Das Gesicht der Stadt


... die Tragik eines Schicksals, das das aus einer wendischen Fischersiedlung zur mächtigen Millionenstadt und Reichshauptstadt emporgewachsene Berlin dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein.

Karl Scheffler: ›Berlin‹

Man sagt nicht ›berlinerisch‹, sondern ›berlinisch‹, und man ist es.


Aus einer kleinen kargen Residenz wurde diese unsre Stadt durch die Gründerjahre im Scheinsieg des Krieges siebzigeinundsiebzig jäh emporgeworfen. Knallende Fassaden und aufgetakelte Kaufmannsgattinnen, denen der neue Reichtum nicht gut bekam, gaben der Stadt ein Gepräge, das sich mit dem alten Preußentum des Kaisers, seiner Offiziere und Beamten seltsam mischte. Der Reichtum wurde zwar nicht preußisch – aber die Preußen wurden goldgelackt, nicht zum Vorteil für den potsdamer Stil, der die Stadt bisher beherrscht hatte. Das Nationalunglück Wilhelm gab der Stadt den Rest. Und wer geologisch zu schürfen versteht, wird überall in Berlin diese drei Schichten aufzufinden wissen, deren Spuren dreifach vorhanden sind: das alte gute Berlin, das Berlin der Gründerjahre und das wilhelminische, das kriegerische Berlin.

Denn was eine nationale Presse, die ihre Kriegsbände niemals nachblättern darf, weil sie von falschen Prophezeiungen, von falschen Anschauungen und verderblichen Ratschlägen wimmeln, heute an Berlin der Revolution aufs Konto schreiben will, hat am 1. August 1914 seinen Anfang genommen. Der Niedergang des Paradieses für den Mittelstand und die Geburt einer neuen Stadt – das begann damals, als die Gassen widerhallten vom Toben bedauernswerter Irrer, die auszogen, die Welt zu erobern und höchstens Brüsseler Spitzen, ein paar gestohlene Schweine und die Syphilis heimbrachten. Damals, am 1. August, erstand dieses neue Berlin. Welches –?

Zunächst: ein anderes. Das ist die Hauptmelodie, die heute überall gesungen wird: »Vater meiniges! Wie hast du dir verändert –!« Denn es ist nicht mehr dieselbe Stadt, nicht mehr jene, durch die der Kaiser vor den abgehetzten schwitzenden Proletarieruniformen durch die begeisterten und demgemäß abgesperrten Straßen zog. Es heißt noch Berlin. Aber schon ist es das nicht mehr.

Nach den paar wilden Monaten um die Jahreswende des Jahres 1918 – die einzige Zeit, wo in Preußen so etwas wie frische Luft wehte, trotz entsetzlicher Irrtümer, Bruderkämpfe, Mord und Totschlag, Unruhen und Schießereien: frische Luft – (»Na, ich danke!« sagt der sparende Bürger) – nach dieser Zeit hat sich Berlin rasch und folgerichtig entwickelt. Es ist immer mehr nach dem Osten gerutscht.

Diese Kolonialstadt hat sich mit Ostjuden, Polen und Russen überschwemmen lassen müssen – sie ist es, die den ersten Ansturm der Elemente, die im Kulturwesten ihr Glück machen wollen, auszuhalten hat. Diese östlichen propagieren nicht, wie der Teutone Wulle meint, den Bolschewismus – sie sind zum größten Teil seine Feinde. Aber sie verändern Berlin.

Helfferich-Wirtschaft und Ludendorff-Schlamperei haben die Stadt ausgesogen. Vorbei die Seligkeit des Mittelstandes, vorbei Kempinski und die Billigkeit des Amüsiervergnügens – denn wie spezifisch berlinisch war dies, dass sich der Portokassenjüngling vor dem Krieg zwanzig Mark einsteckte und sie geradezu fürstlich – wie es ihm vorkam – durchbrachte. Das gab es in keiner anderen Stadt – anderswo war entweder oben oder unten und dazwischen nichts. In Berlin herrschte früher der Mittelstand. Große Reiche hat es nie gehabt. Die verließen die Stadt oder kamen gar nicht hierher.

Das ist dahin. Der Mittelstand wird langsam, aber sicher zerrieben – die mühsam bewahrte Haltung der Bürgerlichen ist heute schon häufig Tünche, und nach oben und unten wandern sie ab: nach oben – das sind die Kriegs- und Revolutionsgewinnler; nach unten: die proletarisierten Massen.

