Ludendorff


Ich habe seit einiger Zeit nicht viel von der Welt gehört, ich lebe hier still und zurückgezogen, beschäftige mich mit Schreiben, lese viel, gehe spazieren und arbeite im Garten. Die körperliche Bewegung einerseits und die absolute seelische Ruhe andrerseits erfrischt mich außerordentlich. Aus Berlin geflohen bin ich nicht, aber ich habe Berlin verlassen, weil in Berlin, genau wie im November, maßlos gegen mich gehetzt worden ist. Ich beabsichtige aber, in einigen Tagen nach Berlin zurückzukehren.

Ludendorff

Im Herzen steckt der Mensch, nicht im Kopf.

Schopenhauer


»Der Deutsche, wie er sein soll« – das war die Charakteristik, die der bürgerliche Posaunenbläser im Kriege dem General Erich Ludendorff und dem Zeitungsleser ins Ohr musizierte. »Ein Mann von Schrot und Korn, ein Mann von eisernem Pflichtgefühl, von eherner Energie ... « Ich weiß doch nicht.

Erich Ludendorff wird unter den Blinden als Einäugiger König, begreift schon 1915, auf welchem Stuhl er sitzt, und reißt bald die gesamte Führung des Landes an sich. Das alte verachtungsvolle Mißtrauen des Militärs gegen Zivil – hier kann es sich einmal restlos auswirken. Maßgebend wird allein das, was man militärische Notwendigkeiten nennt, für die wirtschaftlichen und internationalen Zusammenhänge kommandiert man sich je einen Leutnant ab, und die Arbeiterfrage regeln nach Bedarf Bezirksfeldwäbel und Militärgericht. Es gibt im letzten Stadium der Lungenschwindsucht etwas, was man Euphorie nennt: dem Todkranken wird unendlich wohl, und er glaubt, in kürzester Zeit das Bett verlassen zu können. Und das tut er dann auch ... Deutschland war im August 1914 kannibalisch wohl, und der lichterfelder Kadett, der es führte, mußte damals glauben, endlich habe sich die Welt in das verwandelt, was sie von Rechts wegen schon hätte immer sein müssen; in ein blutiges Paradefeld.

Die anderen bliesen: Das Ganze halt! Unauslöschlich steht fest: Erich Ludendorff floh nach Schweden. Unter Friedrich dem Zweiten war das nicht üblich gewesen – der General neuen Schlages floh. Er hieß drüben solange Lindström, bis man ihn hinauswarf. Dann kam er zurück, mit einem dicken Band Memoiren bewaffnet.

Die Memoiren brachten Geld. Der Mann, dessen Tagesbefehle dem Proletarier und dem Bürger (bis zum Feldwebel aufwärts) striktes Aushalten in Todesnot anbefohlen hatten, kniff aus und brachte zwar eine Niederlage nach Hause, aber doch auch viel, viel Geld.

Und so tief und unerschütterlich eingewurzelt ist die Liebe des schlechtem Teils unsres Landes zu diesem Mann, dass die Haupttatsachen seiner Geschichte heute entweder vergessen oder umgedeutet werden. Erich Ludendorff verlor den Krieg, floh und verdiente auf recht unmilitärische Weise Geld.

Diese ›preußische‹ Verantwortung, die der da zu tragen hatte, glich einem rosa Gummischweinchen, das pfeifend zusammenfiel, wenn man drauf drückte. Verantwortung? Wir haben immer gedacht, das hieße gradestehn für etwas, das man getan habe. Und wir alle sind gern bereit, einem Führer in der Stunde der Not nicht hereinzureden, wenn er nur Manns genug ist, hinterher auf peinliche Fragen Antwort zu geben.

