Militaria


Wir haben nun genügend Distanz zu den Dingen gewonnen. Der heiße Zorn über die Offizierskaste und ihren Ungeist ist verraucht – wir haben nun Muße gehabt, durch neues Material unser Urteil zu bestärken.

Das deutsche Offizierkorps hat im Kriege seine Vorgesetzten-Pflichten nicht erfüllt; es hat seinen Untergebenen gegenüber versagt. Das deutsche Offizierkorps hat die Niederlage herbeiführen helfen und bleibt ein Hauptfaktor der deutschen Unkultur.

Es muß das deshalb hier noch einmal gesagt werden, weil Kräfte in Deutschland am Werk sind, die aus politischen Gründen, aus persönlichem Interesse oder aus Unkenntnis die Sachlage zu verschleiern trachten. Aus vielen Zuschriften an den Herausgeber und mich geht hervor, dass diese völlige Ablehnung des Militärs den Deutschen ins innerste Herz trifft. Es geschieht dann folgendes: Das Resultat meiner Untersuchungen ist ihm gefühlsmäßig unsympathisch, er zuckt zusammen und bemüht sich nunmehr um Gegengründe. Die Gegengründe sind nicht gut, und sein Gefühl ist es auch nicht.

Der Stabsoffizier, der hier das alte Heer schildert, hat in der Nummer 2 dieses Jahrgangs mein Urteil über das deutsche Offizierkorps für nicht gerechtfertigt erklärt. Die meisten Leser schlagen sich auf seine Seite, nehmen noch seine schärfste Kritik hin und perhorreszieren mich. Der Grund liegt klar zutage: Jener sagt »Ja – aber«, und ich sage »Nein!«

Bevor wir in die eigentliche Erörterung eintreten, halte ich noch für nötig, auszusprechen, dass diese Angelegenheit keine Stammrollenfrage ist. Es ist behauptet worden, ich sei im Kriege von den Offizieren schlecht behandelt worden, und daher rühre mein Urteil. Das Urteil würde dadurch nicht falscher werden. Die Behauptung ist unzutreffend: ich habe beim Militär nichts andres auszustehen gehabt als schließlich jeder Mensch, der diesen Kurzstirnigen in die Hände gefallen ist; ich bin auch zufällig ziemlich rasch und verhältnismäßig weit befördert worden. Also das ist es nicht. Und darum handelt es sich am Ende gar nicht. Es handelt sich nur darum: Ist das Urteil, das ich hier so oft über die deutschen Offiziere fällen durfte, falsch oder richtig?

Jedes Urteil über eine Kollektivität ist, mathematisch genommen, unrichtig. Der Typ, der sich durch Übereinanderkopierung von Fotografien ergibt, ist in voller Reinheit auf keiner vorhanden. Was der Beurteilung unterliegt, ist der Typ in Reinkultur, wie er von allen Angehörigen einer solchen Gemeinschaft erstrebt wird, ist jener Typ, nach dem sich alle richten, ist der Typ, den viele fast ganz erreicht zu haben sich zum Ruhme anrechnen ließen – ist eben ›der‹ deutsche Offizier.

Wer wagt heute noch, angesichts einer Millionenschar deutscher Zeugen, zu bestreiten, dass deutsche Offiziere im Kriege Heeresgut verschleudert, dass sie ihren Untergebenen Nahrungsmittel entzogen, dass sie besser gelebt haben, als ihnen zukam, dass sie ihre dienstliche Stellung mißbraucht haben? Wer? Die alten Propagandachefs Ludendorffs. Sie wissen, warum. Aber wir auch.

