Blaise, der Gymnasiast


Josef Hofmiller hat einmal gefragt, ob man Genf so lieben müsse wie er, um dieses Buch von Monnier so gern zu haben wie er. Nein, das muß man nicht. Es ist kein lokalpatriotisches Werk: es ist von einer internationalen Menschlichkeit. Ich, zum Beispiel, kenne Genf. Das Semester, das ich dort verlebte, wird immer schöner, je weiter es fortrückt. Der rothaarige Puck, der in seinem zerkauten Deutsch sagte: »Isch werden nie Schunge bekommen«; die vermaledeite Russin; die Polin, die mich vor dem Seziersaal, wo sie ein Kolleg hören sollte, fragte: »Est-ce qu'il y a des morts dedans?« (und sie war ganz grün vor Angst); die Treppen, die wir an warmen Sommernachmittagen herunterschlenderten, die großen Freitreppen an der Universität; der See; das wunderschön teure Essen im Hotel; die alte Stadt, hügelig, mit kleinen Gassen; und immer wieder die Rhônebrücke!

Aber selbst, wenn ich dies alles nicht kennte: das Buch würde mich rühren, und euch wirds genau so packen. Es erinnert ein bißchen an Daudet und gibt die bei uns nahezu verlorene Romantik einer glücklichen, altmodischen Gymnasialzeit. Hier ist nichts von den ›Jugendnöten‹, (von denen wir, unter uns gesagt, allmählich genug haben), hier ist allerdings auch nicht – und das mag am Süden liegen – die straffe preußische Quälerei des Drills. Alles ist behaglich, nett, ein wenig verschnörkelt, und schließlich ist es unser aller Jugend, die in diesem Buche steckt, wenn sie auch leider nicht bei allen so warm, so schön, so still gewesen sein mag. Monnier, von dem ich sonst nichts kenne, hat die muffige Schulluft, die Atmosphäre der Klassen, die Gespräche der Jungens genau wiedergegeben, und fast ohne jeden andern Wunsch, als sich noch einmal an all das zu erinnern, was ihm in seiner Jugend teuer war. Da ist Rosa, die Rose, ein kleines Kapitel, das man mit Recht als ein hohes Lied des Gymnasiums bezeichnen kann, aber eben nicht einer humanistischen Anstalt, sondern das ist ein Lied in memoriam eines großen Hauses, in dem man als Junge ›die‹ Erlebnisse hatte. Es gab kaum andre, oder sie gingen doch alle von hier aus. Da ist ein Kapitel: die Typen der Klasse – das ist gradezu vollendet. Man sieht sie alle vor sich, und so waren sie bei jedem von uns, nur hat eben der Berliner, der die Schule häufig wechselt und sie frühzeitig verachten lernt, keine Zeit, sich diese Typen anzusehen. Da sind sie alle, und genau so, wie sie später einmal sein werden, denn schon die Klasse ist ja ein kleines Lebensfeld, auf dem Zaghafte wachsen und Trotzige und Hinterhältige und ›feine Kerle‹. Man hat ja als Junge ein sehr scharfes Empfinden und eine große Menschenkenntnis. Und von manchen ist nur noch eine oder die andre Äußerlichkeit in der Erinnerung geblieben: »Miville hat ein besonderes Geschick, gute Schleudern zu verfertigen. Es gibt kein größres Schaf als Tissot. Lévêque ist katholisch!« Lévêque ist katholisch! Hatten wir nicht alle in der Klasse einen oder mehrere, von denen wir nur so etwas wußten! Welch ein Jungensbuch! Da ist »dieser Mordskerl von einem Berton«! So einer bringts im Leben zu etwas. Denn es kommt zwar nicht darauf an, was einer im Latein leistet, obgleich auch dies nicht so ohne Wichtigkeit ist – wohl aber, welchen Ruf er in der Klasse hat. Die Stimme des kleinen Volkes ist Gottes Stimme! Und dann ist da eine Nachmittagsszene auf der Promenade, die man nur laut lesend genießen kann. Wie sie die Bürger ein bißchen ärgern, Murmeln spielen, wie eine kleine Rempelei entsteht, es klingelt, alle laufen fort, und ein Großer hebt eine Achatkugel auf, die die Kämpfer haben liegen lassen, mit den Worten: »Hab ich ein Schwein!« Da ist ein süßes Kapitel: ›Berton weiß nicht, dass cura das Subjekt ist‹ – schließt die Augen, und ihr habt die heißeste, lieblich dösigste Stunde eurer Jugend wieder vor euch! Und wie sie sich amüsieren, wenn Guillaumets Mama in die Schule kommt, sich zu beklagen! Da ist in ein paar Sätzen das Naturgesetz erläutert, dass ein richtiger Schüler keine sichtbare Mutter haben darf, ohne der Lächerlichkeit anheimzufallen. (Hans Olden hat das einmal sehr hübsch formuliert.) Und dann, wohl mit das Schönste: ›Blaise und Lavanchy sind nackt auf dem Sprunggerüste‹. Die Sonne brennt. Was mag es wohl geben? Lavanchy vertraut Blaise an, er habe in seiner Bank ein ›Grab‹ gemacht, das ist eine kleine Vertiefung, sorgfältig ausgehöhlt, und darin ist ein Papier mit dem Namen der Lehrer und dem Datum und der Windrichtung und dem Barometerstand. Dann wird das Ganze mit Zement zugedeckt. Und nun soll Blaise das große Ehrenwort geben, nichts weiter zu sagen, mit Spucken auf die gekreuzten Zeigefinger, denn ... nämlich ... also Lavanchy hat den Namen seiner Flamme auch auf das Papier geschrieben! Mit sympathetischer Tinte! Aber keinen Augenblick hält ers länger aus, er schämt sich und schwupp, ist er im Wasser. »Ein Stückchen weiter sah ich ihn wieder erscheinen; seine Haare klebten an den Schläfen.« Und das dünne Eis der sexuellen Aufklärung ist in diesem Werkchen auf eine so feine, so zarte Weise überschritten, dass man nur wünschen könnte, man nähme sich in Deutschland ein Beispiel.

Denn das ist das Ernste, woran uns dies Buch erinnert: wir hier fangen an, zu viel mit den Kindern anzugeben. Statt ihnen durch eine starke und kräftige Persönlichkeit über die Jugendjahre hinwegzuhelfen, statt sie herüberzuziehen, statt sie Reiter über den Bodensee sein zu lassen, machen wir ihnen klar, daß jeder Schritt, den sie tun, entsetzliche Gefahren bringt, dass man nie wissen könne, was folgt – und so kommen diese neumodischen Kinder der großen Städte aus der Angst und der Unselbständigkeit nicht mehr heraus. Laisser faire, laisser passer! Strenge am rechten Ort, Milde am rechten Ort und eine recht lange Leine, an der die jungen Hundchen herumlaufen können. Dann werden sie an ihre Jugend auch einmal eine solche Erinnerung haben wie Blaise, der Gymnasiast.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 14.05.1914, Nr. 20, S. 555.





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