Wer aus dem Ausland hierherkommt, zeigt uns erst, wie wir geworden sind. Einer sagte mir mal: »Die Leute sehen hier alle so gemein in den Gesichtern aus!« – Das wird wohl wahr sein. Der Kampf des Alltags gräbt sich tief ein – man paukt sich nicht umsonst mit Wohnungsämtern, Hauswirten, Rationierungssystemen und Beamten herum, um den wirklichen Bedürfnissen des Lebens Geltung zu verschaffen. Denn dies ist oberster Grundsatz in Berlin: Alles ist verboten. Und alles wird geschoben.

Es gibt keinen Ehrlichen. Den kann es gar nicht geben, denn die Preußen haben die Aufgaben des Staates falsch verstanden und legen Vorschriften auf, die unerfüllbar sind. Also werden sie umgangen.

Die Melodien sind verschieden. Das Strichmädchen am Schlesischen Bahnhof, der Rennschieber, der kleine Ladenbesitzer, der Mieter, die Hausfrau – sie könnten alle ohne Schiebung gar nicht leben. Der Staat schnürt ihnen – auf dem Papier – die Kehle ab. Und ungeheuer ist die Lebenskraft dieser Namenlosen, unerhört ihre Zähigkeit, sich nicht unterkriegen zu lassen. Leichtsinn? Du lieber Gott, wer kann denn hier leichtsinnig sein! Es ist einfach die brutale Freude, noch da zu sein – nicht in Flandern zu liegen oder in der Türkei – und sich unter gar keinen wie immer gearteten Umständen das Leben saurer machen zu lassen, als es für die Gehalt empfangenden Beamten unumgänglich notwendig ist.

Was die Stadt aus dem Frieden restlos übernommen hat, das ist ihr Tempo. Es ist nicht etwa amerikanisch (dazu ist es zu unpraktisch) – es ist ganz und gar berlinisch, und es steckt alle an. (Das Tempo ist auch ganz deutlich in der Art, sich zu vergnügen, zu erkennen. Amüsement ist hier eine Arbeit.) Das hat das neue Berlin vom alten übernommen. Gänzlich gewandelt haben sich für Ohr und Auge die Typen.

Zunächst ist das Geld in andere Hände übergegangen. Und es sind dickere, fleischigere, feistere Hände als vormals. Die anständigen Gesichter in den Nachtlokalen gehören gemeinhin den Kellnern an, und was die Logen der Theater ziert, verdirbt meist die ganze Fassade. Wer kann noch –?

Hoppla, sie können alle noch! Eine ewig fluktuierende, wechselnde, in des Wortes wahrster Bedeutung hin- und herschiebende Schicht hat Geld. (Nicht Vermögen.) Und wer gerade Geld hat, gibt den Rahmen ab in den Filmpremieren, in Bars, wo nackt oder so getanzt wird, als sei mans, in den tiefen Lederautos, in Hotels und Weinstuben. Reiche Leute sind ja als Erscheinung nur erträglich, wenn der Geist das Geld – olet! olet! – ein wenig verwischt hat. Hier stehts auf allen Stirnen: Vadienen! – Nackt und brutal und mit einem saubern kleinen Willen zur Diktatur. (Die ja auch besteht, ohne dass auch nur einer zetert.) Nie kann ich den dicken Mann vergessen, der im Esplanade saß, in der großen Halle – vor einem großen Tisch mit Kaffee, Zucker, Milch und Kuchen. »Ja«, sagte er, während er gerade einen ganzen Pfannkuchen mit einem Male zu stopfen bemüht war, »sehn Se mal: der Bolschewismus ... ! Die Leute arbeiten ja nicht!« Er arbeitete jedenfalls.

Frauen sind Spiegel. Dieser Reichtum verdirbt die Frauen, die immer bei den Siegern des Lebens sind. Und die Worte, die neulich in der Provinz ein mutiger Staatsanwalt von den bürgerlichen Verführern der Arbeiterinnen gesprochen hat, waren ein bißchen pathetisch – aber das meiste stimmte. Und ist so begreiflich. Einmal am Abend ein bißchen Glanz, nicht immer das Grau, einmal Musik und Wein und Blitzen ... Lieb Heimatland ade ... , Plötzensee ...

