Verkehr mit Kaufleuten


Auch mit den Spitzen der Zivilbehörden stand unser Philosoph in Verkehr. So ist z. B. durch einen Brief Hamanns an Lindner bezeugt, dass Kant sich für des letzteren Berufung nach Königsberg gelegentlich seiner "häufigen Besuche" bei v. B. Exc. (d. h. vermutlich dem Regierungspräsidenten von Braxein) einsetzen wolle (Weber, Neue Hamanniana, S. 51).

Enger und intensiver aber war des Philosophen Verkehr mit einer Reihe von Königsberger Kaufleuten. Am nächsten von allen stand ihm Joseph Green, der schon in jungen Jahren aus England herübergekommen war und das von ihm begründete Handelsgeschäft zu hoher Blüte gebracht hatte. Noch heute steht sein in englischem Stile erbautes, jetzt der Stadt Königsberg gehöriges Landhaus auf einem bewaldeten Hügel bei dem Kirchdorfe Juditten, der Geburtsstätte Gottscheds und beliebtem Ausflugsort noch der heutigen Königsberger. Er war Kant in der Grundsatzmäßigkeit der Lebensführung verwandt, ja noch überlegen, bis zum Spleenmäßigen. Bekannt ist die hübsche Geschichte, wie der Philosoph einst mit ihm eine Spazierfahrt nach der Oberförsterei Moditten für den folgenden Vormittag um acht Uhr verabredet hatte. Green, der bei solchen Gelegenheiten schon um drei Viertel mit der Uhr in der Hand in der Stube herumging, mit der fünfzigsten Minute seinen Hut aufsetzte, in der fünfundfünfzigsten seinen Stock nahm und mit dem ersten Glockenschlage den Wagen öffnete, fuhr, als er Kant nicht erblickte, ohne diesen fort und hielt, obwohl er ihm nach zwei Minuten auf der Krämerbrücke begegnete, trotz dessen lebhafter Gebärde nicht an, weil das gegen die Abrede und gegen seine Regel war. Der pedantische Engländer, der wie Kant Junggeselle geblieben ist, soll das Musterbild zu dem "Mann nach der Uhr" in Hippels gleichnamigem Lustspiel gewesen sein. Schon 1766 wird er von Scheffner als Kants Freund erwähnt, desgleichen 1768 von dem ebenfalls mit ihm befreundeten Hamann, der bereits 1770 die Übersetzung einer Schrift 'Über die Gicht' ausdrücklich Green als "dem Freunde unseres Kant" widmete. Darum kann auch die bekannte Erzählung Jachmanns nicht stimmen, wonach Green und Kant sich erst bei einem gelegentlich des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1776—1783) zwischen ihnen entstandenen heftigen Wortwechsel kennengelernt und Freunde geworden wären. Nach Jachmann wäre die Freundschaft zwischen beiden so eng gewesen, dass der Philosoph, wie er ihm selbst versichert habe, "in seiner Kritik der reinen Vernunft keinen Satz (!) niedergeschrieben, den er nicht zuvor seinem Green vorgetragen und von dessen unbefangenem und an kein System gebundenem Verstände hätte beurteilen lassen". Neben anderen Sonderlingseigenschaften besaß Green auch die, dass er nicht bloß gänzlich unmusikalisch war, sondern nicht einmal einen musikalischen Ton von einem sonstigen Geräusch, und Poesie von Prosa an nichts anderem als der verschiedenen Silbenstellung unterscheiden konnte. Das erzählte Kant selbst nach des Freundes Tode in einem Briefe (an Hellwag, 3. Januar 1791), in welchem er "den engl. Kaufmann Hr. Green" ausdrücklich "meinen besten Freund" nennt.

