Kant und Minister von Zedlitz


Aus unserer letzten Erzählung geht hervor, welchen Einfluß damals freidenkende Geister wie Kant und Mendelssohn auf das Berliner Ministerium der Kirchen- und Unterrichtsangelegenheiten hatten. Die Leitung desselben lag seit 1771 in der Hand des im besten Mannesalter stehenden Freiherrn Karl Abraham von Zedlitz (geb. 1731), der, wenigstens auf dem Gebiete des höheren Unterrichts, zumal der Universitäten, eine eifrige Reformtätigkeit entfaltete. Da er bereits ein Jahr vorher ins Ministerium berufen war, stammt vielleicht schon eine im Mai 1770 erlassene Anweisung über den Betrieb des philosophischphilologischen Studiums von ihm, die zugleich auf die Notwendigkeit der Ausbildung in den verschiedenen philosophischen Disziplinen für alle Fakultäten hinwies und die "wahre Philosophie" als eine "Fertigkeit" bezeichnete, "selbst ohne Vorurteile und ohne Anhänglichkeit an eine Sekte zu denken"*). Eine Fortsetzung dieser Reformbestrebungen bildete der am 25. Dezember an die Königsberger Universität ergangene "Kgl. Spezialbefehl", der die "landesväterliche Absicht" dahin formulierte, "dass auf unseren Universitäten die Köpfe der Studierenden nicht mit nahrungslosen Subtilitäten verdüstert, sondern aufgeheitert und durch die Philosophie besonders zur Annahme und Anwendung wahrhaft nützlicher Begriffe fähig gemacht werden sollen". Im Sinne des aufgeklärten Despotismus wurde dann zwei Crusianern, den Magistern Weymann, der 1759 einen plumpen Angriff gegen Kants Abhandlung über den Optimismus gerichtet und auch 1763 dessen 'Einzig möglichen Beweisgrund' angegriffen hatte, und Wlochatius nahe gelegt, sich andere Gegenstände zu ihren Vorlesungen auszusuchen, da über den Unwert von Crusius' Philosophie die erleuchtetsten Gegner längst einig seien. Denn "so wenig Wir gewohnt sind, über individuelle Meinungen herrschen zu wollen, so halten Wir doch für nötig, der Ausbreitung gewisser allgemein nutzenlos befundener Meinungen vorzubeugen"**). Auch wurde der vielfache Gebrauch veralteter Kompendien für die Vorlesungen gerügt, die der Professoren — Kant und Reusch allein ausgenommen, und Repetitorien und Examinatorien im Kolleg selber oder in besonders dazu angesetzten Stunden, wie Kant sie auf eigene Faust bereits eingeführt, allgemein empfohlen.

Am deutlichsten und unmittelbarsten aber gibt sich die vorurteilsfreie und weitblickende Gesinnung des liberalen Ministers in seinem Brief an den "lieben Herrn Professor Kant" vom 1. August 1778 kund. Er entbehrt jedes offiziellen Tones. Nicht der Minister redet hier zu seinem Untergebenen, sondern Mensch zu Mensch. Wir glauben Schiller in seiner Jenaer Antrittsvorlesung oder Kant selbst in seinem Vorlesungsprogramm von 1765/66 zu hören, wenn wir hier aus Ministermund Worte vernehmen, wie die: "Geben Sie mir doch Mittel an die Hand, die Studenten auf Universitäten von den Brotkollegiis zurückzuhalten und ihnen begreiflich zu machen, dass das Bißchen Richterei, ja selbst Theologie und Arzneigelehrtheit unendlich leichter und in def Anwendung sicherer wird, wenn der Lehrling mehr philosophische Kenntnis hat, dass man doch nur wenige Stunden des Tages Richter, Advokat, Prediger, Arzt und in so vielen Mensch ist, wo man noch andere Wissenschaften nötig hat — kurz, dies alles sollen Sie mich lehren, den Studenten begreiflich zu machen." Und er weiß sehr wohl, dass es mit "gedruckter Anweisung, Leges, Reglements" — von denen wir auch heute noch mehr als genug besitzen — nicht getan ist, dass sie die Sache vielmehr nur verschlimmern; denn, "das ist alles noch schlimmer als das Brotkollegium selbst". Kants Antwort auf diesen wie auf die anderen Briefe des Ministers ist leider nicht erhalten.

