2. Naturgeschichte und Theorie des Himmels


Bereits in seiner Erstlingsschrift hatte der Studiosus Kant sich an die höchsten Probleme der Naturphilosophie gewagt, die größten philosophischen Autoritäten der neueren Philosophie auf diesem Felde (Descartes, Leibniz) zu kritisieren unternommen. Eine neue "Dynamik" auf Grund einer Verbesserung des Leibnizschen Kraftbegriffs hatte er schaffen wollen: ein Gedanke, der ihn, wie wir sahen, noch weit über die Zeit der Abfassung seiner Schrift hinaus beschäftigte. Aber daneben war in den einsamen Jahren seiner Hauslehrerzeit, in der Pfarrei von Judtschen und auf dem Rittergute des "Oberlandes", ein weit großartigerer Plan in der Seele des Jünglings aufgestiegen: diese Dynamik, dieses Walten ewiger Kräfte aufzuzeigen in der Entwicklung der Welt von ihrem Urbeginn an. Er wollte, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, aus den einfachsten materialen Voraussetzungen, nämlich dem "ersten Zustande der Natur", die "Bildung der Weltkörper selber und den Ursprung ihrer Bewegungen", kurz die ganze "Verfassung des Weltbaues", und zwar bloß durch mechanische Gesetze herleiten: "Gebet mir Materie, ich will euch zeigen, wie eine Welt daraus entstehen soll!" Daraus entsprang seine in langen Jahren entworfene, im Frühling 1755 an die Öffentlichkeit gebrachte 'Naturgeschichte und Theorie des Himmels'.

Derjenige Denker, der ihm den Mut zu solchem Wagnis gab, war derselbe, der bereits auf seine Universitätsstudien den nachhaltigsten Einfluß geübt, der ihm schon zu der ersten Schrift die sachliche Anregung gegeben hatte: Isaak Newton. Aber, während die Jugendschrift den Namen des großen Engländers nur einige Male in unbedeutendem Zusammenhange nennt, schreibt er jetzt auf das Titelblatt seiner "Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" den Beisatz: "nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt". Einen "kurzen Abriß der nötigsten Grundbegriffe der Newtonischen Weltwissenschaft" schickt er zu Anfang des Werkes für diejenigen voraus, "die etwa der Newtonischen Grundsätze nicht genugsam kundig sein". Auf Newton will er aufbauen, Newton will er weiter bilden. Durch keine anderen Kräfte als die "aus der Newtonischen Weltweisheit entlehnten" rein mechanischen, gleich gewissen, gleich einfachen und gleich ursprünglichen und allgemeinen Kräfte der Anziehung und Zurückstoßung will er die Welt aus ihrem anfänglichen Chaos ableiten (S. 23, 61)*) und so den physischen Teil der "Weltwissenschaft" zu der nämlichen Vollkommenheit bringen, "zu der Newton die mathematische Hälfte derselben erhoben hat" (18). Newton hatte mit. der Anwendung seiner großen Entdeckung bei der Entstehung des Planetensystems Halt gemacht. Kant will auch dieses aus ihr zu erklären versuchen.