Wenn die dienstlichen Vertreter des alten kaiserlichen Offizierkorps mit der juristisch erforderlichen Aktivlegitimation wegen dieser Behauptung heute noch klagten, so wären zunächst einmal fünf Richter das Weltgericht – was ein bißchen abstrus wäre – und zweitens hätten wir die Beweislast. Diese Beweislast ist aber ohne Machtmittel nicht zu tragen. Bei der Verlogenheit der deutschen Armee war nach außen hin immer alles in Ordnung; jedermann war durch einen Befehl, durch einen Bericht, durch eine Verfügung oder durch eine Allerhöchste Kabinettsorder gedeckt. Jeder wälzte die Verantwortung auf einen andern ab, und zuletzt trug sie keiner. Nicht einzelne Fälle, wie sie in jeder Organisation vorkommen, sollen hier festgenagelt werden, sondern die Regel – keine Ausnahmen. Die ungesühnte Regel – nicht die sofort bemerkte und abgestellte Ausnahme. Das Alltagserlebnis. Das Normale. Die Regel.

Ich gebe nun zunächst wenige kleine Proben aus der unerschöpflichen Schrift ›Charleville‹ von Doktor Wilhelm Appens (erschienen bei Gerisch & Co. in Dortmund) – einer Schrift, die ich am liebsten von Anfang bis zu Ende hier abdruckte, und die ich jeden meiner Leser sich zu beschaffen und vollständig zur Kenntnis zu nehmen bitte. Nach ihrer Lektüre begreift man, warum wir den Krieg verloren haben, und warum der Haß der Welt auf Deutschland noch immer in Weißglut steht.

»Das deutsche Volk hat freudig die größten Opfer auf sich genommen. Im Großen Hauptquartier war es grade das Gegenteil und ist in den spätem Jahren nicht besser, sondern schlimmer geworden. Der kaiserliche Hofstaat verschlang enorme Summen. An der Hoftafel wurde glänzend gelebt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass Wilhelm der Zweite tagtäglich mit dem Großen Generalstab zusammengearbeitet habe. Ich darf wohl behaupten, dass der Kaiser nie in die Präfektur gelassen wurde. Die Generalstäbler kamen zu ihm in seine Villa und hielten ihn durch Vorträge auf dem laufenden. Von Zeit zu Zeit fuhr er an die Front und hielt Ansprachen oder nahm Paraden ab. Das war alles. Im übrigen langweilte er sich, wie ein verwöhntes Kind, das seine Kinderstube nur in Begleitung der Bonne verlassen darf. Das Hofleben erinnerte in seiner ganzen ›Aufmachung‹ an das Leben im alten Rom vor dem Verfall.

›Es gibt nur eine Feldkost.‹ Dieser kameradschaftliche Befehl ist im Großen Hauptquartier nicht beachtet worden. Je höher die Mitglieder eines Kasinos im militärischen Rang und in dienstlicher Stellung, je vornehmer die Verpflegung. Der Große Generalstab mit seinen ungefähr hundert Herren überbot alle andern Formationen. Das Beste war für die Offizierskasinos, das Allerbeste für den Generalstab. Den Edelsten der Nation sagte die einfache Bauernbutter nicht mehr zu. Deshalb richtete die Heeresverwaltung in Charleville eine Zentralmolkerei ein, um schmackhaftere Rahmbutter und vollwertigste Sahne zu schaffen Der ganze Bau war in wenigen Wochen hergestellt. An Arbeitskräften (Pionieren) fehlte es nicht. Baumaterialien ließen sich schnell herbeischaffen. Gab es keine geeigneten Maschinen im besetzten Gebiete, bedurfte es nur einer telegrafischen Bestellung nach Deutschland. Der Bau kostete achtzigtausend Mark. Der Generalstab glich Moloch, dem Unersättlichen. Es grenzt an das Ungeheuerliche, was an die Kasinoverwaltung der Präfektur geliefert werden mußte. Wie ein Nimmersatt kam mir besonders der General Zöllner, der Adjutant des Generalquartiermeisters v. Freytag-Loringhoven vor. Ein Leutnant von M. handelte auf Befehl des Generals Zöllner. Wir konnten nicht genug herbeischaffen. Die Ordonnanzen kredenzten alte Südweine als Appetitanreger, edlen Bordeaux zu den Hauptspeisen, Liköre zum Mokka, Sekt und schweren Burgunder bei Beginn der Fidelitas, die nicht selten in wüste Orgien ausartete. Es gibt wohl keine Formation im Großen Hauptquartier, die solch hohe Zahl von Gutscheinen für Getränke mit wahnsinnigen Summen aufzuweisen hatte wie der Große Generalstab. Ein einziger Bon hatte einmal die Höhe von fünfunddreißigtausend Francs. In den Kasinos weiter nach unten war die Verpflegung weniger feudal. Doch die Tafelfreuden schlugen dieselben Wellen und traten nicht unbeträchtlich über die Ufer des Anstands. Ein weit bekanntes Offiziersspeisehaus war der sogenannte ›Salon des Familles‹. Dessen Weinkeller schien unerschöpflich zu sein. Der geflohene französische Besitzer hatte auf Jahre hinaus seine Vergnügungshallen mit Vorräten an Wein und Likören versorgt. Für die Deutschen reichte es nur auf Monate.

