Zur Psychogenese der Mechanik

 

Ich muß gleich vorwegnehmen, daß meine Annahme, Mach hätte bei seinen Untersuchungen die Ergebnisse der Psychoanalyse benützt oder berücksichtigt, sich nicht bewahrheitet hat. Es wird zwar nirgends gesagt, welcher Art jene »immer neu einsetzenden Erinnerungsversuche« waren, deren sich der Autor bediente; weder der Hergang noch das Ergebnis dieses psychologischen Experimentes wird uns mitgeteilt, nur die Schlüsse, die daraus gezogen werden konnten. Aber schon diese Schlüsse gestatten uns den Rückschluß, daß es sich einfach um wiederholte Anstrengungen handelte, das Vergangene durch bewußtes Hinlenken der Aufmerksamkeit zu erinnern. Ob und inwieweit dabei die - hier gewiß nicht unwirksame, weil väterliche - Suggestion die Erinnerungswiderstände überwinden half - etwa im Sinne der ersten analytischen Versuche Freuds - erfahren wir nicht. Keineswegs scheint aber die freie Assoziation angewendet worden zu sein, das heißt die einzige Methode, die über alle affektiven Widerstände, welche die infantile Amnesie verschulden, hinweghilft und die Vergangenheit fast restlos zu reproduzieren gestattet. Dementsprechend ist die affektive Determinierung der infantilen (und archaischen) mechanischen Entdeckungen in dieser Arbeit Machs nicht hinreichend gewürdigt und die Fortschritte der Technik fast nur vom rationalistischen Standpunkte, als fortschreitende Entwicklung der Intelligenz beschrieben.

Machs Auffassung über die Genese der ersten kindlichen und urzeitlichen Entdeckungen ist folgenden Sätzen zu entnehmen: »Rückblickend (auf die Kindheit, auf die Urzeiten) sehen wir mit Staunen, daß unser ganzes weiteres Leben nur eine Fortsetzung unseres damaligen Verhaltens ist; wir bemühten uns, mit unserer Umgebung fertig zu werden, sie zu verstehen und dadurch unseren Willen zu erreichen« ... »Mit einem Male ist uns nahegerückt, wie ungezählte Generationen, manchmal durch Klima und Boden etwas begünstigt, im dunklen Drange, besser zu leben, aber allgemein unter Verhältnissen, deren Härte wir gar nicht mehr einzuschätzen vermögen, sich durch lange Jahrhunderte bemühten und Werke schufen, deren heutige Endglieder wir in den Händen haben« ... »Denken und träumen wir aber über diesen Dingen längst verschwundener Zeiten, so steigen gleich einer Illusion alte Erinnerungen an Erlebtes und Gefühltes auf, und in unsere dereinstige kindliche Empfindungswelt zurückversinkend, ahnen und erwarten wir die mannigfachen Entstehungsweisen und Wege für jene Funde von so unermeßlicher Tragweite.«

Dieses, wie gesagt auch von unserem Standpunkt, durchaus richtige Programm wird aber von Mach nur unvollkommen ausgeführt. Da er es verschmäht, die psychoanalytische Methode anzuwenden, die bewußten Träume und Gedanken, die infantilen Deckerinnerungen durch Aufdeckung ihres unbewußten Hintergrundes zu ergänzen, ihre Entstellungen rückgängig zu machen, mußten seine Erkenntnisse oberflächlich bleiben, und - da die libidinösen Motive zumeist verdrängt und unbewußt sind - konnten seine Versuche fast überall nur rationalistische Erklärungen für die technischen Fortschritte ergeben, richtiger gesagt: nur die rationelle Seite der Motivierung beleuchten. Die Tonschalen entstanden zuerst vielleicht »als Ersatz der Hohlhand beim Trinken«, indem etwa »das in hohlen Steinfragmenten sich sammelnde Wasser den Anstoß zur Herstellung von Gefäßen bildete, bloßen Tonklumpen, in die mit der Hand Höhlungen gedrückt wurden.« Warum aber »der zutage liegende feinplastische Ton Immer ein sehr anregendes Material gewesen sein muß«, wird nicht weiter untersucht. Und doch liefert die Psychoanalyse diesen fehlenden Teil der Erklärung, indem sie diese sonderbare ›Anregung‹ auf ganz bestimmte erotische Komponenten der Libido zurückzuführen gestattet.4)

Ebensowenig wird bei Mach danach geforscht, warum zum Beispiel »das Flechten und Drehen textiler Substanzen ein starker Anreiz für den Beschäftigungstrieb - ein ständiges Vergnügen« ist. Mach begnügt sich mit der Annahme eines primären Beschäftigungstriebes, dessen Erinnerungsspuren in Zeiten des Bedürfnisses blitzartig auftauchen und verwertet werden.  

»Das Glätten vorhandener Rotationskörper, wie das runder Aststäbchen, gehörte wohl mit zu den Spielen primitivster Zeiten. Als Kinder haben wir es unzählige Male ausgeübt und ein solches Stäbchen einmal in irgend einer Rinne ohne axiale Verschiebung mit der Hand hin- und hergerollt, wobei irgend eine Rauhigkeit eine schöne Rinne zog... usw.« (Urform der Drehbank.)

