Der Herr Intendant


Weil in den Romanen und Lokalberichten der Herr Intendant ein Mann war, der sehr blond, sehr schlank und sehr aristokratisch aussah, als Graf bei Kavallerie gestanden hatte und den Theaterkram mit müder Geste so nebenbei schmiß, von strammstehenden Theaterarbeitern ehrfürchtig gegrüßt wurde und die kleinen Ballerinen in seinem Arbeitszimmer, na, warten ließ –: deshalb bewunderten die guten Deutschen einen jeden Intendanten. (War einer zufälligerweise kein glatter Dummkopf, wie Seebach und Hülsen, dann stieg der Respekt ins Ungeheure.) Und bewunderten um so mehr, als man das nicht werden konnte: Intendant – die Laune, pardon, die Gnade des Königs oder Kaisers machte einen dazu. Vom Himmel hoch, da kam er her.

Die Desertion des King scheint hierorts dazu gedient zu haben, alten Leihbibliotheksidealen in die Wirklichkeit zu verhelfen. Es hagelt Intendanten.

Der deutsche Titelunfug ist in der Republik gewaltig gewachsen. (Woran sie ganz unschuldig ist – denn ihr fehlt zum vollen Glück nur noch ein Monarch.) Das Lustigste ist, dass die harmlosen Bürger, die sich mit den Titeln ihrer Sehnsucht schmücken, nun wirklich glauben, an die alten, bewunderten Vorbilder heranzureichen. Aber so viel Post–, Stadt–, Berg–, Zoll- und Studien-Assessoren es nun auch geben mag: so gehaltvoll dämlich wie ein Regierungsassessor der guten, alten Schule ist keiner. Es sind ja doch alles nur strebsame mittlere Beamte, die sich unerhört gehoben fühlen, wenn – wie im Roman! – der Friseur ihnen den Stuhl zurechtrückt: »Bitte, Herr Assessor!«

So auch der Intendant. Sie kommen wild vor. Jeder Stadttheaterthespis verfehlt nicht, sich am Telefon mit: »Intendant Piesecke« zu melden – ja, die Manager von Vergnügungsstätten schmücken sich eilig auch mit diesem süßen Titel. Daß er wertlos ist, empfindet keiner. Sie spielen alle noch: Kaiserreich.

Und ein Publikum spielt munter mit. Welche Wonne, einen – wie auch immer beschaffenen, aber doch einen – Assessor in der Familie zu haben! Und gar einen Intendanten–! Die Assoziationen bei diesen Titeln sind die alten geblieben. Inhalte haben gewechselt – macht nichts: der Deutsche will seinen Titel.

Und dieser Spaß mit all den vielen Intendanten, die es heute gibt, ist so bezeichnend für die Lächerlichkeit, in der eine Nation heute noch lebt und empfindet.

Nicht darüber haben sie sich gekränkt, dass es Assessoren und Exzellenzen und Oberassistenten gab, die jeden, der es nicht war, verachteten. Sie waren darüber böse, dass sie es nicht auch waren. Und so, wie es bei der militärischen Schutzpolizei keine »Leute« mehr gibt, sondern nur noch Wachtmeister – so beeilt sich das ganze Land, Titel, Titel, Titel zu fressen und zu verleihen. Sie glauben an den Titel.

Was eine Amtsbezeichnung mit dem Menschen zu tun hat, ahnt nur der Deutsche. Die ganze Feigheit und Ohnmacht eines verächtlichen Systems liegt darin: die Feigheit von Männern, die den Titel brauchen, weil die Persönlichkeit nicht langt, und die Ohnmacht, ohne Kriecher seinen Willen durchzusetzen. Das geht ohne Ansehen der Partei durch alle: der schikanierende Bahnschaffner, der stramm organisiert ist, und der Kriegsgerichtsrat, der plötzlich – im Gegensatz zu den sozialistischen Schulräten – für jeden Posten geeignet ist: diese Beamtenschaft braucht den Titel.

Kein Geld und keine Geltung, aber: Jedermann sein eigner Intendant. Es muß – so habe ich gelesen – jeder seinen Platz auf der Leiter der Ordnung haben. Und wo stehen diese Deutschen? Sie halten sie.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 11.08.1921, Nr. 32, S. 164.





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