Der zweite Kommandant war fort. Jetzt brach die Meute los. Keine Formation wollte sich von ihren Zimmer-, Büro- und Kasino-Möbeln trennen. Diplomatenschreibtische, lederne Klubsessel, Teppiche, Fenstervorhänge aus schwerem Plüsch – alles schleppten Lastautos öffentlich, am hellen Tage zum Bahnhof. Was alles aus den Quartieren der Offiziere und höhern Beamten gestohlen worden ist, spottet jeder Beschreibung. Die Wäscheschränke waren schon lange leer. Tische, Stühle, Betten, Eßgeschirre, Bestecke und Uhren wanderten nach. Selbst Bade-Einrichtungen sind ausgebrochen und mitgenommen worden. Später haben solche Plünderungen immer krassere Formen angenommen. Kunstwerke, seidene Damenkleider, Leibwäsche, alles verschwand schon mit dem Fortgang des Großen Hauptquartiers. Die nachfolgenden Formationen trieben es noch ärger. In den letzten Monaten des Krieges habe ich erlebt, dass riesige Eichenmöbel aus alten Patrizierhäusern gestohlen worden sind. Gemälde, Spiegel, Klaviere, Familienandenken – nichts war heilig. Die Präfektur bot ein Bild des Grauens. In den weiten Hallen war nicht ein Stuhl mehr zu finden. Von den prachtvollen Doppeltüren hingen die Lederbezüge in Fetzen herab.

Im letzten halben Kriegsjahre stand das Barometer schon auf Sturm. Soldaten trieben sich tage-, ja wochenlang in Charleville umher, ohne an eine Rückkehr zu ihrem Truppenteil zu denken. Mit der Straßendisziplin gings zu Ende. In der Dunkelheit hörte man schon Offizieren nachrufen: Bluthunde! Haut sie! Licht aus! Messer heraus! Zwei Mann zum Blutempfang! ... Die Heeresverwaltung griff zu Gegenmaßregeln. Die Ordonnanzen durften nicht mehr mit Morgenkaffee, Butter und Brötchen über die Straße balancieren. Die ausgemergelten Frontsoldaten wären sonst tätlich geworden. Offiziere, die, wie in Modebädern, abends in einer Art weißer Phantasie-Uniform gingen, vermieden von jetzt an solche provozierende Kleidung. Hohe Offiziere, sogar ein General, schämten sich nicht, jeden Front- oder Etappensoldaten anzuhalten und zur Bestrafung zu melden, wenn der Gruß nicht kasernenmäßig ausgeführt wurde. Sie schämten sich nicht, todmüde, abgehetzte feldmarschmäßig bepackte Landser, die mit gesenktem Kopf ihres Weges trotteten, auf offener Straße anzubrüllen. Die Erbitterung stieg. Die Arresthäuser füllten sich. Die Soldaten hungerten, und die Offiziere schwelgten weiter.