Bei seiner Verehrung für den Philosophen, suchte Zedlitz diesem einen größeren Wirkungskreis zu verschaffen; er fragte am 28. Februar 1778 bei ihm an, ob er ihn dem König als Professor der Philosophie in Halle mit einem Anfangsgehalt von 600 Talern vorschlagen dürfe, und, als Kant "mit vielem philosophischen Kaltsinn" ablehnte, bot er ihm nicht nur 200 Taler mehr, sondern suchte ihm auch eindringlich alle Vorteile eines solchen Wechsels vorzustellen. In der Tat hatte alles, was der Minister zur Empfehlung desselben sagte, seinen guten Sinn. Halle lag im Zentrum des gelehrten Deutschlands, hatte ein milderes Klima und besaß eine Anzahl tüchtiger Lehrer, und Zedlitz bemühte sich gerade damals, die ja auch dem Mittelpunkt des preußischen Staates nächste Universität immer mehr in die Höhe zu bringen. Dazu der gewaltige Unterschied in der Höhe des Gehaltes zwischen den 800 Talern in Halle und den nur 236 Talern in Königsberg, dessen geringe Fonds noch nicht einmal Aussicht auf künftige Verbesserung boten. Vor allem aber die größere Wirkungsmöglichkeit bei den dortigen 1000 bis 1200 Studenten, die "ein Recht haben, von Ihnen Unterweisung zu fordern, deren Unterlassung ich nicht verantworten möchte". Ein Mann wie Kant habe die Pflicht, "in einem weiteren Zirkel gemeinnützige Kenntnisse und Licht auszubreiten". "Ich wollte wünschen, dass Leute von Ihren Kenntnissen und Gaben in Ihrem Fach nicht so selten wären, ich wollte Sie nicht so quälen." Ja, auf eine kleine etwaige Schwäche spekulierend, die auch heute noch bei manchen Männern der Wissenschaft, selbst Philosophen, vorkommen soll: wenn vielleicht "Nebenumstände, von denen sich auch der Philosoph nicht trennen kann", Kant "den Titel eines Hofrats angenehm machen würden", würde er sich anheischig machen, bei dem König darauf anzutragen. Nun, zu einem "Hofrat Kant" ist es — im Unterschied von dem Hofrat Schiller oder der Exzellenz Goethe — glücklicherweise nicht gekommen. Alle Vorstellungen, alles "Quälen" des Ministers blieb vergebens. Kant verharrte bei seiner Ablehnung. An seine Stelle kam dann ein Popularphilosoph, sein späterer philosophischer Gegner Eberhard.

Leider besitzen wir auch in diesem Falle Kants Erwiderung nicht, aber er hat seine Gründe, vielleicht um so offenherziger, einem Schreiben von Anfang April an Freund Marcus Herz anvertraut, das uns seine Stimmung klar erkennen läßt. Gewiß weiß er sich von Eitelkeit und Gewinnsucht weit entfernt: "Gewinn und Aufsehen auf einer großen Bühne haben, wie Sie wissen, wenig Antrieb vor mich." Aber es erfaßt ihn doch ein Gefühl der Schwermut, wenn er sich einem "Schauplatze" versagen soll, wo er seinen Lebenszweck in weit größerem Umfange verwirklichen könnte: "nämlich gute und auf Grundsätze errichtete Gesinnungen zu verbreiten, in gutgeschaffenen Seelen zu befestigen und dadurch der Ausbildung der Talente die einzige zweckmäßige Richtung zu geben." Daran verhindere ihn nur der "kleine Anteil von Lebenskraft", der ihm, im Gegensatz zu anderen, zugemessen sei. Alles, was er gewünscht, habe er jedoch vom Geschick erhalten: "eine friedliche und gerade meiner Bedürfnis angemessene Situation, abwechselnd mit Arbeit, Spekulation und Umgang besetzt, wo mein sehr leicht affiziertes, aber sonst sorgenfreies Gemüt und mein noch mehr launischer, doch niemals kranker Körper ohne Anstrengung in Beschäftigung erhalten werden." In diese bescheidenen Wünschen entsprechende Lage hatte er sich nun seit Jahren hineingelebt, und so gibt er demselben "Instinkt seiner Natur" Ausdruck, der ihn auch den Ruf nach Erlangen vor neun Jahren nachträglich hatte ablehnen lassen, diesmal bestimmter mit den Worten: "Alle Veränderung macht mich bange." Er glaube diesen Instinkt beachten zu müssen, wenn anders "er den Faden, den mir die Parzen sehr dünn und zart spinnen, noch etwas in die Länge ziehen will". Deshalb danke er zwar seinen Gönnern und Freunden für ihre gütige Gesinnung, bitte sie aber, ihm dieselbe dadurch zu beweisen, dass sie ihm in seiner gegenwärtigen Lage alle Beunruhigung abwehrten.

