Gegen die Genie-Mode


Das Schlimmste aber — und damit war auch der Grund gegeben, weshalb Kant gerade als Dozent gegen die unter anderem Namen noch heute existierende "Geniemode" oder die Modegenies zu Felde zog — ist deren verderblicher Einfluß auf den literarischen Geschmack und das philosophische Denken der Jugend. "Junge Leute haben wohl viel Empfindung, aber wenig Geschmack. Der Geschmack wird verdorben durch den enthusiastischen und begeisterten Stil, desgleichen durch Romane und Tändeleien." Ganz abgesehen von der ebenfalls zu allen Zeiten mit dem Geniekultus verbundenen Erschütterung der Moral; denn auch die "Deklamation wider Moral gehört zur Modesprache der Adepten" (ebd. S. 405). Wir schließen mit zwei aus dem Ende der 70er Jahre stammenden Reflexionen, die den immerhin gemäßigtsten und geistreichsten Führer der "Jungen" mit Namen nennen. "Herder ist sehr wider den Mißbrauch der Vernunft durch bloß abstrakte Denkungsart, da man nämlich das concretum vernachlässigt... Aber das Allgemeine ist nicht immer bloß abstrahiert, sondern vieles ist ein selbständig Allgemeines", da nämlich, wo die Erfahrungsurteile selber apriorische Prinzipien bedürfen. "Hier kann das concretum nicht anfangen" (ebd. S. 398). Und: "Herder verdirbt die Köpfe dadurch, dass er ihnen Mut macht, ohne Durchdenken der Prinzipien mit bloß empirischer Vernunft allgemeine Urteile zu fällen."

In diesen zu seiner Selbstverständigung von ihm niedergeschriebenen Sätzen tritt der innerste Grund zutage, weshalb Kant gegen die neue Richtung, bei aller ihrer Fülle von fruchtbaren Anregungen, vorgehen mußte. Er sah durch Naturen wie Herder, und gerade bei dessen Geist und Talent desto gefährlicher und stärker, alle ernste philosophische Methode bedroht, die eben für immer und ewig in dem rücksichtslosen "Durchdenken der Prinzipien" besteht. Glaubte er doch gerade jetzt, zu Ende der 70er Jahre, nach mehr als zehnjähriger schwerster Gedankenarbeit die apriorischen Prinzipien, d. i. notwendigen Voraussetzungen aller Erfahrungsurteile, endgültig gefunden zu haben. In dieses letzte Jahrzehnt seines philosophischen Werdens haben wir ihn nun zu begleiten.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 30.12.2006 
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