In jeder Formation waren es immer nur einige, die ernstlich arbeiteten. Die meisten bummelten. Die bissige Redensart: ›Wenn nur der Friede nicht ausbricht‹ war auf dieses Schmarotzertum gemünzt. In den letzten beiden Kriegsjahren habe ich Offiziere und Militärbeamte kennen gelernt, die sichtlich erbleichten, wenn vom Frieden gesprochen wurde. Auch ganze Formationen waren überflüssig, und kostspielige militärische Maßnahmen erregten nur Spott und Hohn bei den Fronttruppen. Eine klägliche Rolle spielten die Kriegsberichterstatter. Jeden Vormittag durften sie vom Major Nicolai die zensierten Kriegsdepeschen in Empfang nehmen und darüber in Artikeln, die nochmals von einem dazu ernannten Offizier durchgesehen wurden, an ihre Zeitungen depeschieren und leitartikeln. Hier und da fuhren sie in militärischer Begleitung zur Front, speisten bei höhern Stäben oder schauten von einem fernen Berge ins Schlachtgetümmel, wie Moses ins gelobte Land. In den ersten beiden Kriegsjahren wohnten sie in einem Schloß, in dem später der ganze kronprinzliche Hofstaat unterkam. Da hatten sie alles und genossen auch alles. Eine andre Formation, über der der Geist des Majors Nicolai schwebte, war die Kriegspressestelle. Ich kam mit den Herren nur alle Monat einmal in Berührung, wenn ihr Weinkeller neu aufgefüllt werden mußte. Was die Feldpressestelle Positives geleistet hat, ist mir rätselhaft geblieben. Das allwöchentlich erscheinende ›Korrespondenzblättchen‹ hätte ein Schreiber vom Büro des Majors Nicolai ebenso prompt herausgeben können.

Die Offiziere stellten die höchsten Ansprüche. Selbstverständlich wollten sie allein wohnen. Bade-Einrichtung, Salon, Schlafzimmer, Garten waren Grundbedingung. Ohne Teppiche, Treppenläufer, Chaiselongue, Uhren, elektrische Lichtanlage, Dauerbrenner ging es überhaupt nicht. Woher aber nehmen? Die Quartiere waren zum größten Teil von den Vorgängern ausgeplündert. Man verschaffte sich nun Ersatzmöbel, indem man von Haus zu Haus ging und ein Möbelstück nach dem andern oder gleich ganze Einrichtungen wegnahm. So handelten Angehörige eines Kulturvolks. Aber trotzdem waren viele Offiziere noch nicht zufrieden. Sie wollten zwischen keinen zusammengestoppelten Möbelstücken hausen. Alles sollte noch stilgerecht obendrein sein. Pioniere und Elektromonteure wußten nicht, wo ihnen der Kopf stand. Hier mußte ein neuer Ofen gesetzt werden, dort galt es eine fließende Wassereinrichtung einzubauen, das Zimmer bedurfte neuer Tapeten, über dem Bett fehlte ein elektrischer Wandarm, Gartenanlagen sollten neu hergerichtet werden und dann, vor allen Dingen: jeder verlangte ein Klavier.

