Vergebliche Bewerbungen um eine Professur


Ein Gedanke ist vor allem festzuhalten. Anders wie die meisten unserer geistigen Größen, läßt sich Kant auch schon in seinen jüngeren Jahren nicht von den Dingen und Personen seiner Umgebung treiben,*) sondern geht mit festem Willen, still und ruhig, auf das selbst bestimmte Ziel los: "Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen." Das Ziel aber, das er sich gesteckt, war dasjenige, welches er als das seiner Natur und seinen Geistesanlagen gemäßeste erkannt hatte: die Stellung eines Professors der Philosophie an der heimatlichen Universität; oder, um es mit den Eingangsworten seiner ersten Bewerbung um eben dieses Amt zu sagen: seine "größeste Bestrebung" war "jederzeit dahingegangen, sich zu dem Dienste Ew. Königl. Majestät auf Höchst dero Akademie nach Möglichkeit geschickt zu machen" (8. April 1756). Darum hatte nach einem "vieljährigen akademischen curriculo" der alte Student noch eine siebenjährige Hauslehrerzeit auf sich genommen, darum begann er jetzt mit mehr als 31 Jahren die dornenvolle Laufbahn eines Privatdozenten an einer Universität, von der noch in späterer, besser gewordener Zeit sein Kollege Kraus zu sagen pflegte: Professor an ihr zu werden, heiße zugleich das Gelübde der Armut ablegen. Und zwar Lehrer der Philosophie. Denn, wie vielseitig auch seine mathematischen, naturwissenschaftlichen und geographischen Studien gewesen waren: in erster Linie hatte er doch immer die philosophischen Wissenschaften "excoliret" und "zu dem vornehmsten Felde seiner Bestrebungen gewählet", unter ihnen aber am meisten wieder Logik und Metaphysik, "derjenigen vorzüglichen Neigung gemäß, die ich jederzeit zu diesem Teile der Weltweisheit gehabt habe" (Zweite Bewerbung vom 11. Dezember 1758).

Darum bewarb er sich auch nicht um andere Professuren, womöglich gar noch in anderen Fakultäten, wie das an den damaligen deutschen Universitäten häufig vorkam und bei der elenden Bezahlung schließlich zu begreifen war: so dass z. B. ein Theologe zugleich Mathematiker oder gar Mediziner war. Auch seine Bewerbung um die unterste "Schulkollegen-", d. h. Gymnasiallehrerstelle am Kneiphöfschen oder Dom-Gymnasium, von der einige ältere Biographen berichten, ist nicht sicher. Wenn sie stattgefunden hat, müßte sie nach Wardas abschließender Untersuchung in das Jahr 1757 fallen und könnte sie nur aus pekuniären Erwägungen hervorgegangen sein. Sein jüngerer Kollege Kraus, der ihn aus langjährigem vertrauten Umgang in der späteren Zeit kannte, ist sogar so weit gegangen, zu behaupten: es sei ihm nie eingefallen, "um etwas für sich zu bitten oder zu ambiren (herumzugehen)". Das trifft gewiß in dem Sinne zu, dass Kant Zeit seines Lebens nie durch Konnexionen oder gar Schmeicheleien und Bücklinge vorwärts zu kommen, "Karriere zu machen" gesucht hat. Dagegen wäre es töricht von ihm gewesen, eine sich bietende günstige Gelegenheit nicht wahrzunehmen. So hat er sich denn auch bereits Ostern 1756 um das durch den Tod seines einstigen Lehrers Martin Knutzen seit fünf Jahren verwaiste Extraordinariat für Logik und Metaphysik beworben, das jedoch infolge des ausbrechenden Krieges überhaupt nicht wieder besetzt wurde. Desgleichen Ende 1758 in einem, nach der Sitte der Zeit sehr untertänig gehaltenen, Schreiben an die "Selbstherrscherin aller Reußen", d. h. in Wirklichkeit die russische Regierung in Königsberg, der Ostpreußen von 1758 bis 1762 unterstand, und zwar um die erledigte ordentliche Professur für die gleichen Fächer. Auch diesmal erfolglos. Kant, der sich noch im letzten Augenblick gemeldet hatte und von seinem alten Direktor F. A. Schultz unterstützt wurde, kam zwar mit seinem Kollegen, dem außerordentlichen Professor Bück, in engere Wahl; da dieser aber schon seit 15 Jahren unbesoldet an der Akademie wirkte, wurde er dem überdies an Jahren jüngeren Mitbewerber vorgezogen. So war und blieb dieser denn bis zu seinem 47. Lebensjahre der "Magister" Kant.

 

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*) Einer seiner lateinischen Lieblingssprüche lautet auf deutsch: "Ich strebe mir die Dinge, nicht mich den Dingen unterzuordnen."


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.12.2006 
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