'Versuch über die Krankheiten des Kopfes'


Eine kleinere Arbeit "gewann" Hamann in der Tat für die Kantersche Zeitung: den durch fünf Nummern (vom 13. bis 2j. Februar 1764) sich hinziehenden 'Versuch über die Krankheiten des Kopfes'. Dieser Aufsatz war mittelbar durch einen eigentümlichen Anlaß hervorgerufen worden. Seit Mitte Januar d. J. hielt sich in dem Amte Kalthof dicht bei Königsberg eine Art Naturmensch auf, der aus Galizien stammte und sich Jan Paulikowicz Komarnicki nannte. Bloß in Tierfelle gehüllt, führte er einen achtjährigen munteren Knaben, seinen jüngsten Sohn Patrick, in ähnlicher Kleidung, außerdem, aber eine Herde von Kühen, Schafen und besonders Ziegen mit sich, weshalb er vom Volke auch der "Ziegenprophet" benamst wurde, da er nebenbei noch religiöse Schwärmerei zur Schau trug. Wartung seines Viehes, Lesen der Bibel und Anfertigung hölzerner Löffel waren seine Hauptbeschäftigung. Zahlreiche Königsberger, darunter auch eine von dem rührigen Kanter zusammengebrachte "philosophische Karawane", sahen sich das Naturwunder an und vernahmen seine biblischen Orakel. Kant, der auch zu der Karawane gehört haben wird, schrieb auf mehrfache Aufforderung ein "Räsonnement" über die sonderbare Erscheinung für die genannte Zeitung. Er fand "für Augen, welche die rohe Natur gern ausspähen, die unter der Zucht der Menschen gemeiniglich sehr unkenntlich wird", weit interessanter, als den "begeisterten Faunus" selbst, dessen Sohn, den ohne jede Kultur in den Wäldern frei aufgewachsenen "kleinen Wilden", der ihm als ein vollkommenes Naturkind im Sinne Rousseaus für einen "Experimentalmoralisten" sehr beachtenswert erschien.

Im Anschluß daran veröffentlichte er dann in den fünf folgenden Nummern die oben erwähnte geistvolle psychologische Plauderei über die 'Krankheiten des Kopfes', von der bloßen "Dummköpfigkeit" bis zur vollendeten Narrheit und vom Blödsinn bis zur Tollheit. Auch in diesen, in ihrem launigen Stil mit den 'Beobachtungen' verwandten Artikeln steckt Rousseauscher Geist. Der "Einfalt und Genügsamkeit der Natur" wird der künstliche Zwang und der bloße, sittsame oder weise "Schein" der "bürgerlichen Verfassung" entgegengesetzt. Nur die letztere brütet alle jene "Gebrechen des menschlichen Kopfes" aus und bringt es dahin, dass Leute, die "durch eine moralische Empfindung als durch einen Grundsatz mehr erhitzt werden, als es andere nach ihrem matten und unedlen Gefühl sich vorstellen können", Phantasten heißen. So werden der gerechte Aristides von Wucherern, der enthaltsame Epiktet von Hofleuten, der einfache Johann Jakob Rousseau von den Doktoren der Sorbonne als Phantasten verspottet und verlacht, die doch nichts anderes als moralische Enthusiasten sind. Ohne Enthusiasmus aber "ist niemals in der Welt etwas Großes ausgerichtet worden". Könnte diese Sätze nicht ebensogut der junge Schiller geschrieben haben?



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 29.12.2006 
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