Cabaret


Im Linden-Cabaret ist der Aufenthalt nach wie vor ungemütlich. Wenn nicht gerade eine Nummer auf dem Podium steht, geht ein stilles Neppen durch den Raum. Die Provinz verdirbt Berlin. Dabei sind einzelne Leute nicht übel. Nur möchte man sie nicht in dieser Umgebung hören. Nicht den netten Lautenspieler Bulmans, der so hübsch seine Sachen bringt, so harmlos angenehm; nicht Käte Hyan, von der der Maler Söderstrom behauptet, sie schnurre wie ein Backpfläumlein; nicht den geschickten Musiker Scherber, dessen feine kleine Sachen viel zu schade sind für das konsumierende Publikum.

Zweimal aber horcht man richtig auf. Erstens ist da mal die Söneland, die mit der Fassade frecher Zähne und dem famosen Lied: ›Moi-je-icke!‹ Sie hat wahrhaft berliner Blut und ein kicherndes Lachen voller Schadenfreude, wenn sie wieder was jedreht hat.

Aber dann: Klea Waldoff. Was Deutschland an der besitzt, wußten wir. Aber diesmal hat ihr Ludwig Mendelssohn ein Lied gedichtet und unter Musik gesetzt – das scheint das Letzte zu sein. Buttrig, quäkend und tugendsam singt sie erst eine Menge Dinge von ihrem Liebsten, ob und wie und wo – und auf einmal, über die bewegten Köpfe der lachenden Zuschauer und durch den Zigarrenrauch und den Lärm brüllt ihre Stimme andante: »Hermann heeest a ... « Und noch einmal, leiser: »Hermann – heeest – a ... « Und verhallend: »Hermann – heest – a ... « Und gleich wieder weiter, wie er tanzt und schnarcht und: » ... selbst noch im Traume nach mir quäst er ... Hermann heeest a ... !« Und dieses Piano ist so ulkig angelernt, so wenig adäquat der Brüllstimme, daß man fassungslos ist. Wie ringt sie sich dieses Piano, jenen Sopran ab? Einen Sopran, der so hoch ist, daß sie gleich kippeln wird, g, gis, a, b ... Gottseidank, gerettet! Sie singet, wie der berliner Spatz singt, unbekümmert, frech – und dann (Stimme, von innen, verhallend): »Hermann heeest a ... «

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 23.10.1913, Nr. 43, S. 1044.





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