Rousseau


Natürlich hat es nicht erst Rousseaus bedurft, um unseren Philosophen für anthropologisch-moralische Probleme zu interessieren. Solches Interesse war vielmehr auch in seinen bisherigen Schriften und Vorlesungen latent vorhanden gewesen und tritt an manchen Stellen in der 'Naturgeschichte des Himmels', wie vor allem auch in seiner wiederholten Beschäftigung mit den Problemen des Optimismus hervor. Dass es sich schon früh auch auf die physiologisch-psychologische Seite erstreckte, sehen wir aus einem Briefe an Borowski vom 6. März 1761, der von seiner Anwesenheit bei einer chirurgischen Operation sowie von seiner Absicht spricht, demnächst der Operation eines Blindgeborenen beizuwohnen. Aber die entscheidende Wendung trat doch erst durch Jean Jaques Rousseau ein.

Kant selbst hat es bezeugt, dass Rousseau für ihn ein zweiter Newton geworden ist; dass er ihm den Weg zur Erkenntnis der unverstellten Menschen natur, wie der große Engländer den zum Verständnis der äußeren Natur, gewiesen hat. Wie Newton zuerst in die letztere Ordnung und Regelmäßigkeit verbunden mit großer Einfachheit gebracht habe, lautet eine seiner Reflexionen, so habe Rousseau "zu allererst unter der Mannigfaltigkeit der menschlichen angenommenen Gestalten die tief verborgene Natur des Menschen" entdeckt. Er fühlte sich schon von der Darstellungsform des französischen Denkers hingerissen: er müsse, schreibt er, ihn so lange lesen, bis ihn die Schönheit der Ausdrücke gar nicht mehr störe; dann könne er ihn erst mit Vernunft übersehen. Weiter bewunderte er Rousseaus "ungemeinen" Scharfsinn, "edlen Schwung des Genius" und "gefühlvolle Seele": Eigenschaften, wie sie in so hohem Maße vereint vielleicht noch nie auf der Welt ein Schriftsteller besessen habe. Am meisten aber begeisterte ihn natürlich der Inhalt von Rousseaus Schriften: das neue Evangelium von der Notwendigkeit einer Wiederherstellung der echten, unverfälschten Menschennatur. Damals hat er Sätze niedergeschrieben, die niemand dem strengen Kritiker der menschlichen Vernunft so leicht zutrauen wird, wie den, den man auch dem sozialistischen Idealisten Saint-Simon zuschreibt: "Ohne Enthusiasmus ist niemals etwas Großes in der Welt ausgerichtet worden"; oder den anderen, den man eher von einem radikalen Empiriker erwartet: "Philosophie ist wirklich nichts anderes als praktische Menschenkenntnis."

Auch seinen Freunden und Bekannten gegenüber machte er natürlich aus seiner Begeisterung für den Genfer Autodidakten kein Hehl. Von dem jungen Herder haben wir es schon vernommen; von Freund Ruffmann erhielt er seines Lieblings Bild; Frau Jacobi erkundigte sich, wie wir sahen, ihm zu Liebe in Berlin nach Nachrichten über Rousseau und ließ ihm solche auch durch einen gemeinsamen Bekannten zugehen (Kaulke an Kant, 18. Januar 1766). Aus demselben Jahre 1766 schreibt Scheffner an Herder: "Der Magister (Kant) ist jetzt beständig in England, weil Hume und Rousseau da sind, von denen sein Freund Herr Green ihm bisweilen etwas schreibt" (16. August). Ein andermal (30. Aug. d. J.) hat Kant Scheffner allerlei Anekdoten aus Greens Briefen über Humes persönliches Verhältnis zu dem argwöhnischen Rousseau erzählt. Seitdem finden sich, bis in die letzten Schriften — z. B. die Anthropologie (1798) — hinein immer wieder Spuren Rousseauschen Denkens, mit oder ohne Namensnennung desselben, auf die wir zum Teil noch zurückkommen werden.

Allerdings verehrte unser Denker seinen Rousseau nicht etwa mit der urwüchsigen Leidenschaftlichkeit des jungen Schiller. Seine kühlere Natur wehrte sich instinktiv gegen den Überschwang des Gefühlsphilosophen: wie denn überhaupt Kant sich nie von einer einzelnen Persönlichkeit so stark hat beeinflussen lassen, wie etwa der junge Goethe von Herder oder Spinoza, der reifere von Schiller. Schon in seinen Vorlesungen von 1772 nennt er Rousseau zwar "eins der größten Genies", das jedoch in seine Schriften etwas "Romanhaftes" mische; daher werde "sein scharfer Geist nicht von allen recht eingesehen und die Stärke seiner Argumente bleibt einem Teil seiner Leser unerkannt". Sobald er sich von dem Eindruck seiner "hinreißenden" Sprache befreit, bemerkt er doch hinter dieser schönen Sprache allerlei "seltsame und widersinnige Meinungen", als ob der Verfasser seine "außerordentlichen Talente" und die "Zauberkraft seiner Beredsamkeit" nur dazu habe anwenden wollen, den "Sonderling zu machen" und den Lesern durch die Neuheit seiner Gedanken zu imponieren. Schon Rousseaus Methode sei der seinigen entgegengesetzt: "Rousseau verfährt synthetisch und fängt vom natürlichen Menschen an, ich verfahre analytisch und fange vom gesitteten an."

Wenn er mit Rousseau "die Glückseligkeit des Wilden" erwog, wollte er trotzdem nicht mit diesem in die Wälder zurückkehren, sondern bloß betrachten, was man bei allem Kulturgewinn im Vergleich mit dem Naturmenschen verloren habe; es komme nur darauf an, dass man inmitten der heutigen "geselligen Üppigkeit" ein gesitteter Mensch der Natur bleibe. Auch von einer langdauernden Hofmeister-Erziehung des Einzelnen durch einen Einzelnen wollte er nichts wissen. Es sei unnatürlich, dass ein Mensch den größten Teil seines Lebens damit zubringen solle, einem Kinde beizubringen, wie es dereinst leben soll. Allerdings, damit gute Schulen möglich werden, müsse man vorher Emile erziehen. Aber Rousseau hätte zeigen sollen, "wie daraus Schulen entspringen könnten".

Freilich laufe, wie eine erst den 80er Jahren entstammende Notiz aus dem Nachlaß sagt, die "ganze Absicht" Rousseaus eben darauf hinaus: "den Menschen durch Kunst dahin zu bringen, dass er alle Vorteile der Kultur mit allen Vorteilen des Naturzustandes vereinigen könne. Rousseau will nicht, dass man in den Naturzustand zurückgehen, sondern dahin zurücksehen soll" (Ak. Ausg. XV, S. 890). Und so bleibt Kant doch, wie wir das namentlich auch bei seinen politischen Anschauungen wiederfinden werden, im letzten Grunde mit seinem Rousseau einverstanden.

 

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*) Selbst noch als bissiger Gegner in der 'Kalligone' (1800) rühmt er gleichwohl des einstigen Lehrers "dialektischen Witz, wissenschaftlichen Scharfsinn, kenntnisvolles Gedächtnis". Kants Vorlesungen seien "sinnreiche Unterhaltungen mit sich selbst, angenehme Konversationen" gewesen.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 02.01.2007 
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