Kant wohnt bei Buchhändler Kanter


Um 1766 hatte Kant einen für seine wissenschaftlichen Arbeiten und seinen Verkehr nicht ganz gleichgültigen Wohnungswechsel vorgenommen. Aus seiner ersten Dozentenwohnung im Löbenicht war er, wie wir uns erinnern, in die lang und schmal durch den Kneiphof sich ziehende Magistergasse gezogen. Auf die Dauer jedoch störte ihn hier im ruhigen Studieren der Lärm, welcher von dem nur durch eine Häuserreihe davon getrennten "alten" Pregel mit seinen zahlreichen Lastschiffen und den auf ihnen beschäftigten Menschen herkam. Er zog daher aus dieser in der Nähe der Universität gelegenen und darum wohl seit alters bei seinen Standesgenossen beliebten und zu ihrem Namen gekommenen Gasse in den Löbenicht zurück, diesmal in das ansehnliche frühere Rathaus dieses Stadtteils, das sich jetzt im Besitz des Buchhändlers Kanter befand. Johann Jakob Kanter (geb. 1738) war ein jugendlich rühriger, ja fast zu rühriger Unternehmer, eine Art Hans Dampf in allen Gassen, in den Briefen Herders, der nach seiner Ankunft in Königsberg kurze Zeit die Stelle eines Gehilfen in seinem Laden versah, sogar als "Windbeutel und Narr" bezeichnet. Er wollte die Sache recht modern betreiben, begnügte sich deshalb nicht mit dem väterlichen Buchhandel, sondern wurde dazu noch Verleger, Leihbibliothekar und Zeitungsbesitzer, mit Verlagsfilialen in Elbing und dem kurländischen Mitau, ja bald auch noch Lotteriedirektor, Hofbuchdrucker, Gründer einer Papierfabrik und Schriftgießerei. Eine Zeitlang wußte der Vielgeschäftige durch hochgestellte Vermittler sogar Friedrichs des Großen Interesse für seine abenteuerlichen Spekulationen zu gewinnen, bis dieser zuletzt eine Audienz Kanters mit den Worten abwies: "Der hat mich breit genug geschlagen, und ich habe kein Geld mehr übrig für ihn", und ein devotes Gesuch des Ehrgeizigen um den Kommerzienrats-Titel mit der Randbemerkung ablehnte: "Buchhändler, das ist ein honeter Titul". Die halbe Zeit des Jahres war der unruhige Mann auf Reisen. Vor allem ging er stets zu den Leipziger Oster- und Herbstmessen, von denen er dann zur Freude der Königsberger Bücherfreunde, schwer bepackt wie ein Weihnachtsmann mit dem Neuesten, nach Ostpreußen, dem "gelehrten Sibirien", heimkehrte; oft aber auch nach Holland, Wien und den damals noch in sehr lebhaftem Verkehr mit Königsberg stehenden russischen Ostseeprovinzen.

In dem Hause dieses Mannes hatte Magister Kant mindestens acht Jahre — noch 1774 bezeichnet Hamann Kanter als Kants Hauswirt — die linke Seite des zweiten Stockwerks inne, geräumig genug, um darin seine Vorlesungen abzuhalten. Mochte der fahrige und schwatzhafte Mann für seinen so entgegengesetzt gearteten Mieter auch nicht immer der angenehmste Umgang sein, so bot doch die Wohnung im Hause eines so ruhrigen Buchhändlers und Verlegers für ihn als Gelehrten manche Vorteile, vor allem die Möglichkeit, alle literarischen Neuerscheinungen sofort kennenzulernen; daneben auch die freilich nicht immer angenehme Gelegenheit, interessante Menschen zu sehen. Denn Kanter sah, als freigebiger Wirt und kluger Geschäftsmann zugleich, gern Gäste an seiner Tafel und, wenn vornehme Leute oder literarische Berühmtheiten, wie etwa der Verfasser von 'Sophiens Reise von Memel nach Leipzig" Timotheus Hermes, durch Königsberg kamen, so lud er zu ihnen auch gern seinen allmählich ebenfalls berühmt gewordenen Mietsmann zu Gaste.

In dem Anfang September 1768 eingeweihten neuen Laden, über dessen Eingang ein gewaltiger hölzerner Preußenaar seine mächtigen Schwingen ausbreitete, ging es bald sehr lebendig und zugleich gemütlich, wie in einem literarischen Kaffeehause, zu. Wer von Einheimischen oder Fremden an einem Posttage gegen 11 Uhr vormittags dorthin kam, konnte ein lebhaftes Treiben bemerken. Auf einem großen Tisch waren die Neuerscheinungen des Büchermarkts allen Interessenten zur Ansicht ausgelegt. Sie wie die neuen politischen Zeitungen, standen jedem Besucher, an zwei Tagen in der Woche auch den Studenten, zur unentgeltlichen Lektüre zur Verfügung. Professoren der Universität und andere Gelehrte — der lesewütige Hamann und der junge von Baczko z. B. lernten sich hier kennen — trafen sich an diesem literarischen Sammelplatz; teils um sich zu unterrichten, teils auch um einige Augenblicke anregender Unterhaltung zu verbringen. Man diskutierte, schrieb in Kanters Kontor seine Briefe, veranstaltete Kollekten zu irgendeinem Zweck, ja griff gelegentlich wohl auch bei der Bedienung der Kunden mit zu. Da mag denn auch oft des betriebsamen Buchhändlers Mietsmann, der "hochedelgeborene" Herr Magister und später Professor Kant, im Laden erschienen sein: von kleiner, nicht über fünf Fuß hoher, zarter Gestalt, die jedoch einen mächtigen Kopf mit breiter Stirn, leuchtenden blauen Augen und frischer Gesichtsfarbe trug. Den Dreispitz hatte er dann wohl in der Hand, so dass die kleine blondhaarige und weiß gepuderte Perücke samt dem Haarbeutel, der öfters von der etwas erhöhten rechten Schulter nach der linken hinüberrutschte, ganz sichtbar war; um den Hals eine schwarze Binde, während auf der Brust die feingefältelte Krause aus dem braunen oder schwarz, braun und gelb melierten Tuche des Rockes und der Weste hervorsah, denn diese drei Farben paßten nach seiner öfters, auch im Kolleg, geäußerten Ansicht zusammen. Die Weste reichte nach der Sitte der Zeit bis über die Hüfte hinab; an sie schlossen sich die gleichfarbigen, bis zum Knie gehenden Beinkleider, an diese die grauseidenen Strümpfe und die mit silbernen Schnallen verzierten Schuhe. Zur Seite hing der Degen, zu dem ihm vielleicht eine Dame seiner Bekanntschaft (vgl. den Brief der "Jacobin", S. 133) das Band gestickt. Rock, Weste und Beinkleider waren mit einer Goldschnur eingefaßt, die Knöpfe mit Seide besponnen. Seit Hochsommer 1768 konnte man ihn übrigens ständig, d. h. im Bilde, an der Wand des Kanterschen Kontors bewundern. Denn in diesem Jahre saß der Magister einem einheimischen Maler, namens J. G. Becker, zu einem Ölbild, das dann neben den Porträts anderer preußischer Literatur-Berühmtheiten wie Mendelssohn, Ramler, Hippel, Scheffner und Lindner, den Laden zierte. Es ist das früheste Ölbildnis des Philosophen und stellt den 44 jährigen im Brustbild in natürlicher Größe dar.


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