Das Telegrammspiel


Wir spielen jetzt immer das Telegrammspiel, weil man ja nicht dauernd von guten Börsentips und weniger guten Filmstars sprechen kann. Das Telegrammspiel haben wir an der Ostsee aufgebracht. Am Vormittag lagen wir – zwischen Heringsdorf (Davidsstern) und Zinnowitz (Hakenkreuz) – in der Sonne und warfen uns gegenseitig unser Fett und unsre Magerkeit vor; nachmittags genossen wir die uns zustehende Naturschönheit und schimpften auf die berliner Theater: und abends spielten wir Telegrammspiel. Es ist einfach so, dass man Telegrammwörter erfinden muß, deren Anfangsbuchstaben einen vorher bestimmten Namen ergeben. Zum Beispiel für den Namen Ruth: Rickelt unabkömmlich total heiser. Wer die schönsten Telegramme aufgeschrieben hatte, bekam einen Schnaps. Gussy Holl war also jeden Abend heftig vergnügt.

Weil nun der berliner Winter trotz allem guten Zureden keineswegs amüsant ist, haben wir das alte Spiel wieder aufgenommen und uns eine Reihe Telegramme ausgedacht. Die Obigten sind sich vollkommen klar, dass sie sich dadurch eins, zwei, drei, vier, achtzehn Feinde gemacht haben, und erklären demgegenüber:

Die ganz besonders bösartigen sind von dem andern.

Wir hoffen und erwarten, dass das Telegrammspiel bald zu den geistigen Epidemien gehören wird (vergleiche Hecker: ›Die Veitstänze im Mittelalter‹) und stellen jedem anheim, es nachzumachen. Es sieht sehr leicht aus.

Für uns ist die Sache erledigt. Öffentliche Lokale werden wir in den nächsten vierzehn Tagen nur in den dringendsten Notfällen betreten.

 

Wilhelm: Weilt ieberraschend lange Holland. Ein landfremdes Mauerblümchen.

Ludendorff: Lanciert unhaltbare Dolchstoßlegende.

Ersatz-Napoleon, doch ohne Rassekopf: Fridericus Fex.

Maximilian Pfeiffer: Position fordert einigermaßen

Intelligenz. Fahre frühstens ersten retour. Rotter: Rom offeriert Tedeumarrangement. Triesch eiligst reisen.

Thimig: Teutschestes! Hehrstes! Inmitten Millionen

Israeliten Goitik. Valetti: Versucht altfranzösische Ludenliteratur etwas tauentzienartig tarzustellen. Indiskutabel.

Pola Negri (telegrafiert an die Ufa): Porten ohnehin lachhaft alt. Nur elegante Gaminhaftigkeit reizt Industrie.

Veidt: Vertreter eines interessanten Damen-Typs. Wilhelm Herzog: Held ersten Ranges. Zowjetet ohngezählte Gelder.

Wirth: Wirth ist rechts total hintenruntergerutscht. Noske: Noch Oberpräsident. Spitzen-Kandidatur Eselei.

Paul Graetz: Großer Reißer. Aber etwas Temperament zuviel.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 23.02.1922, Nr. 8, S. 199.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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