Welche innere Freude muß der junge Denker empfunden haben, als ihm nach und nach die ganze Größe seiner Entdeckung aufging! Eine Stelle der überhaupt für die Kenntnis des persönlichen Moments besonders lesenswerten Vorrede offenbart es uns. Aus der einfachen und bescheidenen Sprache, hinter der er sonst seine Empfindungen in der Regel eher verbirgt, bricht hier unwillkürlich das persönlich klingende Ich hervor, "Ich nehme die Materie aller Welt in einer allgemeinen Zerstreuung an und mache aus derselben ein vollkommenes Chaos." "Ich sehe nach den ausgemachten Gesetzen der Attraktion den Stoff sich bilden und durch die Zurückstoßung ihre Bewegung modifizieren." Und so erzeugt sich vor seinen Augen, "ohne Beihilfe willkürlicher Erdichtungen", bloß in Konsequenz der unumstößlichen Bewegungsgesetze, das ganze Weltsystem. So einfach und so schlicht, dass es ihm selbst anfangs Verdacht erweckt. Allein er sagt sich schließlich, dass gerade diese Einfachheit und Regelmäßigkeit für die Richtigkeit seiner Sache und zugleich für die höchste Weisheit des Urwesens zeuge. Und so "vermehret sich" seine "Zuversicht" bei jedem Schritte, und seine "Kleinmütigkeit" höret völlig auf (12 f.). Er wagt die "gefährliche Reise", auf der er "schon die Vorgebirge neuer Länder erblickt" (8). Zwei Einwände macht gleichwohl der kritische Kopf, wie andererseits die religiöse Gesinnung in ihm, dem eigenen Unterfangen: Einwände, die auch für die Ausbildung seiner späteren, kritischen Philosophie von größter Bedeutung sind. Der erste ist, dass der von ihm gewählte "Vorwurf" die Kräfte der menschlichen Vernunft übersteige; der zweite: dass seine mechanische Naturerklärung sich nicht mit der Religion vertrage. Auf die Zurückweisung des zweiten Bedenkens legt er den Hauptton. Wir dürfen es Kant in der Tat glauben, dass er seine Untersuchung nicht eher begonnen, als bis er sich "in Ansehung der Pflichten der Religion in Sicherheit sah". Er ist fest davon überzeugt und versichert es immer wieder, dass gerade sein Lehrgebäude zu einer erhabeneren Gottesvorstellung führe, dass es die Macht und Weisheit des höchsten Wesens weit schlagender bezeuge, als wenn man willkürliche, unmittelbare Eingriffe der "Hand Gottes" annehme (152 u. ö.). Bei alledem scheidet er sich jedoch deutlich von denjenigen, die der "herrschenden" Neigung ergeben sind, die Wunder der Offenbarung mit den ordentlichen Naturgesetzen in ein System zu bringen. Er findet es "vor ratsamer, den flüchtigen Beifall" solcher Entdeckungen dem "wahren" Vergnügen aufzuopfern, das aus der Wahrnehmung der Regelmäßigkeit der Zusammenhänge entspringt, indem physische Wahrheiten auch durch physische Analogien gestützt werden (112). Er selbst bekennt sich zu einer Mittelstellung zwischen den Extremen auf beiden Seiten: den Freigeistern und Atheisten von der Art eines Epikur und Lukrez, welche die Bildung der gesamten Welt einem glücklichen ungefähr (144), dem zufälligen Zusammenstoß von Atomen (147) zuschreiben, und den theologischen Eiferern, die in allem Naturgeschehen die "unmittelbare Hand Gottes" erblicken und so "die ganze Natur in Wunder verkehren" (146).

Unwandelbare Kräfte und Gesetze vielmehr, die freilich "den weisesten Verstand zur Quelle" haben, haben die Ordnung der Welt bewirkt, die sich auf völlig mechanischem Wege entwickelt hat (148 u. ö.). Der Materie wohnt, bereits von ihrem einfachsten Zustande ab, das Bestreben inne, sich durch eine natürliche Entwicklung zu einer vollkommneren Verfassung zu bilden: und zwar durch eine mechanische Veranlassung, nämlich die Schwere. Ausdrücklich wird schon hier die gewöhnliche teleologische Betrachtungsweise der damals das philosophische Feld noch beherrschenden Wolffianer abgelehnt, die stets danach fragt, wie alles am besten eingerichtet sei. Wie erklärt sich dann z. B. das Dasein der anscheinend doch ganz zwecklosen Kometen? In der Tat verzweifelte selbst ein Newton an diesem und anderen Punkten an einer natürlichen Erklärung der Dinge und glaubte in seinem frommen Sinn hier einen besonderen "Finger Gottes" annehmen zu müssen: nach Kant "eine betrübte Entschließung vor einen Philosophen" (153)! Kant dagegen glaubt auch diese Schwierigkeit durch seine Theorie lösen zu können; wie denn überhaupt alle "astrotheologischen" Betrachtungen, auch die seines von ihm hochgeschätzten Anregers Thomas Wright, von vornherein abgewiesen werden. Hier leitete eben den jungen Philosophen der richtige wissenschaftliche Instinkt, mit dem — und damit wird zugleich auch jenes andere Bedenken betreffend die "Schwäche" der menschlichen Vernunft erledigt — wissenschaftliche Selbstkritik verbunden ist. Trotz der Klarheit, mit der er selber seine neue "Theorie des Himmels" vor Augen sieht, macht er keinen Anspruch auf "mathematische Unfehlbarkeit", sondern nur auf "vernünftige Glaubwürdigkeit" (23 f., 184). Er verzichtet darum auch absichtlich auf das "Gepränge" der — in der Schrift von 1747 noch verwandten — mathematischen Methode, sondern will die neue Ansicht nur als "Hypothese" vortragen (59). Trotz seiner Ablehnung unmittelbarer göttlicher Eingriffe in den Lauf der Natur, hält er übrigens noch an manchen Gedanken fest, die Newton mit Leibniz gemeinsam waren, von letzterem bloß mehr in den Vordergrund gestellt wurden: so dem von der Schönheit und ewigen Harmonie der gesamten Schöpfung, und dem von einer ununterbrochenen Stufenreihe aller Glieder der Natur.

