Geselliger Verkehr
— Das Haus Keyserling


Im übrigen änderte sich der gesellige Verkehr unseres Philosophen durch seine Ernennung zum Professor weniger, als es manchmal in dergleichen Fällen zu geschehen pflegt. Magister Kant hatte sich durch seine Persönlichkeit und sein Wissen schon so viel Ansehen und Verehrung erworben, dass die neue Würde sie nicht erhöhen konnte. Der nahe Verkehr mit den kaufmännischen Freunden Green, Motherby, Ruffmann, Jacobi (bis zu dessen Tod 1774) dauerte fort, ebenso wie der, freilich vielfach unterbrochene, mit den Akademikern Hippel, Hamann, Scheffner u. a. Wenn der General von Meyer um die Mitte der 70er Jahre starb, General von Lossow selten mehr von dem entfernten Goldap nach der Hauptstadt kam, so traten dafür andere hochstehende Militärs, wie der Gouverneur Graf Henckel von Donnersmarck, General von Brünneck und Oberst Friedrich von Holstein-Beck an ihre Stelle. Im Hause des letzteren hielt er 1772/73 vor einem gemischten Zuhörerkreise Vorlesungen über Physische Geographie, von denen noch eine von Kant selbst durchgesehene Nachschrift existiert. Kants Gesellschaft wurde, nach dem Zeugnis eines Zeitgenossen, von den besten Häusern und den angesehensten Familien um so mehr gesucht, als er mit vollkommenster Rechtlichkeit und echtem Stolz auch eine sehr saubere, ja ansehnliche äußere Erscheinung verband. Ihm gegenüber, ja auch in seiner Gesellschaft, wagte man nie den Anstand zu verletzen. Den unverheirateten. Teil der höheren Offiziere kannte er teilweise wohl von der Mittagstafel im Hotel Zornich oder im Russischen Hof der Witwe Gerlach, Bei der letzteren tagte um die Mitte der 70er Jahre die sogenannte Ressource, eine auch von Kant besuchte gesellige Vereinigung von 'Kaufleuten und Gelehrten, die übrigens allen Gebildeten offen stand und Geselligkeit in höherem Sinne bot. Von seinen Kollegen scheint er auch in diesem Zeitraum keinem besonders nahe gestanden zu haben.

Dagegen gewann ein Aristokratenhaus aufs neue und zwar erhöhte Bedeutung für ihn. Im Jahre 1772 war der kurländische Reichsgraf Heinrich Christian von Keyserling aus dem russischen Staatsdienst ausgeschieden und hatte mit seiner uns bereits bekannten geistvollen Gemahlin Karoline Amalie seinen dauernden Wohnsitz in Königsberg aufgeschlagen. In ihrem geschmackvoll eingerichteten Palais am Roßgarten verkehrte bald alles, was Königsberg von Geburts- und Geistesaristokraten besaß, und was von berühmten Leuten die Stadt passierte. Dabei fehlte alles prunkende Mäzenatentum. Selbst der sarkastische Hamann schrieb: "Dies Haus ist die Krone unseres ganzen Adels, unterscheidet sich von allen übrigen durch Gastfreiheit, Wohltätigkeit, Geschmack" (an F. H. Jacobi, 7. Januar 1785). Er, der Graf, jetzt in seinen mittleren Jahren stehend (geb. 1727), hatte in seiner Jugend in Halle studiert, sich früh in fremden Ländern umgesehen, und eine Reihe von Jahren im kursächsischen, österreichischen und russischen Staatsdienst zugebracht. Sein ausführlicher Brief an Kant vom 29. Dezember 1782 zeigt völlige Vorurteilslosigkeit in Standesfragen, gesundes Urteil, praktischen Verstand und Bewandertsein in politischen und wirtschaftlichen Dingen; ein kleines Billet zeigt die bei aller Höflichkeit doch ungezwungene Art ihres Verkehrs, die der Graf auch dem originellen Hamann gegenüber bewies, indem er ihn einmal in seinem einfachen Garten (dem "Hain Mamre") mit seinem Besuch überraschte, mit ihm ein "Schlichen" Kaffee trank und ein Pfeifchen rauchte, ein andermal in seiner Krankheit besuchte und sogar Medizinmittel mitbringt.

Sie, die wir bereits flüchtig kennengelernt haben, Charlotte Amalie aus dem ebenfalls reichsgräflichen Hause Truchseß-Waldburg, hatte schon mit 15 Jahren (1744) den 20 Jahre älteren Grafen Johann Gebhard von Keyserling-Rautenburg geheiratet und ihm zwei Söhne geschenkt. Nachdem sie 1761 ihren ersten Gemahl durch den Tod verloren, hatte sie sich zwei Jahre später mit einem anderen Keyserling, eben unserem Heinrich Christian, vermählt. Die schöne Frau und der stattliche Graf machten schon äußerlich einen guten Eindruck. Aber wichtiger war, dass sie, von Jugend auf geistig lebhaft interessiert, auch in ihren Gesellschaftskreisen in gleichem Sinne zu wirken suchte. Den anschaulichsten Begriff von der Geistesart der Gräfin gibt uns die lebendige Schilderung des späteren Professor Kraus, den Kant im April 1777 als Hofmeister des 18 jährigen Sohnes dort untergebracht hatte. "Die Vertraulichkeit, mit welcher der alte Graf und besonders die Gräfin mit mir umgeht, ist unbegreiflich. Über dem Essen schweigt die ganze Gesellschaft, und sie spricht mit mir allein unaufhörlich, und raten Sie wovon? Vom Euler- und Newtonschen Lichtsystem, von der Edda, vom Aberglauben und Unglauben, was von beiden schädlicher sei, und von neuen Entdeckungen und herausgekommenen Büchern. Wie kommt sie dazu? Sie hält sich alle französischen Journale und tut nichts als lesen." Da die Unterhaltungssprache im Hause in der Regel die französische war, mußte Kraus rasch das Nötigste nachlernen. Übrigens wurde jeder Gast, vornehm oder gering, mit gleicher Aufmerksamkeit behandelt.

Dass Kant, der sie von früher her kannte (vgl. Buch I, Kap. 3), einer der häufigsten und bevorzugtesten Gäste des Hauses wurde, ist natürlich. Erschien er zur Tafel, so bekam er stets den Ehrenplatz, der Gräfin zur Seite: außer wenn einem ganz Fremden diese Stelle aus Konvenienzrücksichten eingeräumt werden mußte. Kant benahm sich als der feinste Weltmann von den angenehmsten Manieren, so dass man, wie von verschiedenen Seiten übereinstimmend berichtet wird, hier den abstrakten Denker und tiefen Gelehrten in ihm nicht vermutete. Er wußte "sogar abstrakte Ideen in ein liebliches Gewand zu kleiden, und klar setzte er jede Meinung auseinander, die er behauptete. Anmutsvoller Witz" — den man ihm sogleich an den Augen und Gesichtszügen ansah — "stand ihm zu Gebote, und bisweilen war sein Gespräch mit leichter Satire gewürzt, die er immer mit der trockensten Miene anspruchslos hervorbrachte". Auch in Abwesenheit ihres Gemahls lud sie wohl den ihr vertrauten Gelehrten ein; sie schreibt ihm einmal: "Kant hat bei mir gespeiset." Neben ihren wissenschaftlichen und literarischen Interessen übte sie auch die Malerei praktisch aus. Sie zeichnete nicht bloß Porträts nach dem lieben — von ihrer Zeichnung des 30jährigen Kant haben wir schon vernommen — und kopierte Bilder van der Werffs u. a. in Pastell, sondern malte auch selbst Miniaturen profanen und religiösen Inhalts und wurde deshalb 1786, wohl nach dem Regierungsantritt des neuen Königs, zum Ehrenmitglied der Berliner Akademie der Künste ernannt. So besaß denn das Palais auch ein besonderes Gemäldekabinett mit zahlreichen Originalen und Kopien, besonders von dem jüngeren Dieterich in Dresden und einer Reihe Niederländer, darunter Ruysdael, Teniers, Wouvermann, ja sogar einen Rembrandt; ferner eine reiche, über tausend Stück zählende Sammlung von Kupferstichen, in der die Medizeische, die Dresdener Galerie, die des Luxembourg und des Palais Royal vertreten waren: so dass es Kant an Gelegenheit, auch seinen Kunstsinn auszubilden, im Palais Keyserling nicht gefehlt hat. Die Bibliothek zählte 4—5000 Bände, besonders geschichtliche und antike Autoren; auch waren eine Anzahl mathematisch-physikalischer Instrumente vorhanden. Kant hat den freundschaftlichen Verkehr mit dem glänzenden und gastfreien Hause bis zum Tode des Grafen (1787) und der Gräfin (1791) fortgesetzt. Sie ist die einzige Dame seiner Bekanntschaft, die er durch eine Erwähnung in seinen Schriften geehrt hat. Er nennt sie in der "Anthropologie" (§79), wo er eine kleine aus ihrem Mund gehörte scherzhafte Geschichte erzählt, "eine Zierde ihres Geschlechts".


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