Rotters erste Reihe


In den roten Samtfotölchen schwimmen ungeheure Fettmassen; vorne oben schimmert matt etwas, das man allenfalls Gesicht nennnen kann. (Wo es sich nicht um Juden handelt, nennt Karl Kraus so etwas ›Arischgesichter‹.) Wenn sich diese Frauen je aufschnüren, ist das ganze Schlafzimmer voll. Um Specknacken liegen dicke Perlenketten geschlungen und spotten der Steuer. Die Haare der Damen sind wie von Wertheim-Puppen: aus Werg und Wolle. Stülp- und Regenneesen sehen froh gen Himmel. Die Münder schlürfen den Brei, der da oben serviert wird. Ein Monokel sitzt bei einem Mann und fühlt sich sichtlich geniert. Ich achte gar nicht auf das, was da oben vorgeht: ich sehe immer nur die erste Reihe. Und die Gesichter fangen an, zu sprechen.

Sie sagen: Wenn wir nur verdienen! Sie sagen: Jetzt sind wir dran. Sie sagen: Niederlage, militärische und geistige Katastrophen, Auseinanderfall des Reichs dank Bayern, Reichswehr hin, Reichswehr her – wir sind der neue Kaufmannsstand. Alles, was wir je erträumt, ist robuste Wirklichkeit. Sie sagen: Na, haben wir nicht recht gehabt? Sahen wir nicht von je zu den Besitzenden auf und beneideten voll Ehrfurcht die große Kurschleppe der Braut an den Kirchen? Haben wir nicht schon immer nach unten getreten, weil man das Pack kurz halten muß – damals, als wir selbst noch Pack waren, grade, weil wir damals Pack waren ... ? Das ist vorbei, sagen die Gesichter. Ist nicht alles gerechtfertigt, was wir je taten und träumten? Gottseidank: der Mensch ist schlecht. Und wir sitzen in der ersten Reihe.

Oben muß einer einen Witz gemacht haben – denn die Dame mit der Himmelsnase zieht ein wunderschönes Karpfenmaul und grient von einem roten Ohr zum andern. Hach – das ist einmal ein Spaß ... ! In einer preußischen Wahlversammlung vor 1914 stand einst ein Schutzmann auf und verkündete: »Über Thema darf hier nicht gesprochen werden!« Hier wird den ganzen Abend ›über Thema‹ gesprochen – die Damens aalen sich wohlig auf dem Plüsch; davon reden: das ist beinah so schön wie es zu tun – nein, noch viel schöner. Und ungefährlicher.

Die Herren, denen feiste Backen weit, weit über den Kragen auf das Smokinghemd hängen, rot durchblutete, gut rasierte Backen – die Herren atmen schwer, angestrengt eingesunken und ein wenig müde. Wenn man den ganzen Tag gearbeitet hat ... Und ich muß denken, wie dieser neue Reichtum so allmählich entstanden ist, wie Tausender auf Tausender kam – wie sich Barchent in Flanell, Flanell in Leinen, Leinen in Seide verwandelte. Aber der Leib blieb. Und wie diese erste Reihe die Urelternschaft der neuen Generation ist – dieses schlechte und minderwertige Volk aus den Käseläden ... Ein Bauer kann Adel werden – Kleinbürgertum der Großstadt nie. Aber sie haben das Geld, und von ihnen wird in den nächsten hundert Jahren viel, viel abhängen in Deutschland.

Und während hinten im Stehparkett (der guten Theater) und weiter draußen, auf der Straße, verkümmert, was noch einen Kopf und eine Gesinnung hat, sitzen jene da: fett, aufgedunsen, traumhaft unwirklich und dabei mit allen vier Backen in der Realität guter Hotels ... Lebendige Auswanderungsplakate. Und allemal, Gottseidank, in der ersten Reihe.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 24.02.1921, Nr. 8, S. 234.





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