Sorrent


Wie die Tage so golden verfliegen,

wie die Nacht sich so selig verträumt –

wenn am Abend bechiffonte Ziegen

vor der Theke sich wogen und wiegen –

wo der Sekt Gottbehüte noch schäumt ...

Wo im Schleier – ich danke, Herr Franke –

junge Nutten den Beifox vollziehn ...

O du schimmernde Blüte der Panke!

Sei gegrüßt, du mein schönes Berlin –!

 

Und die Nacht, wenn bei Rotters sie toben,

dem Claqueure der Handschuh zerplatzt –

wenn Annoncen, so bilderdurchwoben,

ihre Herren preisen und loben –

wenn die Loge futtert und schmatzt ...

»Wat is denn det hier forn Jestanke?

Wer eßt hier Käse? Ham Sien?« ...

O du schimmernde Blüte der Panke!

Sei gegrüßt, du mein schönes Berlin –!

 

Wo mit müde verzogenen Lippen

junger Gent kalten Schleichhändler frißt –

wo Chauffeure die schweinernen Rippen

in die fettige Brihsuppe stippen –

wo der Fahrgast die Taxe vergißt ...

Da begrabt mich mit Efeugeranke,

mit Ranunkeln und weißem Jasmin – –

Hier leben? Mensch, welch Gedanke!

O du schimmernde Blüte der Panke!

Sei gegrüßt, du mein schönes Berlin –!

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 16.12.1920, Nr. 51, S. 705.





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