Eines Tages erschien der Ortskommandant von Wasigny mit dem Befehl des A. O. K. I, eine größere Möbelrequisition in Charle-ville-Mezières vorzunehmen. Ein neues Kasino, Kino undsoweiter mit allem Drum und Dran sollte ausgestattet werden. Solche Vorwände waren den Ortskommandanten nicht neu. Der Kommandant sträubte sich. Vergebens – der Kommandierende General wünschte es, die Inspektion ersuchte, die Kommandantur befahl, und ich gehorchte. Hauptmann W ... , so hieß das militärische Oberhaupt von Wasigny, begleitete mich persönlich. Wir fuhren zum Stadthause von Mezières. Der Bürgermeister war selbst zugegen. Ich trug ihm unser Anliegen vor. Er erklärte sich bereit, persönlich mitzugehen und führte uns in seine eigne Villa. ›Bitte, wählen Sie‹, sagte der Franzose zum deutschen Offizier. ›Ist der Kerl verrückt?‹ meinte der Hauptmann – ›er will seine eignen Möbel hergeben?‹ Die ›Requisition‹ im Hause des Bürgermeisters begann. Zunächst das Schlafzimmer der geflüchteten Gattin des Bürgermeisters. Herr Bruxelles nannte den Wert der Sachen. Ich schrieb. Der Hauptmann feilschte um die Preise. Dann: das Billardzimmer. Seidene Wandteppiche, wundervolle Gobelins, Wanddiwans, Hocker, ausgelegte Spieltische – der Hauptmann schmunzelte. Er riß die Türen aller Zimmer auf, wühlte in den Wäscheschränken und wählte aus, was ihm gefiel. Als ich den deutschen Offizier wie einen gemeinen Einbrecher ›arbeiten‹ sah, trieb mir die Empörung – wie leider so vieles in dieser Zeit – die Schamröte ins Gesicht. Der Herr des Hauses stand daneben. Sein Atem flog. Er grub die Zähne in die Lippen und – schwieg. Nun gings wieder hinunter. In den Eßsaal und die Gesellschaftszimmer. ›Hier, mein Kapitän, sind meine Hauskleinodien, ich hüte sie mit meiner Seele. Sie sind heiliges Familiengut.‹ Ich verdolmetschte dem Offizier diese Worte des Bürgermeisters. Er blieb taub. Herr Bruxelles nahm seine Zuflucht zu mir. ›Sehen Sie, dieser Flügel, er ist aus Deutschland, die Firma kennen Sie ja – Blüthner. Und dann hier mein Büffet, massiv Eiche, nach Maß für dieses Zimmer hergestellt. Und da‹ – er riß einen Stuhl an sich wie eine Mutter ihr Kind, das man ihr rauben will – ›jede Lehne, jeden Sitz dieser zwölf Stühle ziert eine Handstickerei, mit Sorgfalt und Liebe von meinen Familienmitgliedern gearbeitet.‹ Der Franzose nahm meine beiden Hände, von mir seine Rettung erhoffend. ›Was schwätzt der ausgemergelte Fran-zosenkopp?‹ wandte sich der Hauptmann an mich. Ich bettelte für den Bürgermeister. ›Glauben Sie, Unteroffizier, eine Exzellenz soll im Dreck liegen, während dieses Pack auf Seide sitzt und schläft? Alles wird requiriert. Der Kerl bekommt seinen Gutschein, den mag ihm bezahlen, wer will‹ Herr Bruxelles schien zu verstehen. Seine Seele riß sich los. Die Augen irrten durch die hohen Fenster ins Weite. Nachmittags fuhren Lastautos vor, um den Raub zu bergen. Acht Tage später überreichte ich dem Bürgermeister den Gutschein: vierzigtausend Francs. Und wieder einige Wochen später begruben die Einwohner von Mezières ihren Bürgermeister Bruxelles.«

Wenn solche Dinge im Großen Hauptquartier vorkommen konnten – wie muß es dann fern vom Schuß ausgesehen haben! Und welche Gesinnung muß ein Offizierkorps beseelen, das diese Übergriffe kennt, selbst mitgemacht hat und nun nicht den moralischen Mut aufbringt, eine Generalreinigung am eignen Körper vorzunehmen! Aber das kann es nicht, denn dann müßte es sich selbst auflösen.

Mein verehrter Gegner, der Stabsoffizier, hat einmal mit Recht betont, dass es eine Homogenität des deutschen Offizierkorps nicht gab. Garde und Zabern sind allerdings zwei Welten: aber in der Kastenrücksichtslosigkeit waren sie homogen. Überraschend schnell hatte der frisch eingetretene Reserve- oder Kriegsoffizier sich den schlechten Geist des Offizierkorps zu eigen gemacht. Andern Völkern unfaßbar ist jene kalte Roheit, die sich nicht einmal an den Qualen Leidender weidet, sondern die sie überhaupt nicht sieht. Unfaßbar jene vollkommene Nichtachtung andrer Rassen und Völker – unfaßbar die Verständnislosigkeit dafür, dass das auch Menschen sind. »Und wenn nun Ihrer Frau und Ihrer Tochter dergleichen ... ?« Das begriffen sie nicht. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, eine Parallelität zwischen ihren eignen Leuten und den fremden auch nur anzunehmen.

