Der Atlantisfilm


Ein neues, luxuriöses Filmtheater, die Kammerlichtspiele aus der Tauentzienstraße, wurde am Donnerstag mit dem Atlantisfilm (nach Hauptmanns gleichnamigen Roman) eröffnet.

Was sah man in diesem Film? An weißgedeckten Tischen sitzen ein paar Leute: Männer und Frauen. Ein Herr geht auf eine Buchsbaumhecke zu, bekommt von einem humpelnden Briefträger ein Schreiben, Wagen fahren hin und her, der Herr bewegt sich in einer Hotelhalle, wieder werden Kutschen von Pferden gezogen, eine Tänzerin tritt auf, der Herr fährt auf einem Dampfer nach Amerika, verliebt sich, das Schiff versinkt, der Herr wird gerettet, kommt nach New York und erlebt amerikanische Landschaften.

Das ist ungefähr der Filmeindruck. Aber, wird der Herr Filmdirektor sagen, dann haben Sie eben die Psychologie nicht entdeckt. Nein, aber gelesen hab ich sie. Auf vielen, vielen Tafeln wurde mir erklärt, worum es sich hier handelt. »Er bewohnt mit seiner Familie ein Haus ... « Diese dramatische Tätigkeit des Bewohnens vollzog sich dergestalt, dass endlos lange die gesamte Familie im Garten hockte. Aber, wird der Herr Filmdirektor sagen, wie soll man denn das Bewohnen darstellen? – Gar nicht, Herr Direktor, gar nicht. Mein Nachbar kannte den (mäßigen) Zeitungsroman nicht, er wollte ihn sich kaufen – bevor er diesen Film gesehen hatte. Jetzt denkt er nicht mehr daran, denn er hat, wie wir alle, einen verworrenen und schwachen Eindruck an allerlei alltägliche, zusammenhanglose Geschehnisse mit nach Hause genommen. Nichts war zum Typischen gesteigert, nie hatte ein Maler die Szenen arrangiert oder ihnen Raumwirkung gegeben; sondern irgendein Inhalt, der uns einen Teufel anging, wurde von teilnahmslosen Spekulanten und mäßigen Schauspielern gestellt. Das Ganze wirkte wie eine schlechte Reportage, bei der man auch nie weiß, was eigentlich vor sich gegangen ist.

Wodurch wurde sie hier hervorgerufen? Durch Tamtam mit dem Namen Hauptmanns. Herr Hauptmann hat Geld gebraucht, und sie haben es ihm gegeben. Was sie ihm gegeben haben, kann er so bald nicht wieder hereinbekommen.

Das Haus strahlte in allen Prächten des modischsten Kunstgewerbes. Einzelheiten waren ganz hübsch, aber die Beleuchtungskörper sahen aus wie moderne Broschen, und goldenes, blaues und silbernes Licht spritzte auf das verschwenderischste umher. Zur Ouvertüre hatte man Beethoven bemüht, dann trat ein kleiner Junge auf und sagte einen Prolog auf, die Wochenchronik schnatterte vorüber, und dann eilte die Atlantismuse auf großen Füßen rasch bis zur Schiffskatastrophe und erregte allerlei ironisches Gelächter (mit Denkmalsenthüllungen und so). Aber der Clou, der Schiffsuntergang, enttäuschte. Wie da die Heizer sinnlos, noch im Wasser watend, die Kessel bedienten, die in Wirklichkeit längst explodiert wären, wie ganz kitschige Verse mittendrin auftauchten, wie beim Untergang des Dampfers das Meer spiegelglatt war ... Aber wie das Nebelhorn geheult hat, das war doch eine Sache, was? – Nein, das war eine Kindertrompete, kein Nebelhorn. Und die Leute bei dem Unglück, wie? – Alles ging so gemütlich vor sich, Herr Direktor, dass mans direkt hätte mitmachen wollen. Aber der einarmige Artist? – Das war das einzige, was wirklich interessierte. Eine Varieténummer, losgelöst von allem andern: ein Mann ohne Arme, der alles Erforderliche mit seinen Beinen besorgt, und in seinen Zehen ist wahrhaftig die Physiologie der Hand, ihre Gesten und alle ihre Bewegungen.

So blieb alles im Äußerlichen. Beim besten Willen wird man in diesem Zeugs nicht mehr sehen können als Mittelmäßigkeit. Diese Kapitalisten können einem leid tun. Nun geben sie all das viele Geld aus, und es wird doch nichts. Denn das ist ein Fluch und ein Segen zugleich: der Kapitalismus kann aus sich heraus keine geistigen Werte schaffen, er kann uns nicht einen Augenblick zur Teilnahme veranlassen, auch wenn er sich Hauptmann und noch soviel Statisten kauft.

 

 

Ignaz Wrobel

Vorwärts, 20.12.1913, Nr. 335, S. 1.





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