Lieber Arnold Zweig


Sie haben hier neulich etwas sehr Hübsches gesagt. Sie sprachen von München. »Und das einzige Mittel, in dieser Stadt bemerkt zu werden, ist für wirklich echte Begabung, dass man etwas Kitschigem ähnlich sieht, verwechselt wird und damit Erfolg hat.« Aber das ist durchaus nicht nur in München so. Verlassen Sie sich drauf: hierin sind die Deutschen ein einig Volk von Brüdern. Sie haben ihren Publikums-Beethoven, sie haben ihren Publikums-Busch, und es ist erstaunlich, mit welcher Gewandtheit sich jedes Parkett aus dem Sternheim seinen Kadelburg herausklaubt. Die Instinkte für den Kitsch müssen erstaunlich tief sitzen. Und das ist kein Wunder, denn diese Art Kunstauffassung ist so simpel wie möglich. Die Worte ›Vater und Mutter‹ gehören in das Fach ›Rührung‹; dass jemand zu einem andern spricht, der sich aus dem Zimmer geschlichen hat, ist Humor; und trippelnde Dreikäsehochs in Kinderhemdchen sind der sicherste ›Weg zum Erfolg‹. Diese Erfolge lassen sich von gewissenlosen Spekulanten mühelos herauskitzeln; peinlich ist nur, dass die Künstler davon den Schaden haben, ja, daß, wie Sie richtig gesagt haben, neun Zehntel aller Erfolge auf einem Kitsch basieren, der gar nicht da ist, sondern den sich das Publikum erst zurechtmacht.

Erst wenn ein Kunstwerk zufällig (oder auch vielleicht, weil sein geschickter Autor es so gewollt hat) nebenbei diese Publikumspostulate erfüllt: dann hat es Erfolg, unbeschadet seiner guten Qualitäten. Gehen Sie in den ›Michael Kramer‹, gehen Sie in den ›Totentanz‹, gehen Sie zu Shakespeare – Sie werden immer aus den Foyergesprächen einen grauenhaften Tiefstand heraushören. Letzten Endes (Hand aufs Herz!) ist es den meisten doch noch um die alten, guten Regeln zu tun: Sie kriegen sich oder kriegen sich nicht; die Schadenfreude ist die beste aller Freuden; und die Tränendrüsen sind die besten aller Drüsen.

Wenn Sie also, lieber Arnold Zweig, einmal einen großen Kuh (sprich: coup) machen wollen, dann denken Sie daran, dass um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts die beiden Mentoren gelebt haben, nach denen Sie sich richten müssen: Goethe und Kotzebue.

Mit diesem Rezept wünscht Ihnen den besten Erfolg Ihr

Peter Panter

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 23.04.1914, Nr. 17, S. 486.





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