Verhältnis zu Herder


Der dritte und späteste der drei Briefe ist an seinen früheren Schüler Herder gerichtet. Das Verhältnis zwischen ihm und dem als Gymnasiallehrer (später Prediger) nach Riga gegangenen jungen Manne war zunächst noch ein näheres geblieben. Kant sandte ihm 1765 die 'Träume' schon während des Druckes bogenweise zu, und Herder besprach sie sehr anerkennend in den Königsberger Nachrichten" forderte auch gelegentlich seine Königsberger Bekannten zu dem Besuch von Kants Vorlesungen auf, des einzigen, der in seinen Augen kein Pedant gewesen war und ihm nichts von seiner Eigenart hatte nehmen wollen. Er seinerseits sandte dem einstigen Lehrer Ende 1766 oder Anfang 1767 seine 'Fragmente über die neuere deutsche Literatur', die eine ganz neue Art der Literaturkritik übten, auch eine ganz neue Sprache redeten, die freilich mehr vom Geiste Hamanns als von der Weise Kants befruchtet war. Die Antwort des letzteren vom 9. Mai 1767 ist für uns in zweifacher Hinsicht wichtig: einmal, weil sie uns zeigt, wie unser Philosoph sich zu den Anfängen der neuen literarischen Bewegung stellte; dann aber auch, weil er dem früheren Schüler auch über seine eigene philosophische Stimmung höchst interessanten Aufschluß gibt.

Der Lehrer fühlte nach der Lektüre der 'Fragmente' (in denen alle möglichen hervorragenden literarischen Zeitgenossen, nicht aber er berücksichtigt war) wohl schon mit Sicherheit, dass der einstige glühende Verehrer sich innerlich von ihm gelöst habe. Er beglückwünscht ihn zu dem bedeutenden literarischen Erfolge, auf der er als sein Lehrer etwas eitel sein könne. Aber er fügt dem doch gleich das deutlich ausgesprochene Wort hinzu, dass die 'Fragmente' "bloß auf Ihrem eigenen Boden gewachsen sind und derjenigen Anweisung, die Sie bei mir zu nehmen beliebten, nichts schuldig sind". Nach der poetischen Probe, aus Herders Studentenzeit (S. 146), die er noch aufbewahre, habe er gehofft, dass sich aus ihm dermaleinst ein philosophischer Dichter ähnlich Pope entwickeln werde. Bei der frühzeitigen Entwicklung von Herders Talenten erwarte er mit mehr Vergnügen die Zeit, wo dieser, "nicht mehr so sehr getrieben durch die warme Bewegung des jugendlichen Gefühls", mehr philosophische Ruhe erlangen werde, die trotzdem der Empfindung nicht zu entbehren brauche. Eine solche Gemütsverfassung, wie Montaigne *) und Hume sie besitzen, sei der Welt zuträglicher als das, wovon Mystiker träumen (vielleicht eine Anspielung auf Hamann). Er erhoffe von Herders Genie eine solche spätere Epoche mit Zuversicht. — Herder antwortete, erst im November d. J., zwar ziemlich bescheiden betreffs seiner Erstlingsschrift, sowie noch mehr des "dunklen rauhen" Jugendgedichtes, im übrigen aber seiner Natur entsprechend, reichlich selbstbewußt. Der 23jährige junge Mann redet den 20 Jahre älteren einstigen Lehrer als "geschätzten Freund" und "liebenswürdigen Philosophen" an. Vor allem aber, er lehnt sachlich Kants milde Warnung ab. Er bedenkt zwar Montaigne und Hume auch mit bedingtem Lobe, aber sein liebster philosophischer Gesellschafter sei Shaftesbury. Er empfiehlt dem Studium des Lehrers diesen und Burke, den er auf französisch haben könne (Kant las demnach wohl Französisch, aber nur mit Schwierigkeit oder gar nicht Englisch). Wider manche von Kants philosophischen Hypothesen und Beweisen hege er jetzt Zweifel. So beginnt sich, wenn auch noch verschleiert durch die wechselseitige Freundschaftlichkeit des Tons, die spätere Entfremdung vorzubereiten. Immerhin beabsichtigte damals Herder noch, wie er in demselben Jahre mit einem Gruß für Kant 1767 an Scheffner schreibt, Kants Schriften, die noch nie würdig und ausführlich rezensiert und auch von Mendelssohn nicht verstanden seien, "in mehrerer Klarheit darzustellen", wozu er dann infolge einer Bürde von anderen Arbeiten und Beschäftigungen nicht gekommen ist.

Auch Kant fühlte sich im Mai 1767 dem früheren Schüler noch so vertraut, dass er ihm freimütigen Aufschluß über die Gärung seiner philosophischen Gedanken und den Inhalt seiner augenblicklichen Arbeiten gibt. Noch stärker, als in dem 1½ Jahre zuvor geschriebenen Briefe an Lambert, betont er hier die völlige Vorurteilslosigkeit seines Verfahrens: "da ich an nichts hänge und mit einer tiefen Gleichgültigkeit gegen meine oder anderer Meinungen das ganze Gebäude öfters umkehre und aus allerlei Gesichtspunkten betrachte, um zuletzt etwa denjenigen zu treffen, woraus ich hoffen kann, es nach der Wahrheit zu zeichnen ..." So habe er denn seit der Trennung von Herder (1764) "in vielen Stücken anderen Einsichten Platz gegeben". Sein Augenmerk sei jetzt vor allem darauf gerichtet, die Schranken der menschlichen Fähigkeiten und Neigungen zu erkennen. In der Ethik sei es ihm, wie er glaube, "endlich" gelungen, eine fruchtbare Methode und die richtigen Grundsätze zu finden. Er hoffe noch im laufenden Jahre mit einer 'Metaphysik der Sitten' fertig zu werden, falls seine "stets wandelbare" Gesundheit ihn nicht daran hindere.

 

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*)  Montaigne, dieser "systemloseste aller Denker" (Cassirer), besaß in dieser Zeit für Kant besonderen Reiz.


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