Nur einen kurzen Überblick geben wir über den Inhalt des bekannten Werkes. Der erste, sachlich durch die Untersuchungen Wrights und anderer Astronomen stark beeinflußte, Abschnitt des Buches trägt vorbereitenden Charakter. Er führt den Nachweis, dass die Welt der Fixsterne kein wirres Durcheinander, sondern, ebenso wie die der Planeten, ein geordnetes System oder vielmehr eine ganze Reihe von Systemen darstelle, die sich um bestimmte Mittelpunkte bewegen.

Den "eigentlichsten Vorwurf" enthält der umfangreiche zweite Teil. Er entwickelt in seinen beiden ersten Kapiteln zum erstenmal die berühmte, vier Jahrzehnte später von Laplace aufs neue gefundene Theorie über den Ursprung unseres Planetensystems. An den Anfang aller Dinge wird, als der denkbar "einfachste" Zustand der Natur, "der auf das Nichts folgen kann" und als "eine unmittelbare Folge des göttlichen Daseins", ein das ganze Weltall erfüllender Urstoff gesetzt. "Allein zufolge einer ewigen Idee des göttlichen Verstandes" war bereits diese "Grundmaterie" mit dem Streben begabt, "sich durch eine natürliche Entwicklung zu einer vollkommneren Verfassung zu bilden". Schon der 22jährige Jüngling hatte erklärt: die erste Bewegung im All müsse von einer "unbewegten Materie" ausgegangen sein, denn man dürfe keine "unmittelbare Gewalt Gottes oder irgendeiner Intelligenz" voraussetzen, so lange man noch eine Kraft aus der Natur selbst ableiten könne. Die "an sich toten" Elemente, wie sie 1746 hießen, wurden dann "sich selber eine Quelle des Lebens". Bei ihrer von Anfang an vorhandenen Verschiedenartigkeit in bezug auf Dichte und Anziehungskraft konnte die allgemeine Ruhe nur einen Augenblick dauern. Vermöge eben dieser Anziehungskraft bildete sich an einem Ort des Universums, zu dem alle übrige Materie sich senkte, ein Zentralkörper ("Klumpen"), der anfänglich langsam durch chemische, dann aber "in schnellen Graden" durch die sogenannte Newtonische "Anziehung" anwuchs. Dazu, dass sich aus ihm unzählige Sonnensysteme — und jede Sonne wiederum mit ihren Trabanten — bildeten, mußte eine andere, ebenfalls von Anfang an wirkende Kraft, die Zurückstoßungskraft, hinzukommen. Sie führte, indem die dem Mittelpunkt zustrebenden Teilchen sich gegenseitig hemmten, zu Seitenbewegungen, schließlich, nachdem die sich widerstreitenden Impulse einander durch Wechselwirkung aufgehoben haben, zur Rotation der kleineren Körper um den Zentralkörper, die "Sonne", deren flammende Glut sich übrigens erst allmählich bildete.