Wir haben Kant selbst ausführlich das Wort gegeben, weil diese Sätze uns wieder einmal einen tieferen Einblick in seine seelische Eigenart gewähren. Mögen wir es auch bedauern, dass er so peinlich, ja ängstlich dem "Instinkt seiner Natur" folgen zu müssen glaubte, die ihm, wie er meinte, jede Änderung des gewohnten Lebenskreises verbot, mögen wir es im Interesse der deutschen Kultur beklagen, dass er die ihm von dem Leiter des preußischen Unterrichtswesens so dringend ans Herz gelegte Übersiedlung in das Herz Deutschlands, in die Nähe Weimars, nicht ausgeführt hat: wir müssen einem so klar sehenden Kopfe wie ihm vertrauen, dass er selbst am besten wußte, was ihm not tat, damit er in Ruhe und ohne Störung das große Werk seines Lebens vollendete. So hat auch sein Freund und Gönner Zedlitz gedacht: denn er hat ihn von da an nicht mehr "gequält".

Konnte dieser nun auch den Philosophen nicht in seine Nähe bekommen, so wurde er doch sein Zuhörer. "Ich höre jezt ein Collegium über die Phisische [sic!] Geographie bei Ihnen, mein lieber Herr P. Kant ..., so wunderbar Ihnen dieses bey einer Entfernung von etl. 80 Meilen vorkommen wird", schreibt er ihm am 21. Februar 1778; er hatte sich nämlich die Nachschrift eines Königsberger Studierenden verschafft. Da er sie aber undeutlich geschrieben und vielfach unvollständig fand, bat er Kant, ihm zu einer sorgfältigeren zu verhelfen, "gegen die heiligste Versicherung, das Mskt. nie aus meinen Händen zu geben". Es ist dann noch mehrmals in Zedlitz' Briefen davon die Rede, und Kant gab ein solches im Anfang des Winters seinem früheren Schüler Kraus nach Berlin mit. Bald aber sollte der Minister in Berlin selber, wenn auch nicht unmittelbar, Kantische, so doch in Kants Geist gehaltene Vorlesungen hören, und Kantische Gedanken zum ersten Male in der Stadt der Aufklärung verbreitet werden. Es geschah durch den mehrerwähnten Anhänger und Freund Kants, Marcus Herz. Da derselbe in diesem Jahrzehnt einer der unserem Philosophen nächststehenden Menschen gewesen ist, so sei es gestattet, auf seine Persönlichkeit und seine Berliner Umgebung etwas ausführlicher einzugehen.

 

___________________

*) Ausführlicheres über die im Texte erwähnten Ministerial-Verfügun-gen s. bei Arnoldt, Ges. Sehr. Bd. V, S. 224 ff., 248 ff.

**) Wlochatius brach daraufhin sein Metaphysik-Kolleg mitten im Semester ab. Von Weymann hören wir, dass später unter seinem Konrektorat und Rektorat das Altstädtische Gymnasium in völligen Verfall geriet. Hamann schreibt 8. November 1786 von ihm, sein "Ruf und Kopf sei so "erloschen", dass es eine "öffentliche Schande" sei.


 © textlog.de 2004 • 15.12.2017 13:20:07 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.12.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright