Viertes Kapitel
Äußere Verhältnisse

Die letzten Magisterjahre
Kant bleibt Magister


Trotzdem Kants wissenschaftlicher und Dozenten-Ruf jetzt weit über die Grenzen seiner Vaterstadt hinausgedrungen war, war er in seiner äußeren Stellung doch immer noch derselbe: der Weltweisheit Magister. Freilich hätte er 1764 das Ordinariat für Poesie und Beredsamkeit an der heimischen Universität mit Leichtigkeit erlangen können; er brauchte nur zuzugreifen. Denn das Berliner Justizministerium, dem damals die "Unterrichtsangelegenheiten" noch unterstanden, hatte ihn an erster Stelle vorgeschlagen. Das betreffende Reskript vom 5. August an die Preußische Regierung in Königsberg begann: "Uns ist ein gewisser dortiger Magister, namens Immanuel Kant, durch einige seiner Schriften bekannt geworden, aus welchen eine sehr gründliche Gelehrsamkeit hervorleuchtet." Erst, wenn Kant "weder die erforderliche Fähigkeit zu dieser Stelle besitzen noch solche anzunehmen geneigt sein sollte", solle die Regierung andere "hinlänglich qualifizierte Subjekte" in pflichtmäßigen Vorschlag bringen. Es ist ein schöner Beweis für die Festigkeit und Unabhängigkeit von Kants Charakter, dass der 40 jährige Magister die ihm winkende ordentliche Professur dennoch ausschlug, weil sie seinen Gaben und seiner innersten Neigung nicht entsprach. Als professor poeseos hätte er nicht nur alle akademischen Gelegenheitsgedichte zensieren, sondern auch bei sämtlichen akademischen Feiern als offizieller Universitätspoet auftreten müssen: wie denn der statt seiner gewählte Lindner, noch ehe er die Stelle wirklich angetreten, ein lateinisches Carmen zum Weihnachtsfest, und im Januar zwei deutsche zum Krönungsfest (18. Januar) und Königsgeburtstag (24. Januar) verfertigen mußte. Und dabei mußte man vorsichtig jeden Anstoß nach oben vermeiden. Lindners Nachfolger bekam sofort Verdruß mit der Regierung, weil er über den großen Kurfürsten die durchaus der historischen Wahrheit entsprechenden Worte gedichtet hatte: "Der nie zur Rettung langsam, nie zur Rache träge Sarmatien (Polen) und Suecien (Schweden) betrog" (Hamann an Herder, 11. März 1777). Kant lehnte also die ihm angetragene Professur dankend ab, trat vielmehr bei dem Provinzial-Minister von Braxein, auf den er Einfluß hatte, eifrig für seinen Freund Lindner in Riga ein, der denn auch die seit 1762 infolge des Krieges unbesetzte Stelle im Herbst 1764 erhielt, und empfahl sich selbst für eine passendere Gelegenheit. Es ging denn auch von Berlin am 24. Oktober d. J. der Spezialbescheid nach Königsberg, dass man "dessenungeachtet nicht weniger gnädig entschlossen" sei, "den M. Immanuel Kant zum Nutzen und Aufnehmen der dortigen Akademie bei einer anderweitigen Gelegenheit zu placieren ..."; den dann die Preußische Regierung am'' 15. November an den Senat der Universität mit der Weisung weitergab, dass "der sehr geschickte und mit allgemeinem Beifall auf der hiesigen Akademie dozierende Mag. Kant bei erster Gelegenheit befördert werden sollte".

In eigentlichen pekuniären Nöten kann dieser damals kaum gesteckt haben, sonst hätte er wohl doch die Stelle angenommen. Dagegen mögen vorübergehend auch magere Zeiten für ihn gekommen sein. So berichtet Jachmann, er habe sich einmal in der Zwangslage befunden, seine damals ansehnliche Bibliothek, nach und nach veräußern zu müssen, um einen, vermutlich während der Hauslehrerjahre angesammelten, Notpfennig von 20 Friedrichsdor — im Grunde ein Widerspruch in sich — nicht anzugreifen. Auch soll er zeitweise nur einen einzigen und dabei so abgetragenen Rock besessen haben, dass einige wohlhabende Freunde, darunter Geh. Rat Jacobi, ihm in diskreter Weise Geld zu einem neuen anboten. Auch die Stelle in dem Brief von Frau Jacobi, die wir Seite 134 zitiert haben, scheint darauf hinzuweisen, dass es damals (1766) ihrem Freunde recht knapp ging. Allein dieser war ja von Jugend an äußere Entbehrungen gewohnt und konnte deshalb stolzen Mutes solche freundschaftlichen Anerbieten ablehnen. Er hielt weit mehr darauf, nie im Leben irgendeinem Menschen auch nur einen Heller schuldig zu sein. "Mit ruhigem und freudigem Herzen", so erzählte er später oft in Erinnerung an diese Jahre, "konnte ich immer: Herein! rufen, wenn jemand an meine Tür klopfte, denn ich war gewiß, dass kein Gläubiger draußen stand." Und nur notwendige Sparsamkeit, nicht eigentlich "den Druck seiner häuslichen Lage", wie Jachmann meint, beweist es doch, wenn er einst, als er einem armen Studenten den größten Teil des Honorars schenkte, etwas davon behielt, um seine Miete völlig zu tilgen; vielleicht wollte er damit auch jenen an Pflichterfüllung und Sparsamkeit gewöhnen. Immerhin war er — die einträglichen Vorlesungen bei den Offizieren scheinen später aufgehört zu haben — auf den Ertrag seiner Kollegien angewiesen. Und nicht zum wenigsten deshalb wird ihre Zahl zeitweise (s. Anfang von Kap. 3) so hoch gewesen sein. Anderseits steht der Nachricht von dem Verkauf der eigenen Bücherei, die Jachmann doch nur vom Hörensagen hatte, die auch von Hamann bezeugte Tatsache gegenüber, dass Kant sich seinerzeit Swedenborgs teures Werk "auf seine Kosten" aus England verschrieb (Hamann an F. H. Jacobi, 19. Juni 1786). Immerhin, je länger die Wartezeit sich für ihn ausdehnte, desto unsicherer mußte ihm auf die Dauer seine "akademische subsistence" erscheinen, wie er in einem Schreiben vom 29. Oktober 1765 an den Oberkurator der Universität, Minister von Fürst in Berlin, sich ausdrückt.


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