Die Republik wider Willen


Die Verfassungsfeier am 11. August hat in Berlin einen guten Verlauf genommen. Nun, da die Fahnen eingezogen und die Fackeln abgebrannt sind, darf man ein wenig zurückblicken.

Ich habe selbst in der »Freiheit« die Frage aufgeworfen, ob wir keine größeren Sorgen hätten, als einen Verfassungsfeiertag zu begehen, der eine Verlegenheitsausflucht vor der Erinnerung des 9. November ist. Wir wissen alle, dass die Demonstration an jenem Abend allein uns nicht helfen kann – und so hat sie auch keiner gemeint. Wir wissen alle, dass die Schicht Schwarz-Rot-Gold noch obenauf schwimmt, und dass es im Innern erst besser werden kann, wenn wirklich die Personalveränderungen vorgenommen worden sind, die wir stets gefordert haben: auf den völlig monarchistischen Gerichten, in den Schulen, auf den Universitäten, in den Verwaltungsbehörden und, selbstverständlich, in der Reichswehr, deren Zuverlässigkeit nicht diskutierbar ist, solange sie wie heute zusammengesetzt ist. Das alles haben wir über einer Feier niemals vergessen.

Was hier festgehalten werden soll, ist, dass sie mit nur zögernder Unterstützung der Republik in Gang gekommen ist.

Es ist festzustellen, dass wir in vielen Regierungsstellen diejenige Auffassung und den guten Willen angetroffen haben, der nötig war – aber diese Stellen schienen in ihrer Wirksamkeit stark beschränkt zu sein. Es ist ja gemeinhin so, dass die Tugend eines Ressorts alle für sich beanspruchen – dass aber Fehler der Regierung immer auf ein Ressort abgewälzt werden. Wer in diesem Falle das Karnickel war, ist eigentlich schwer zu sagen – ich glaube, es war ein ganzer Stall davon da. Denn so liegen doch die Dinge:

Die Regierung darf sich ja nicht einbilden, dass sie etwa so viele Menschen auf die Beine und in den Lustgarten gebracht hat. Davon ist bei dieser Vorbereitung überhaupt keine Rede. Wäre das unermüdliche Wirken Karl Vetters nicht gewesen, der neben seinem Beruf, neben den zahllosen Ämtern, die er bekleidet, noch Zeit und Muße fand, zu organisieren, einzuteilen, Parolen auszugeben und immer wieder an alles zu denken – die abendliche Feier wäre wohl im stillen Kreise der betreffenden Beamten verlaufen. Was tatsächlich geschehen ist, haben die jungen Republikaner vor sich gebracht.

Die Regierung versteht sich nicht auf Massenbehandlung. Sie hat keine rechte Vorstellung von der Wirkung solcher Dinge und weiß nicht, was die Leute wollen und was Eindruck auf sie macht. Ungefähr neun Zehntel von dem, was die republikanischen Verbände gefordert haben, ist niemals zur Durchführung gelangt – es waren so selbstverständliche Dinge darunter, wie: den Platz vor dem Reichstag nicht mehr »Königsplatz«, sondern, wie sich das gehört, »Platz der Republik« zu nennen. Gott weiß, an welchem Geheimrat das gescheitert ist. Von allen anderen Vorschlägen ganz zu schweigen, die natürlich den Kern der Sache faßten. Nein, das wollte man nicht.

Ich weiß schon: es war kein offizieller Feiertag. Aber es ist auch früher so häufig mit dem guten Willen allein gegangen – man hat dann eben die betreffenden Vorschriften gefunden, die man brauchte. Man muß nur wollen. An diesen Willen glaube ich nicht recht.

Ich weiß auch sehr genau, dass es auf solchen Feiertag allein gar nicht ankommt. Aber er ist doch schließlich der sinnlich wahrnehmbare Ausdruck einer politischen Tatsache – und es gibt ja genug Mitbürger, die etwas sehen wollen, bevor sie an etwas glauben. Man unterschätze das nicht: der selige Wilhelm hat das fast so gut verstanden wie Manoli – und beider Reklame hat sich gelohnt. Davon weiß die Republik noch nichts.

Sie wird sich ganz und gar anders einstellen müssen, wenn sie auch nach innen den Erfolg haben will, den sie braucht. Und sie braucht ihn bitter nötig. Vorläufig ist noch nicht viel davon zu merken, dass sie die stützt, die ihr helfen wollen.

Eine Republik wider Willen –? Dann müssen die heraus, deren Wille sie nicht ist. Denn wichtiger als alle Personalrücksichten und heimliche Sabotageakte ist uns eine kraftvolle republikanische, demokratische Staatsform.

 

 

Ignaz Wrobel

Welt am Abend, 21.08.1922.





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