Wohl durch Green lernte er auch dessen Sozius Robert Motherby kennen, der schon als 14 jähriger um 1750 aus Hüll nach der Pregelstadt gekommen war. Seine noch heute in Königsberg lebenden Nachkommen nehmen ihn als den einen Helden jenes Wortgefechts, das beinah zu einem Zweikampf geführt hätte, in Anspruch. Allein auch ihn bezeichnet der Philosoph bereits in einem Briefe vom 28. März 1776 als seinen "sehr werten Freund". Vor allem aber war Motherby nach Jachmanns ausdrücklichem Bericht nicht Hauptbeteiligter, sondern bloß "Augenzeuge" jenes Vorfalls; gerade er habe ihm oft versichert, dass Kant, bei seinem Eintreten für die Freiheitsrechte der Amerikaner ihm und allen Anwesenden "wie von einer himmlischen Kraft begeistert erschienen wäre und ihr Herz auf immer an sich gefesselt hätte". Auch die Geschichte mit der allzu pünktlichen Wagenfahrt erzählt die Familienüberlieferung der Motherby von ihrem Ahnen; allein sie paßt besser zu dem, was auch sonst von der Grillenhaftigkeit des alten Junggesellen Green berichtet wird, als zu dem taktvollen Wesen des überdies im Lebensalter um zwölf Jahre hinter Kant zurückstehenden Motherby. Von der Fortsetzung beider Freundschaften bis ins Alter hinein wird noch zu reden sein.

Durch beide Freunde wurde der Philosoph ferner mit dem ebenfalls eingewanderten schottischen Kaufmann Hay bekannt, der neben seinem Beruf eine gründliche klassische Bildung besaß; weiter mit dem Inhaber der französischen Handelsfirma Toussaint und Laval, mit denen Motherby durch seine Gemahlin, eine geborene Toussaint, verschwägert war. Den Kommerzienrat Toussaint empfiehlt Kant 1796 dem Elberfelder Kaufmann Plücker, der ihn wegen eines Königsberger Handelshauses um Rat gefragt, bei seiner eigenen "Unkunde" in Geschäften, als "wichtigen und wohldenkenden Mann", durch den er ihm auch weitere Briefe zugehen lassen könne. Er selbst hatte bis 1798, wie sein Testament vom 26. Februar d. J. zeigt, sein ganzes bewegliches Vermögen — damals in beinahe 43 000 Gulden bestehend — zu sechs Prozent bei der Firma Green, Motherby & Comp. angelegt.

Natürlich verkehrte er daneben auch mit deutschen Kaufleuten: so mit dem gleichfalls seiner Bildung wegen hochgeachteten Hüge, dessen durch seinen schönen Park berühmtes Gut Prilacken zwischen Königsberg und Pillau er öfters besucht hat. Weiter mit dem aus Pillau stammenden Kaufmann und späteren "Bancodirektor" W. L. Ruffmann (geb. 1737, gest. 1794), in dessen Haus, als er jung verheiratet war (um 1766), auch Hippel verkehrte. Von Ruffmann, der ihn in kaufmännischen Angelegenheiten gleichfalls beriet, stammte der einzige Bilderschmuck in Kants Wohnung: ein Porträt Rousseaus.

Ob und wieweit der nähere und entferntere Umgang mit allen diesen Kaufherren in Kants Magisterjahre zurückreicht, läßt sich im einzelnen nicht mehr genau nachweisen, ist ja auch unerheblich. Sicher verkehrte er aber schon in den 6oer Jahren, und zwar ziemlich intim, in einem der vornehmsten Kaufmannshäuser der Stadt, dem des Geheimen Kommerzienrats Johann Conrad Jacobi. In diesem Hause hatte sich eine von den Königsbergern als die "Gelehrte Gesellschaft" bezeichneter privater Zirkel gebildet, dessen Hauptmitglieder, außer dem Ehepaar Jacobi selbst, der Oberstleutnant von Lettow, eine Baronin von Thile, Magister Kant und Münzmeister Göschen bildeten, während die außerordentlichen oder gelegentlichen Teilnehmer, wie Hippel, zahlreich waren. Kants Fürsprache bei dem einflußreichen Kaufherrn verdankte u. a. Hamann seine Anstellung als Sécrétaire-Traducteur beim Akzise-Amt. Den Hauptanziehungspunkt dieses Patrizierhauses jedoch bildete, vielleicht auch für Kant, die bewunderte und elegante Frau des Hauses, Maria Charlotta geb. Schwink. Damit kommen wir auf ein besonderes, bisher noch wenig durchforschtes Kapitel: Kant und die Frauen.


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