Durch stete Wiederholung sind die alten schlechten Grundsätze der deutschen Armee in die Köpfe getrommelt worden: Der Vorgesetzte hat immer recht; Dienst ist Dienst (und Recht ist Unrecht); jede Dienststellung dient zunächst der persönlichen Bequemlichkeit ... Nur durch stete Wiederholung ist heute festzustellen: Nicht das ist so empörend, daß täglich die schlimmsten Übergriffe vorgekommen sind – sondern, dass sich keiner beschwerte, weil er die Nutzlosigkeit seiner Beschwerde von vornherein einsah, und dass das Offizierkorps noch den letzten Verbrecher hielt – aus Gründen der Disziplin. Wo ist der überzeugte Militarist, der etwa befürwortet hätte: Jeder Offizier, der seine Dienstgewalt mißbraucht, ist vor der Front zu degradieren!? Erst dann hätte das Offizierkorps behaupten können, rein zu sein.

Ich halte mich an die Tatsachen. Und es ist eine Tatsache, dass das deutsche Offizierkorps lieber Schandkerle unter sich geduldet hat, als dass es im Interesse der Mannschaften durchgegriffen hätte. Was ist das für eine Disziplin, die solchen Schutz nötig hat!

Die Gründe für diese Kulturwidrigkeit liegen tief. Der Deutsche, von der Tradition verprügelt, braucht etwas, das ihn über sich selbst hinaushebt. Als Karl Müller ist er nichts – aber als Feldwebeldiensttuer dünkt er sich etwas zu sein. Als ein lebenstüchtiger Kerl ist er nichts – aber er erhält in seinen Augen eine Bedeutung, wenn er unterschreibt: Der Direktor des Zentralbüros (gezeichnet) Lehmann.

Nun ist diese Weltordnung zerstört – ihre vollkommene Unbrauchbarkeit hat sich im Kriege herausgestellt. Was unter Friedrich dem Zweiten möglich war, ist heute ein übelduftender Anachronismus. So kann man eben nicht arbeiten. Diese ganze Art, Stäbe und Abteilungen und Kompetenzen zu stabilisieren, diese unmögliche Arbeitsweise, mit einem schwerfälligen Apparat das flinke Leben erfassen zu wollen –: es hat kläglich versagt.

Der Apparat, und besonders der militärische Apparat hat den Leuten die Augen geblendet. Sie sahen nichts mehr, wenn ein Inspekteur der Kavallerie sein Votum abgegeben hatte. Sie sahen nichts mehr, wenn über einen offenen Rechtsbruch irgendein feierliches Kollegium sein Habeat gesprochen hatte. Sie wollten auch nichts mehr sehen. Denn es war so bequem und gewinnbringend, nichts zu sehen ... Und zum Schluß waren sie wirklich kurzsichtig geworden.

Was dem völlig unfähigen Noske immer wieder und wieder vorgeworfen werden muß, ist eben, daß dieser ehemalige Sozialdemokrat die gute Gelegenheit nicht benutzte, alle Nutznießer des alten Systems auf die Straße zu setzen. Er sieht nicht, wie er zum Narren gehalten wird. Kaum besteht die Möglichkeit, daß die Militärgerichtsbarkeit abgeschafft wird, so heckt einer der ehemaligen Kriegsgerichtsräte den Plan aus, die ganze Gesellschaft als ›Heeresjustitiare‹ beizubehalten. (So beziehen sie das alte Gehalt.) Und vielleicht braucht dieser Militärverein wirklich einen ständigen Rechtsbeirat für seine ständigen Übergriffe. Man muß gesehen haben, wie sie im Fall Marloh alle bei der Hand waren, um zu helfen und zu retten – ›Ein Hurenhaus geriet in Brand‹ –, man muß gesehen haben, wie sie auch noch den kleinsten Fall verschleiern, und wie sie darin von oben her unterstützt werden.

