Bayreuth


heißt ein Büchelchen, das Hermann und Anna Bahr geschrieben haben. Drei Aufsätze von ihr, sechs von ihm. Ihnen gemeinsam: die völlige Verkennung des Zusammenhangs zwischen Kultur und Musik, gemeinsam eine maßlose Überschätzung der Musik (nicht nur Wagners); über ihnen gemeinsam schwebt segnend der Feuilletonstrich, der sie vom realen Leben trennt.

Die Aufsätze der Frau sind zu entschuldigen. Wer wollte es ihr verübeln, dass sie in Bayreuth eine Welt, ihre Welt sieht und diesen Empfindungen auf des Gatten Weise Ausdruck gibt!

Seine Verlogenheit sitzt tief. Er hat so eine Art, über die Ausgabe der Karten zu den Festspielen, über den Gang eines Kapellmeisters oder über eine Handbewegung der Frau Cosima zu plaudern – eine Art, der man anmerkt, dass er sich bemüht, außer dem Stolz, dies alles selbst miterlebt zu haben, auch noch das Element des Übersinnlichen diskret durchblicken zu lassen. Aber es ist ja alles gar nicht wahr. Muck hat gar kein teuflisch gescheites Gesicht, dieser keinen trotzigen Knabenkopf und jener keine bedächtige Verträumtheit. Aber »alle werden gern bestaunt«. Worauf es ankommt.

Eigentlich, Emil Ludwig, dürfen Sie ihm dankbar sein. Was Sie noch übrig lassen – ER wird es schon machen. Von ihm ist das Wort vom »Nebel der Verzückung«, er weist in Bayreuth nach, dass »dies den Deutschen ausmacht, dass er in seinem Kopf für alles Platz hat ... und dass er sich nicht verschließen kann ... Ihr aber, die ihr glaubt, dass einer nur in der kleinen Provinz seiner eigenen Meinung selig werden kann ... «

Sein Negativ: ein unbegründetes Anrempeln aller, die nicht in Bayreuth den Veitstanz bekommen; sein Positiv: eine wolkige Allerweltshimmelei, die zu nichts verpflichtet. Ullstein fotografiert, Cook verkauft Billetts, jeder Tragbalken des Gerüsts eine Firma – oben steht jener, den Kopf in den Wolken.

Da haben Sie Bahr, da haben Sie Wagner: es verpflichtet zu nichts.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 27.03.1913, Nr. 13, S. 371.





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