Schlußwort


Der Stabsoffizier der ›Weltbühne‹ hat hier dargelegt, dass ein Krieg gegen die Entente zur Zeit und für die nächste Zukunft ein heller Wahnsinn sei. Dieser Krieg wird von den Industriellen um den erfolglosen Finanzminister Helfferich sowie von stellungsuchenden Offizieren und randalierenden Stammtischbrüdern gewünscht; dieser Krieg wird von einer Gruppe Kommunisten nicht verworfen.

Wilhelm Markstahler hat dem Stabsoffizier entgegnet und ihm erklärt, dieser neue Krieg mit der Entente sei dann, wenn ihn eine kommunistische Arbeiterregierung führe, ein Defensivkrieg, dem das morsche Heer der Franzosen und Engländer am Rhein nicht widerstehen, und den man unter Benutzung der bisherigen militärischen Organisationen wohl führen könne und wahrscheinlich eines Tages führen müsse.

Die Sucht, die eignen Interessen welthistorisch zu umkleiden, ist nie so groß gewesen wie in dieser Zeit, wo die Kriegsprofessoren einer büchergewandten Nation gezeigt haben, wie mans machen muß. Unter Interessen wird hier durchaus nicht nur das Portemonnaie verstanden: es gibt auch ein Lebensinteresse, das da jedem gebietet, sich nach Anlage und Gabenverteilung auszuwirken. Verbiete du dem Seidenwurm, zu spinnen ... ! Der kommunistische Kritiker des Stabsoffiziers übersieht die menschlichen Faktoren und operiert mit großen Zahlen – wie Ludendorff, an den er peinlich erinnert. Die Melodie kommt mir doch so bekannt vor: Ein reiner Defensivkrieg – keine Eroberungen – das Heer der Feinde schlecht – Spekulation auf das innere Zerwürfnis in Frankreich. So haben wir schon einmal einen Krieg verloren.

Wo lebt ihr? Wißt ihr nichts von euerm eignen Lande? Geht in die Provinz und seht! Seht das Bürgertum, das seine Ruhe und seinen Verdienst haben will und weiter gar nichts, seht den Stand stellungsloser, von der Großindustrie ausgehaltener Offiziere, die sich ein Wirkungsfeld, das einzige ihres Lebens, durch agents provocateurs verschaffen – gäbe es keinen Hölz, gäbe es keinen Selbstschutz; gibt es keinen Selbstschutz, gibt es keine Wickelgamaschen, und ohne solche können sie nicht –, geht in die Provinz und seht: die gänzliche Einflußlosigkeit der gespaltenen Arbeiterschaft in allen fundamentalen Dingen. Gewiß: sie kann einen Streik inszenieren, sie kann hier und da durch einen Betriebsrat eingreifen – aber wo in aller Welt reicht die Macht dieser Arbeiterschaft heute und in absehbarer Zeit, um auch nur einem Schieber seine unrechtmäßigen Gewinne abzunehmen oder zu vermindern? Und seht euch diese Arbeiterschaft selbst an.

Die kommunistische Fiktion, der Glaube an ein Parteidogma schaffe einen neuen Menschentypus, hat sich noch nie als so verhängnisvoll erwiesen wie gerade jetzt. Wenn wirklich ein so klaffender Gegensatz zwischen diesen paar hunderttausend Kommunisten und der übrigen Nation bestünde! Es sind doch aber Früchte vom selben Stamm, und der Geist jener Roten Armee würde sich in gar nichts von dem der Reichswehr unterscheiden. Das negative Vorzeichen allein tuts nicht.

Bezeichnend genug, dass sie sich keine Offiziere und Soldaten machen können. Ihr zehrt alle noch, wie ihr gebacken und gebraten seid, vom Material der Paradeplätze Wilhelms des Zweiten.

So hat es jedes Mal begonnen: mit einem ethischen Programm. Und so hat es jedes Mal aufgehört: mit Zabern oder mit Moskau. Es wäre nicht das erste Mal in der Weltgeschichte, dass eine Idee über dem Schnurren des Apparats vergessen würde, und ich sehe gar keine Möglichkeit, wie noch der letzte Trainfahrer von der Idee so durchblutet sein sollte, dass er mehr wäre als ein Fuhrknecht. Auch ihr werdet wieder Menschen als Maschinen benutzen müssen, und dann ist es aus.

Daß das Wort von der Diktatur des Proletariats keine Phrase, sondern eine Selbstverständlichkeit ist, wissen wir alle, die wir glauben, darunter verstünde man die Herrschaft der Arbeitenden über die andern. Vor dem Wort Diktatur zurückzubeben, ist Unfug; wir haben heute eine klare und gern eingestandene Diktatur der Bourgeoisie in Verwaltung, Rechtsprechung und Legislative. Aber seht ihr nicht?

Wie kann man seine Macht so überschätzen, um nicht zu sehen, wie maßvoll, wie bürgerlich, wie stumpf abgeklärt dieses Land ist! Geht in die kleinen Städte! Geht in die Provinz! Der Industrieort ist kein Maßstab.

Zu glauben, dass dieses kleine und ruinierte Land der Entente mehr Interesse abnötigt, als ein Kapitalist an seiner Maschine haben kann, ist irrig. Zu glauben, dass in den andern Ländern eine Weltrevolution aufflammt, wenn hier einer die Fahne erhebt, ist irrig. (Amerika buchstabiert das Wort Sozialismus m–o–n–e–y.) Und wir?

Eisenbänder durch Strippe zu ersetzen, empfiehlt sich im allgemeinen nicht, auch nicht bei Notreparaturen. Der frontgierige Monokelleutnant der kaiserlichen Armee als Gerichtsvollzieher einer Räte-Regierung – eine gräßliche Vorstellung.

Nicht der Radikalismus ist ein Verderb. Wohl aber ein Radikalismus, der seine Macht überschätzt.

Wann die Stunde der Befreiung für dieses Volk schlägt, weiß ich nicht. Von wem will es sich befreien? Von der Entente? Um eine neue zu bilden?

Ihr werdet alle im Lauf der Jahrhunderte das Schmerzlichste durchmachen müssen, das es für kollektivgläubige Menschen gibt: die Auflösung des alten Staatsgedankens.

Der Mensch ist, bei Gott, nicht gut. Ihn aber dennoch anzuhalten, dass er nicht töte, auch nicht unter Schwenkung einer ethischen Fahne, scheint mir Aufgabe und Pflicht besserer Menschen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 04.11.1920, Nr. 45, S. 513.





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