Was not tut ist, dass das Rechtsbewußtsein des Volkes wieder erwacht. (Denn die Offiziere sind nicht vom Mond heruntergefallen, sondern sind Deutsche und nicht aus den schlechtesten Klassen.) Was not tut, das ist die Erkenntnis, dass Noskes Abgang den Bolschewismus nicht fördern, aber vielleicht eine kleine Besserung zur Folge haben würde und vielleicht eine völlige Zerstörung des alten Militärgeistes, der heute mit allen Mitteln – auch mit den finanziellen des Staates – erhalten wird. Die Demokratie, die da den Ausschlag geben kann, konzediert, nach unendlichen Erwägungen und Erkundigungen, wohl einmal ein Fällchen – zu einer resoluten Kritik des alten Zustandes wird sie sich, wie sie heute ist, nicht aufschwingen. Sie hat sich mitschuldig gemacht. Es ist nichts damit geschehen, dass Herr Hiller oder Herr Marloh abgetan wird: es muß, um das Lieblingswort des bleibenden Gustav zu gebrauchen, »energisch durchgegriffen« werden. Dies da ist gleiches Unrecht für alle und Recht für wenige.

Diese Deutschen können sich Ordnung und geregeltes Zusammenleben nicht anders vorstellen, als dass die ultima ratio, die Gewalt, reaktionär organisiert ist. Weiß ein Mann wie Wolfgang Heine nicht, was unter seiner Verantwortung vorgeht? Weiß er nicht, dass die neue Sicherheitswehr die alten schlechten Offizierstypen aufbewahrt? Genügt ihm, dass sie, für vieles Geld übrigens, ihre Pflicht tut? Dann muß er entfernt werden – denn es genügt nicht. Die sozialdemokratischen Parteifunktionäre, die für solche Erscheinungen eintreten, treiben die Masse dem Bolschewismus in die Arme. Und wirken kulturverderblich.

Der Deutsche neigt dazu, den Militärgeist zu bejahen, wenn man ihm nur Gelegenheit gibt, ihn auch für sein Teil zu betätigen. Der ›roteste‹ Portier ist auf seinem Hof ein kleiner Militärdiktator, weil er sich Ordnung nicht anders vorzustellen vermag.

Die noch immer existierenden Militärs sind aber nicht einmal national. Die Entente bremst den Militarismus, soweit er sich offen manifestiert. Er ist also heute auch für das Land nach außen hin schädlich. Das hindert aber die Deutschen nicht, nach wie vor ihre Einwohnerwehren, ihre Sicherheitswehren, ihre Polizeitruppen zu organisieren. Wofür ist das ein Zeichen? Dafür, dass sie nicht, wie sie behaupten, das Wohl des Landes wollen, sondern einem innern Drang, einem Trieb folgen, den sie nicht unterdrücken können. Sie brauchen diese Über- und Unterordnerei, sie brauchen dies Kollektivbewußtsein, das die Verantwortung in allen Fällen so schön verteilt – sie brauchen das.

Wertungen kommen alle aus dem Gefühl, sind alle von Liebe oder von Haß diktiert und sind letzten Endes nicht mit dem kalten Räsonnement zu bewältigen. Das gefährliche Vereinsmeiertum, das sich hier offenbart, kann wiederum zum Bösen ausschlagen. Aber den Deutschen ist das gleichgültig. Sie sind nicht so: sie lassen auch von einem Monarchisten ihre Banken bewachen.

Es liegt an euch. Gebt den Offizierstypen, die immer noch nicht abgewirtschaftet haben, keine Untergebenen mehr her – ihr müßts heute nicht –: dann gehen sie ein. Keiner von ihnen ist möglich ohne jene Horde von Unterwürfigen. Es liegt an euch. Eine deutsche Kultur kann nicht neben diesem und nicht trotz diesem, wie Thomas Mann glaubt, bestehen. Sie kann nur bestehen ohne das. Ohne dies Militär und ohne diesen Kasernenhof. Alles andre ist Literatur und Tünche.

Mangel an Selbstbeherrschung, Eigennutz, Unterwürfigkeit nach oben und Roheit nach unten: das waren die Kennzeichen des deutschen Offiziers. Nach einem kurzen Novemberschock steckten sie die Helmspitzen wieder hervor. Hier ist die Kardinalfrage der Jugenderziehung, hier der Kernpunkt unsres öffentlichen Lebens. Es liegt an euch. Tötet das deutsche Militär –: und ihr habt eine deutsche Kultur.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 22.01.1920, Nr. 4, S. 106.





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