... »Unsere eigenen spielenden Finger in der frühesten Kindheit haben uns die Schraube vermittelt; irgend etwas von schraubenförmiger Struktur war uns in die Hände geraten ..., es im Spiele drehend, fühlten wir, wie es sich in die Handfläche einbohrte - ein für uns damals besonders rätselhaftes Gefühl, das stets zur Wiederholung lockte ...«

In ähnlicher Weise erklärt uns Mach das Entstehen der Feuerbohr- und -reibmaschinen, der Wasserschöpf- und Pumpwerkzeuge etc. Immer und überall sieht er das Walten eines Betätigungstriebes, der, durch den glücklichen Zufall begünstigt, zu einer Erfindung führt. »Erfindungen werden da gemacht, wo die Verhältnisse am günstigsten, die Schwierigkeiten am kleinsten sind.« Nach Mach können sich also Erfindungen »im Laufe riesiger Zeiträume in das Leben unserer Vorfahren ganz ohne das Hinzutun besonderer Persönlichkeiten und Individualitäten eingeschlichen haben.«

Die Psychoanalyse lehrt es anders. In einer mehr programmatischen Arbeit über die Entwicklung des Realitätssinnes mußte ich auf Grund psychoanalytischer Erfahrungen annehmen, daß sowohl in der individuellen als in der Artentwicklung, also auch in der Entwicklung der Kultur des Menschen, die Not als treibendes Motiv gewirkt haben mag. Ich wies besonders auf die Entbehrungen der Eiszeiten hin, die einen bedeutenden Entwicklungsschub veranlaßt haben mögen. Wenn nach Machs Mitteilung »der Erfindungsgeist des Eskimos nach übereinstimmenden Aussagen unerschöpflich sein soll«, ist es schwer, eine besondere Begünstigung seitens des Klimas und Bodens als zufällige Ursache der Erfindungen anzunehmen. Plausibler ist es, besonders anpassungsfähige Individuen, also Persönlichkeiten zu postulieren, die, den nie fehlenden ›Zufall‹ in ihren Dienst zwingend, zu Entdeckern wurden. Mit der Anpassung an die Realität sieht aber die Psychoanalyse nur die eine Seite des Problems beleuchtet. Sie lehrt, daß Entdeckungen außer der egoistischen fast immer auch eine libidinöse Wurzel im Seelenleben haben. Die Bewegungs- und Beschäftigungslust des Kindes beim Kneten, Bohren, Wasserschöpfen, Spritzen etc. fließt aus dem Erotismus der Organbetätigung, deren eine Sublimierungsform das ›symbolische‹ Reproduzieren dieser Tätigkeiten in der Außenwelt darstellt. Gewisse Einzelheiten — besonders die Benennungen — der Werkzeuge des Menschen zeigen uns noch die Spuren ihrer zum Teil libidinösen Herkunft.5)  

Solche Anschauungen liegen aber Mach, der die analytische Psychologie des Menschen nicht kennt, ganz fern. Er nennt sogar die Anschauungen des Hegelianers E. Kapp, »der die mechanischen Konstruktionen als unbewußte Organprojektionen auffaßt«, Witze, die ernst zu nehmen man sich hüten muß, da »durch Mystik in der Wissenschaft nichts klarer« wird. Die Spencersche Idee aber, wonach die mechanischen Konstruktionen Organ-Verlängerungen sind, sei unverfänglich.

Unserer psychoanalytischen Auffassung widerspricht keine dieser Erklärungen, ja, meiner Anschauung nach widersprechen sie auch einander nicht. Es gibt wirklich primitive Maschinen, die noch nicht Projektionen der Organe, sondern Introjektionen eines Teiles der Außenwelt bedeuten, durch die der Wirkungskreis des Ich vergrößert wird, - so der Stock oder der Hammer.

Die selbsttätige Maschine dagegen ist schon fast reine Organprojektion: ein Stück der Außenwelt wird mit Menschenwillen ›beseelt‹ und arbeitet statt unserer Hände. Die Introjektions- und die Projektionsmaschinen - wie ich sie nennen möchte - schließen einander also nicht aus, sie entsprechen nur zwei psychischen Entwicklungsstufen der Realitätsbewältigung. Der ins Auge springenden Analogie gewisser Maschinen mit Organen7) kann sich übrigens auch Mach nicht ganz entziehen.

 

4) S. Freud, ›Charakter und Analerotik‹, sowie die schon zitierte Arbeit des Referenten ›Zur Ontogenese des Geldinteresses‹.

5) Madis Anschauung über diesen Gegenstand, die die libidinösen Triebe gar nicht berücksichtigt, ist ebenso unvollkommen wie die gegenteilige Übertreibung Jungs, nach dem die Werkzeuge nur verdrängte erotische Neigungen reproduzieren wollen, zum Beispiel die Feuerbohrer die unterdrückte Genitalbetätigung. Nach unserer Ansicht stammen, wie gesagt, die Entdeckungen aus zwei Quellen, einer egoistischen und einer erotischen. Zuzugeben ist aber, daß für die schließliche Gestaltung des Werkzeuges sehr oft eine libidinöse Organfunktion vorbildlich ist.

6) Vergleiche dazu das instruktive Buch Die Maschine in der Karikatur von Ing. H. Wettich (mit 260 Bildern).  

 


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