. Mit ein wenig outrierten Handbewegungen machte er das, kollernd und jenes: »Ch ... ch« fortwährend im Halse.

Nun ist er dahin gegangen. Er hat uns hienieden manche schöne Stunde geschenkt, manchen Abend versüßt. Friede seiner Seele! AMEN.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 15.05.1913, Nr. 20, S. 557.





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