Art seiner Vorlesungen


Mit dem Beifall, den seine Vorlesungen fanden, konnte der neue Dozent zufrieden sein. Die allererste freilich, die er im Hörsaal des Professor Ordinarius Kypke auf der Neustadt (dem, heutigen Löbenicht), bei dem er auch wohnte, abhielt, geriet ihm nicht ganz. Der Ruf seiner Gelehrsamkeit hatte eine "beinahe unglaubliche Menge" von Studierenden angezogen, die nicht bloß den geräumigen Saal, sondern auch Vorraum und Treppe füllten. Das machte ihn verlegen. Er sprach noch leiser, als er es ohnedies schon zu tun pflegte, und verbesserte sich oft. Doch bereits in der nächsten Stunde hatte er die kleine Schwäche überwunden. Seitdem blieb sein Vortrag "nicht allein gründlich, sondern auch freimütig und angenehm", wie Borowski, der selbst als 15 jähriger Fuchs das Kolleg besuchte, erzählt. Allerdings die "beinah unglaubliche" Menge, die sich den Neuen hatte anhören wollen, hielt nicht aus. Immerhin steht nach erhaltenen Universitätsakten fest, dass mindestens 23 Studierende — 21 der Theologie, 2 der Jurisprudenz, solche der Philosophie gab es offiziell nicht — Vorlesungen bei Kant in dessen erstem Dozentensemester haben hören wollen; möglicherweise sind es später auch mehr geworden.*) Doch wenn auch nicht: der Privatdozent einer schwach besuchten Provinzuniversität konnte für den Anfang damit zufrieden sein.

Wir besitzen aus der Feder desselben Borowski weitere anschauliche Schilderungen über die Vortragsweise des neuen Magisters: "Das Kompendium, welches er etwa zum Grunde legte, befolgte er nie strenge.... Oft führte ihn die Fülle seiner Kenntnisse auf Abschweifungen, die aber doch immer sehr interessant waren, von der Hauptsache. Wenn er bemerkte, dass er zu weit ausgewichen war, brach er geschwind mit einem 'Und so weiter' oder 'Und so fortan' ab und kehrte wieder zur Hauptsache zurück." Seine Vorlesung war "freier Diskurs, mit Witz und Laune gewürzt", auch wohl mit (in seinen Schriften bekanntlich fast ganz vermiedenen) Zitaten und Hinweisen auf interessante Schriftsteller, bisweilen auch Anekdoten, "die aber immer zur Sache gehörten", untermischt. Dagegen suchte er nie, wie manche andere, durch allerlei Späße, Pikanterien oder Sticheleien gegen Kollegen sich wohlfeilen Beifall zu erwerben. "Dem Nachschreiben war er nicht hold. Es störte ihn, wenn er bemerkte, dass das Wichtigere oft übergangen und das Unwichtigere aufs Papier gebracht ward." Immer warnte er vor bloßer Nachbeterei. "Sie werden, das wiederholte er seinen Schülern unablässig, bei mir nicht Philosophie lernen, aber — philosophieren; nicht Gedanken bloß zum Nachsprechen, sondern denken.... Selbst denken, selbst forschen, auf seinen eigenen Füßen stehen, waren Ausdrücke, die unablässig wieder vorkamen." Freilich "war rege Aufmerksamkeit bei seinen Vorträgen nötig. Die Gabe, die vorkommenden Begriffe und Sachen ganz ins klare für jeden zu setzen, sie etwa durch Wiederholung in anderen Ausdrücken auch den zerstreuteren Zuhörern doch faßlich zu machen ..., war Kant freilich nicht eigen." Weil er selbst viel von sich verlangte, so erwartete er auch von seinen Zuhörern geistiges Sich-Zusammennehmen, so dass Hamann in einem Briefe an ihn von 1759 meint, dieselben hätten Mühe, "es in der Geduld und Geschwindigkeit des Denkens mit Ihnen auszuhalten". Die meisten begannen daher auch, weil seine philosophischen Vorlesungen für zu schwer galten, mit seiner physischen Geographie, oder sie hörten, wie selbst der doch gewiß begabte Hippel, vorher den "ganzen philosophischen Kursus" bei einem weniger schwierigen Dozenten, wie Kants Kollegen Buck. "Übrigens nahm er etwaige Zweifel oder Bitten um Aufklärung in jüngeren Jahren stets freundlich entgegen und setzte dem Betreffenden die Sache, auch wohl auf einem Spaziergang nach dem Kolleg, gern auseinander. Ja, er kam in diesen ersten Dozentenjahren den Wünschen "einiger Herren" so weit entgegen, dass er einige Semester lang für seine Metaphysik-Vorlesung das gründliche, aber schwerere Kompendium von Baumgarten mit dem leichteren von Baumeister vertauschte.

Und er las viel, weit mehr als unsere heutigen Privatdozenten. Gleich im ersten Semester drei Kollegien auf einmal: Logik, Metaphysik und Mathematik; vielleicht auch noch Physik. Im folgenden Sommer kam noch die von ihm, als einem der ersten Universitätslehrer, eingeführte Physische Geographie hinzu, im Winter Ethik usf. Im Durchschnitt hat Kant während seiner Magisterjahre nicht unter 16 Wochenstunden gelesen, ja in einzelnen Semestern der 6oer Jahre ist diese Zahl auf 26 bis 28 gestiegen! Zu diesen im offiziellen Lektionskatalog angekündigten Vorlesungen traten in manchen Semestern noch Privatissima, zunächst während des siebenjährigen Krieges für russische Offiziere. Auch beaufsichtigte er gerade in diesen ersten Jahren häufig vornehme oder wohlhabende Studenten, die auf den Wunsch der Eltern im selben Hause mit ihm wohnten und aßen.

 

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*) Vgl. O. Schöndörffer in E. Arnoidts Gesammelten Schriften V 2, S. 179.


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.12.2006 
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