Die folgenden Kapitel (III—VI) des Buches behandeln astronomische Kinzelprobleme, auf die hier einzugehen der Raum verbietet: die Exzentrizität der Planetenbahnen, den Ursprung der Kometen, Mond und Saturnringe, sowie den "Halsschmuck" der Sonne, das Zodiakallicht. Das gewonnene Ergebnis erweitert sich sodann im siebenten Kapitel zu einem großartigen Gemälde der räumlich-zeitlichen Unendlichkeit des Universums, wie es auch Lukrez und Giordano Bruno nicht phantasievoller entworfen haben. Jeder Fixstern ist wiederum das Zentrum eines neuen Sonnensystems. Eine Reihe von Jahrmillionen vielleicht hat es gedauert, bis die Welt zu ihrem heutigen Zustande gelangte; denn die Schöpfung "ist nicht das Werk von einem Augenblick". Und wiederum "ganze Gebirge von Millionen Jahrhunderten" werden verfließen, binnen deren sich immer neue Welten, ja Weltordnungen hintereinander bilden werden. Denn die Schöpfung hat zwar einmal angefangen [wie hier der vorkritische Kant noch sagt], aber sie wird niemals aufhören. Gleichwie unzählige Tiere und Pflanzen täglich der Vernichtung anheimfallen, während die unerschöpfliche Natur anderwärts zahllose andere von neuem erzeugt, so harren vielleicht unendliche uns heute noch unbekannte Welträume weiterer Entwicklung. Und ebenso groß, wie die Unendlichkeit der Zeit, ist auch die des Raumes. Für sie bedeutet eine Welt, ja eine "Milchstraße von Welten" nicht mehr als eine Blume oder ein Insekt im Vergleich zur ganzen Erde.

Kant ist sich wohl bewußt, dass ihn an dieser Stelle seines Werkes die Fruchtbarkeit des Grundgedankens (er sagt: Systems), verbunden mit der Großartigkeit des Gegenstandes, zu "einiger Kühnheit" fortgerissen hat, und bittet daher die Leser, dieselbe nicht mit "geometrischer Strenge" zu beurteilen. Noch mehr gilt das für und von dem als "Anfang" beigefügten dritten Teil des Buches, der allerlei Vermutungen über die etwaigen Bewohner der Gestirne äußert. Will er "willkürliche Erdichtungen" auch hier ausschließen, so läßt er doch seiner Phantasie einigermaßen "die Zügel schießen" (167), wenn er nicht bloß von der Wahrscheinlichkeit, sondern einmal sogar von der Gewißheit des Vorhandenseins von Planetenbewohnern redet (171), oder gar ausführt: diese Bewohner, ja sogar die dortigen Tiere und Gewächse müßten aus um so leichterem und feinerem Stoffe gebildet sein, je weiter sie von der Sonne entfernt sind, und eben deshalb auch ihre Denkkraft immer vollkommener werden (175 f.). Und da diese Annahme "nicht weit von einer ausgemachten Gewißheit" (!) entfernt sei, so finde man ein offenes Feld zu "angenehmen Mutmaßungen", z. B. über die Jupiter- oder Saturnbewohner, die einen Newton wie einen Affen ansehen würden (177). Vielleicht sei es unserer Seele bestimmt, dereinst auf anderen Planeten weiterzuleben, wenn auch — damit kehrt er wieder zu nüchterneren Erwägungen zurück — niemand "die Hoffnung des Künftigen auf so unsichere Bilder der Einbildungskraft gründen" werde (185). Das Werk schließt — was wir merkwürdigerweise noch nirgends hervorgehoben fanden — mit einem ganz ähnlichen Gedanken wie ein Menschenalter später die Kritik der praktischen Vernunft: Habe man sein Gemüt mit Betrachtungen wie die vorhergehenden erfüllt, so erwecke der Anblick des bestirnten Himmels in edlen Seelen unnennbare, unbeschreiblich schöne Begriffe, und sie fühlten sich glücklich, dass sie selbst zu einer Glückseligkeit und Hoheit zu gelangen vermögen, die über alle denkbaren Natureinrichtungen unendlich erhaben ist.

 

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*) Die Zitate aus Kant stets nach meiner Kantausgabe (Philos. Bibl.), hier aus Bd. 49 (hrsg. von Buek).



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Seite zuletzt aktualisiert: 02.01.2007 
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