Ich hatte Gelegenheit, Erich Ludendorff in jener Sitzung vor dem Untersuchungsausschuß im deutschen Reichstag zu sehen. Es war die größte Enttäuschung meines Lebens. Ein Mann? Ein polternder und aufgeregter Verwaltungsbeamter mit etwas zackigen Manieren, und wenn ihm die alldeutsche Presse damals bescheinigte, er sei außer Hindenburg der einzige Mann im Saale gewesen, so lag das nur an der Zusammensetzung einer Kommission, die zu ihrem größten Teil aus Waschweibern bestand. Und wie er da stand und sprach und so gar nicht antwortete und sich so gar nicht verantwortete – das war mein Preußen, Das war der Feldwebel, der ein Mann war vor Unteroffizieren und Mannschaften; das war der Großgrundbesitzer, eine Leuchte der Wissenschaft unter Kaschuben und Kossäten, denen er das Lesen verwehrt hatte; das war der Beamte, dem die Brust schwoll, wenn er ein wehrloses altes Weiblein kommandieren durfte. Ludendorff ahnte instinktiv, daß ihm einmal in seinem Leben eine wirkliche Gefahr gedroht hat: im November Achtzehn von den entschlossenen Soldatenräten. Und da riß er aus.

Man hätte ihn nicht aufgehängt. Man hat ihn auch nicht aufgehängt, als er wiederkam, obgleich aller Welt bekannt war, dass er konspirierte und mit stellungslosen Offizieren und solchen, die es täglich werden konnten, Pläne schmiedete ... Kapp kam, Ludendorff sagte seine Walze auf, die einzige, die er gelernt hatte: »Durchhalten!« – und dann brach das Ganze zusammen ... Unauslöschlich steht fest: Erich Ludendorff floh ... Unter Friedrich dem Zweiten war das nicht üblich gewesen – der General neuen Schlages entfloh.

Hunderttausende sind in Ackergräben verdreckt und verreckt und viele Knaben bluteten vor Ypern, weil einem General auf der fettgepolsterten Brust noch ein Orden fehlen mochte. Frauen schlugen die Arme über dem Kopf zusammen und stierten tagelang blind und leergeweint vor sich hin: der da sitzt in Holland. Es geht ihm gut. Es beeinträchtigt ein wenig seine Verdauung, dass man in Berlin gegen ihn hetzt. Er hat doch nichts Böses getan?

Er säße heute als offener oder verkappter Diktator auf einem Thron, wenn die Arbeiterschaft im März dieses Jahres nicht zusammengehalten hätte. Und er erinnert im großen und ganzen an einen Jungen, der die Fensterscheiben einwarf und davonlief, als der Wächter mit dem Stock kam ... Ich bin es nicht gewesen! Ich habe es nicht gewollt ...

Diese neue Führerschaft macht Mode. Es scheint bei uns schon ganz in der Ordnung zu sein, dass man, solange man im Amt ist, Kritik und Einspruch unterbindet mit dem Hinweis auf eben jene Verantwortung, und dass man sie hinterher hohnlachend von sich weist. Ich habe immer geglaubt, Ludendorff sei in diesem Fache so ziemlich das Letzte, was es darin geben könne. Seit Noske auf der Reichskonferenz seiner Partei eine Rede gehalten hat, weiß ich, dass es noch beträchtlich tiefer geht ...

Lernt daraus. Folgt euern Führern, wenn ihr Vertrauen habt, aber verlangt unerbittlich – und setzt das durch –, dass sie euch gradestehn, wenn sie verspielt haben. Sonst kann sich jeder dumme Junge die äußern Annehmlichkeiten eines Führerdaseins verschaffen, und wenns regnet, spannt er seinen Schirm auf und geht nach Hause. Die alten Römer und Griechen dachten darin folgerichtiger: gestürzte Politiker hatten bei ihnen nichts zu lachen, sie verbannten sie, weil sie richtig erkannt hatten, dass sich kein Mensch ändert, dass man nicht umlernen kann, und dass eine Republik von einem Antirepublikaner nichts zu erwarten hat.

Ludendorff und Noske, Lehrer und Schüler, Feldwebel und Unteroffizier – sie sind beide schlechte, weil verantwortungslose Führer. Kläglich und klein würden sie versagen, wenn es zur Abwechslung einmal ihnen und nicht den andern an den Kragen ginge.

Man interviewt sie nach wie vor, sie haben Pläne, sie werden gehört, sie schreiben und verdienen Geld und genießen das Vertrauen unaufgeklärter Menschen. Wir aber können nicht vergessen und rufen ihnen zu: Ihr habt versagt! Ihr habt versagt! Ihr habt versagt!

Was ist Ludendorff? Ein deutscher Führer, wie er nicht sein soll.

 

 

Ignaz Wrobel

Freiheit, 09.05.1920.





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