Und unmittelbar daneben stinkt das Elend. Über die kurze Strecke Mittelstand hinweg, der sich plagt, in alten Vorstellungen befangen ist und es noch nicht glauben kann, dass seine Zeit vorbei ist – unmittelbar daneben, am Gesundbrunnen, im Osten, im Norden, ein Elend, das dadurch noch scheußlicher wirkt, als man es verhindert, sich auf den Straßen zu zeigen. Betteln ist verboten! »Die deutschen Häuser in den Elendsvierteln Berlins haben alle ein Vorhemdchen an«, hat Graf Keßler einmal gesagt. Außen hui. Und innen?

Innen so, dass mir einmal ein zurückgekehrter Kriegsgefangener sagte: »Ich war fünf Jahre in Sibirien. Da haben sie uns immer erzählt, wie elend die Russen leben. Aber hier! (Er deutete auf seine jämmerliche Stube, in der sieben Personen männlichen und weiblichen Geschlechts schlafen mußten.) Sehen Sie sich das an! Das ist ja viel schlimmer! Und keiner hilft uns!« Und das Traurigste ist, dass es Leuten so geht, die noch etwas verdienen. Was tun die Arbeitslosen –? Sie vertieren. Denn ein Volk geht nicht wie ein Panzerschiff unter. Es verlaust.

Und ganz merkwürdig ist der Haß der Reichen gegen die Armen und vor allem gegen die Arbeiter. Wo früher noch Mitleid war – sentimentales, unnützes Mitleid – ist heute blanker Haß. Vermischt mit Angst. Werden sie uns am Kurfürstendamm etwas tun –? Gott sei Dank, noch haben wir die Sicherheits-wehr ...

Diese vielgelästerte Stadt, unbeliebt in der Provinz, verhaßt aus ganz falschen Ursachen (unsere wahren Fehler sehen die andern kaum) – diese Stadt ist weniger einheitlich, denn je. In den Bilderbüchern und auf den Operettenbühnen lebt sie noch, wie sie dunnemals war: mit dem pfeifenden Schusterjungen, mit den alten dicken Weißbierberlinern, mit den Marktfrauen, deren Maulwerk ging wie eine Kaffeemühle ... Alles, alles ist härter geworden, und jener blanke berliner Witz (die Berliner machten ihre besten und bissigsten Witze vormittags, wenn sie noch nicht gegessen hatten) – der ist dahin. Manchmal blinkte noch auf. Vom auf der Plattform ist alles so voll, dass die Leute kaum atmen können. Da fährt ein Müllwagen vorbei. Und der Kutscher, grinsend: »Warum setzt sich von euch denn keener hin?« –

Und, soweit die Leute noch wirklich Berliner sind, die alte Eigenart ist noch da, sich nichts vormachen zu lassen, das Mißtrauen gegen Schwindel, die Abneigung gegen die großen Worte. »Bei mir? – Ocke.« Und der andere kann abziehen.

Hat diese Stadt ein Gesicht? Wie ist es? Soll es bei der entsetzlichen, unbeirrbaren, deutschen ›Tüchtigkeit‹ bleiben, die im Kommis das Ideal sieht? (Der Ameronger war so ein uniformierter Kommis.) Sollte es nicht über die Fähigkeit hinausgehen, den Laden zu schmeißen? Konfektion und Kino haben eine innere Verwandtschaft. Maßgebend ist für alle eines: der Erfolg.

Was Carl Sternheim in seinem neuen Buch ›Berlin‹ voller Selbsthaß aufzeichnet: es trifft diese Stadt, die immer wieder von vorn anzufangen geneigt ist. Sie steht allemal auf dem Boden der gegebenen Tatsachen. Sie lebt. Wird sie morgen leben?

Da steht der Untergrundbahnwagen. Auf seinem Schild liest du: Berlin. Er ist proppenvoll, so voll, dass eine Scheibe klirrt und ein dieser Mann, der auf dem großen Zeh einer Dame steht, sagt: »Ick will Ihnen mal wat sahrn, Follein, wat Sie mir können! – – Jahnischt können Sie mir ... !« Wo geht das hin?

Wir sitzen drin und wissens nicht. Abfahren!

 

 

Ignaz Wrobel

Freiheit, 16.11.1920.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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